Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    foto: tor books

    Emily Devenport: "Medusa Uploaded"

    Broschiert, 320 Seiten, Tor Books 2018, Sprache: Englisch

    Das gute alte Motiv vom Generationenschiff hat sich US-Autorin Emily Devenport für die Rückkehr zu ihrem Klarnamen ausgesucht; nach ihren ersten Romanen in den 90ern hatte sie unter verschiedenen Pseudonymen gearbeitet. Und sie versteht es, dieses in der SF nicht gerade selten abgehandelte Motiv mit neuem Leben zu füllen. Reichlich gewalttätigem Leben übrigens: Die Erzählerin der Geschichte ist eine Serienmörderin, an Bord des riesigen Schiffs "Olympia" ist es Sitte, Rivalen aus der Schleuse zu werfen, und das Schwesterschiff "Titania" hat man auch bereits ins Vakuum gesprengt. Hier geht's also zur Sache.

    Die Beschreibung der streng hierarchischen Schiffsgesellschaft ist eine der großen Stärken des Romans. Am einen Ende des Spektrums stehen die executives, der Bord-Adel. Am anderen die abfällig worms genannten Arbeiter. Diese Angehörigen der Unterschicht sind blind, taub und stumm auf eine besondere Weise: Da alle geistig mit dem schiffseigenen Computersystem vernetzt sind, können die Sinneswahrnehmungen der Arbeiter nach Belieben gesteuert werden. Wer beispielsweise bei einem Bankett servieren "darf", kann nur das Wesentliche – also Speisen und zu bedienende Gäste – sehen; der nicht für ihn bestimmte Blumenschmuck wird ausgefiltert. Und wenn sich die executives schon mal dazu herablassen, mit einem "Wurm" zu kommunizieren, können sie diesen mit einer Stimme ihrer Wahl sprechen lassen. Es ist die totale Enteignung.

    Ein Wurm wird zum Drachen

    Hauptfigur Oichi Angelis ist ein solcher Wurm. Als Einwanderin von der "Titania" gekommen, findet sie sich auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter wieder. Sie arbeitet als Dienerin und verheimlicht, dass sie dank ihrem Erfinder-Vater ein Interface im Kopf trägt, das ihr eine gewisse Unabhängigkeit erlaubt. Es kommt, wie es kommen muss: Sie begeht einen Fehler und wird aus der Schleuse geworfen (übrigens nicht zum letzten Mal, da entwickelt sich im Lauf des Romans fast ein Running Gag daraus). Allerdings wird sie gerettet und kann sich nun, für tot gehalten, unter wechselnden Tarnidentitäten daranmachen, die Verhältnisse an Bord zu ändern. Morde sind das Mittel ihrer Wahl.

    Gerettet wurde sie von der titelgebenden Medusa, die sich als krakenhaftes Exo-Skelett mit Künstlicher Intelligenz entpuppt. Diese fremdartige Verbündete wird gewissermaßen zu Oichis "Superkraft" und zur Manifestation ihrer Rache- und Revoltegelüste. Science Fiction ist per se schon eine Metapher, aber in "Medusa Uploaded" wird dies besonders deutlich. Da ist nicht nur die wahr gewordene Wunschvorstellung von überlegener Kraft, Oichi hört auch buchstäblich Stimmen im Kopf – erklärt als personifizierte Software-Erscheinungen. Oichi, die den Roman übrigens in Präsens und Ich-Form erzählt (schön langsam die neue Default-Einstellung im Genre), ist im Grunde eine waschechte Soziopathin. Ihre Morde wickelt sie völlig gefühllos ab und hört dabei via implantierte Datenbank klassische Musik, was unwillkürlich an Alex aus "Uhrwerk Orange" denken lässt.

    Murder by numbers

    Apropos Morde: Der Roman beginnt mit einem Manifest Oichis, in dem sie ausführlich ihre Philosophie darlegt und erklärt, zu welchem Zweck sie ihre Taten begeht. Eine Innenschau, die noch vermuten lässt, dass wir es mit einer Mördergestalt mit Ziel und wasserdichtem System zu tun haben, à la Dexter oder Tom Ripley etwa. Ich wollte schon daraus zitieren ... allein, im Nachhinein betrachtet scheint Oichi doch wesentlich weniger aus revolutionärem Kalkül zu handeln, als das elaborierte Intro ahnen ließ.

    So begeht sie einen Massenmord an einer Gruppe von Vergewaltigern – warum sie sich just in diesem Fall zu Anklägerin, Richterin und Vollstreckerin aufschwingt, erklärt sich nicht von selbst. Denn an Bord der "Olympia" werden noch schlimmere Verbrechen begangen. Dafür scheint sich Oichi aber nicht zuständig zu fühlen, und mit einer Adeligen, die ebenfalls Schuld auf sich geladen hat, freundet sie sich sogar an. Dafür tötet sie eine Bürokratin, die ihr einst Unrecht angetan hat: Die ist zufällig – und aus völlig ungeklärtem Grund – vor Ort, als Oichi durchs Schiff schleicht, und muss daher als Zeugin beseitigt werden. Wie praktisch, dass damit auch gleich eine alte Rechnung beglichen werden konnte. Und einmal ganz von diesen zweifelhaften Fällen abgesehen, schreckt Oichi auch nicht davor zurück, Unschuldige als Mittel zum Zweck zu töten.

    Lesenswert

    Der von der Autorin wohl kaum geplante Eindruck einer gewissen Willkür ist für mich die größte Schwäche des Romans. Zu seinen Stärken zählt dafür die Bildhaftigkeit, in der sich uns das Geschehen präsentiert. Da sind auf der einen Seite die in Giger-Optik getauchten Bereiche, in denen die worms leben und arbeiten – und auf der anderen die blitzsaubere Welt der executives. Als träfen zwei ganz verschiedene SF-Konzepte aufeinander, "Alien" und "2001". Oder Oichis innere Gespräche mit den Software-Geistern, die sich ihr manchmal als Inszenierung des japanischen Nō-Theaters präsentieren. Starke Bilder.

    Dazu kommt der Mystery-Faktor. Im Verlauf des Romans türmen sich die Rätsel geradezu auf: Wer hat die Medusa Units gebaut und warum? Wer ist das bleiche "Alien" (ein nicht an Bord geborener Mensch) Gennady Mironenko, der mal Oichis Gegner, mal ihr Verbündeter sein könnte? Ist die namenlose Heimatwelt, von der die Generationenschiffe starteten, mit der Erde identisch? Und sind die "Geister" in Oichis Kopf womöglich die Ausläufer mächtiger Wesen, die am Ziel der Reise schon auf sie warten?

    Fragen über Fragen, und nicht alle werden beantwortet werden. Denn dieser Band ist nur der Beginn des "Medusa Cycle": ein trotz ein paar Schwächen vielversprechender Auftakt und der Beleg dafür, dass sich nach unzähligen Generationen von Generationenschiffsromanen immer noch Neues aus dem Thema herauskitzeln lässt. Und sei es mit Gewalt.

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