Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    foto: bastei lübbe

    Robert Jackson Bennett: "Die Stadt der träumenden Kinder"

    Broschiert, 654 Seiten, € 11,40, Bastei Lübbe 2018 (Original: "City of Miracles", 2017)

    Und hier nun der Abschlussband der "Divine Cities"-Trilogie und die eigentliche Neuerscheinung. Im Grunde kann man die Bände zwar als Einzelromane lesen, aber Querverbindungen gibt es natürlich, darum habe ich zuvor noch schnell "Die Stadt der toten Klingen" nachgetragen. Und keineswegs bereut: Bennetts Bücher lesen sich allesamt hervorragend.

    Die Hauptfigur, auf die wir gewartet haben

    Im dritten Band übernimmt nun endlich die bunteste Figur der Trilogie die Hauptrolle: Sigrud je Harkvaldsson, der unkaputtbare Dreyling (Dreylinge sind gewissermaßen die Entsprechung von Wikingern in Bennetts Romanwelt, inklusive blondem Haar, Schiffsbestattungen und einem knorrigen Pragmatismus). Zweimal haben wir Sigrud zuvor in – durchaus spektakulären – Nebenrollen erlebt. In "Die Stadt der tausend Treppen" fungierte er als rechte Hand der Agentin und späteren Premierministerin Shara Komayd. Ein Haudrauf und versierter Meuchelmörder, der trotzdem irgendwie sympathisch blieb.

    In "Die Stadt der toten Klingen" war Sigrud ungewollt zum Kanzler aufgestiegen und kam sich in seiner neuen Rolle vor wie ein Affe, den man rasiert und in einen Frack gestopft hat. Die turbulenten Ereignisse in der zweiten Romanhälfte boten ihm jedoch wieder Gelegenheit, etwas unmittelbarer ins Getümmel einzugreifen. Und bescherten ihm schließlich einen Schicksalsschlag, der ihn Amok laufen ließ. Seitdem sind 13 Jahre vergangen und der in Ungnade gefallene Sigrud verdingt sich im Exil als Wanderarbeiter. Bis ihn die Nachricht ereilt, dass Shara Komayd bei einem Bombenanschlag getötet wurde.

    Die Versuchung der Macht

    Kaum hat Sigrud an den Tätern blutige Rache genommen, sieht er sich einmal mehr in eine Verschwörung mit göttlicher Beteiligung verstrickt. Diesmal geht es um die – gar nicht so wenigen – Kinder, die die sechs Götter vor ihrem Fall gezeugt haben und die sich seit dem Tod der Eltern inkognito unter die menschliche Bevölkerung gemischt haben. Doch einer von ihnen hegt Pläne: Nokov, die personifizierte Nacht, verschlingt eines seiner Geschwister nach dem anderen, um seine Macht zu vergrößern und die Welt nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen.

    Das klingt nach dem prototypischen Dunklen Lord, doch Bennett hat wenig für Fantasy-Klischees übrig. Im Grunde ist Nokov nämlich ein verunsicherter kleiner Junge, und seine Motive wirken angesichts seiner Leidensgeschichte nur allzu nachvollziehbar. "Die Stadt der träumenden Kinder" wirft das alte Problem auf, das wir schon aus dem "Herrn der Ringe" kennen: Korrumpiert ein Übermaß an Macht immer – ungeachtet der vielleicht gut gemeinten Pläne dessen, der sie innehat? "Ich bin nicht so! Ich werde alles anders machen!" – "Wie viele Tragödien wurden von diesen Worten eingeleitet." Und Nokov wird nicht der einzige bleiben, der der Versuchung der Macht ausgesetzt wird. Nicht alle werden die Entscheidung Galadriels treffen.

    Der Weg zum Neuanfang

    Worauf sich die Stadt im Titel bezieht, wird nicht ganz klar. Das Geschehen beginnt in Ahanashtan, als Sitz der Fruchtbarkeitsgöttin einst ein wucherndes Lothlorien – heute ein Meer aus Wolkenkratzern. Der finale Showdown hingegen findet wieder in der Metropole Bulikov statt, die schon der Schauplatz des ersten Bands war. Den Weg dazwischen legen unsere Helden übrigens per James-Bond-reifer Seilbahn-Verfolgungsjagd zurück. Helden, Plural, weil sich Sigrud unvermittelt in der Beschützerrolle für ein kleines Mädchen wiederfindet: "Léon – Der Profi" hat für die Handlung also auch Pate gestanden.

    Dass Sigrud mehr als ein bloßer Killer ist, konnten wir in den beiden ersten Bänden der Trilogie erahnen – nun wird es offensichtlich. Bennett erzählt seine Geschichten zwar in dritter Person, die jeweilige Hauptfigur räumt uns aber dennoch ein höheres Maß an Innenschau ein. Im Fall von Sigrud stoßen wir dabei auf einen komplexen Charakter voller Widersprüche: Von Schuld und Selbsthass zerfressen, hat er sich zugleich Züge fast kindlicher Unschuld bewahrt – bemerkenswert angesichts all der Leichen, die er auf dem Konto hat. Und vor allem ist er sehr, sehr allein. Zumindest noch.

    Neuanfang ist das Schlüsselwort dieses Bands, der die "Divine Cities"-Trilogie zu einem wunderbaren Abschluss bringt. Neuanfang, den die einen als großen Wurf anzulegen versuchen, während ihn die anderen als mühevolles Vorankommen in kleinen Schritten interpretieren. Robert Jackson Bennett lässt keinen Zweifel daran, welche Sichtweise er vertritt. Das beste Schlusswort zur Trilogie ist vielleicht die schlichte Widmung, die er der "Stadt der träumenden Kinder" vorangestellt hat: Man weiß nie, vielleicht könnte es sogar noch besser werden. Vielleicht. Wenigstens bemühen wir uns. Wir bemühen uns.

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