Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    foto: st. martin's press

    Sue Burke: "Semiosis"

    Gebundene Ausgabe, 336 Seiten, St. Martin's Press 2018, Sprache: Englisch

    Sentience takes many forms, prangt auf dem Cover. Dazu fallen einem spontan ganz verschiedene Erstkontaktszenarien ein. Denken wir etwa an die Schwierigkeiten der Menschen in Frank Schätzings "Der Schwarm", den Yrr klarzumachen, dass wir eine intelligente Spezies sind. Was trotz all unserer Technologie möglicherweise nicht so selbsterklärend ist, wie viele glauben würden. Interessant auch die Perspektive in Sheri Teppers "The Margarets": Dort bemessen Außerirdische den Grad der Zivilisiertheit einer Spezies daran, wie sie mit ihrem Ökosystem umgeht.

    O schöne neue Welt

    Das würde die Menschheit in Sue Burkes Roman "Semiosis" auf die unterste Stufe der Barbarei stellen, so verheerend sind die Umweltprobleme angewachsen. Vielleicht ist die Biosphäre auch schon ganz zusammengebrochen – wir wissen es nicht, denn die Erde liegt für die Protagonisten des Romans 158 Jahre in der Vergangenheit. Im Kälteschlaf sind ein paar Dutzend Kolonisten auf einen Exoplaneten transportiert worden. Das Ziel wurde unterwegs vom Bordcomputer geändert, weil er einen noch aussichtsreicheren Kandidaten entdeckt hatte. Und so stolpern die Siedler nun ohne jegliches Vorwissen über eine neue Welt, der sie den Namen Pax geben. Tapfer erklären sie in der Deklaration des Commonwealth of Pax, in Einklang mit der Natur leben zu wollen, egal wie fremd sie ihnen auch vorkommen mag. Immerhin: Earth had long ago stopped feeling like home, too.

    Der Botaniker Octavo steht als Erzähler des ersten Romanabschnitts für diese Orientierungsphase. Es gilt, sich mit den Gefahren und Chancen vertraut zu machen, die die einheimische Flora und Fauna mit sich bringen. Vom Feeling her erinnert diese Pionierphase an die TV-Serie "Earth 2" – zum Glück aber mit einem wesentlich abwechslungsreicheren Ökosystem. Pax ähnelt in mancherlei Hinsicht der Erde (kein Zufall, Stichwort Panspermie), weist aber auch spannende Abweichungen auf. Vor allem bekommen die Menschen es hier mit Pflanzen zu tun, von denen einige einen verblüffenden Grad an Intelligenz aufweisen: siehe Eingangszitat.

    Meilensteine einer Besiedlungsgeschichte

    Die US-Amerikanerin Sue Burke hat mit "Semiosis" ein ziemlich spätes Romandebüt hingelegt. Was von Vorteil ist, weil es sich in einem reifen, abgeklärten Erzählton niederschlägt. Dass Burke zuvor nur Kurzformate veröffentlicht hat, beeinflusst offensichtlich auch die Struktur: "Semiosis" ist als Episodenroman angelegt, als ein gutes Jahrhundert umfassende Chronik der Besiedlung von Pax. Insbesondere die ersten drei Abschnitte mit ihren abgeschlossenen Handlungsbögen könnten problemlos als eigenständige Novelletten gelesen werden. Denen, die lieber einen klassischen Romanaufbau haben, kommen aber die letzten Abschnitte – insgesamt mehr als die Hälfte des Bands – entgegen. Diese werden sich zu einer einzigen Großerzählung über die entscheidenden Jahre 106/107 zusammenfügen.

    Jeder Abschnitt hat einen eigenen Ich-Erzähler, und von denen verfügt dankenswerterweise jeder über eine individuelle Stimme. Octavo etwa klingt eher pessimistisch und pflichtgetrieben; stets steht er unter Druck, einen Weg zu finden, wie die Siedler überleben können. Auf ihn und seine Generation folgt die rebellische Wahrheitssucherin Sylvia. Ihre Generation gerät mit den gutgemeinten Regeln, die die Gründer aufgestellt haben, in Konflikt. Ab Abschnitt 3 wird sich zu den Menschen auch ein Alien als Ich-Erzähler gesellen: Es ist die einheimische Pflanzenintelligenz, die in den Neuankömmlingen eine unverhoffte Chance für sich selbst erkennt.

    Der einzige Nachteil an Burkes episodenhaftem Aufbau ist, dass man Protagonisten, an die man sich gerade erst gewöhnt hat, bald wieder verliert. Besonders schade ist das im Fall von Higgins, der schillernden Hauptfigur von Abschnitt 3. Im vorangegangenen Kapitel hatten wir ihn noch als kleinen Bub kennengelernt – nun präsentiert er sich uns auf den ersten Blick als durch die Betten hüpfender Womanizer (und gelegentlicher Manizer). In Wahrheit sieht es allerdings eher so aus, dass er aufgrund grassierender Unfruchtbarkeit als Zuchtbulle herhalten muss. Higgins ist von allen Menschen in "Semiosis" am komplexesten angelegt. Er hat die Kommunikation mit den einheimischen Tieren entschlüsselt, ist ein Abenteurer und Problemlöser, sorgt für Unterhaltung und hat stets einen ätzenden Kommentar parat. Kinder lieben ihn, Erwachsene belächeln ihn – bis er zum Helden wird und am Ende trotzdem ein Außenseiter bleibt. Higgins' Geschichte ist für mich das Highlight des Bands: spannend, humorvoll und traurig zugleich.

    Das Auge der Biologin

    Parallel zu den Lebenswegen der Siedler lernen wir auch das Ökosystem von Pax immer besser kennen. Langsam beginnen wir die Zusammenhänge zu durchschauen – unter anderem das Phänomen, warum so viele Tiere und Pflanzen auf Pax einen gewissen Grad von Intelligenz und/oder Domestiziertheit aufweisen. Vor uns entfaltet sich ein Netzwerk, das aber nichts mit New-Age-Harmonie à la Eywa in "Avatar" zu tun hat. Stattdessen geht es – viel realistischer – um Konkurrenzkampf, Selbstsucht und Überlebensstrategien zum Schaden anderer. Die Pflanze, die mit den Menschen ein Bündnis eingeht, drückt es präzise aus: "Like all plants, I am naturally aggressive." Eine nüchterne biologische Wahrheit.

    Man kann "Semiosis" also der Hard SF zuordnen – auch wenn hier nicht Physik die zugrundeliegende Wissenschaft ist. Stattdessen sind es Biologie und Ökologie. Wenn in den letzten Abschnitten ein Krieg heraufdämmert, setzt es zudem Chemie galore. Viele kleine Details zeigen Burkes realistischen Zugang: Etwa das Zusammenspiel der Menschen mit den nippolions, semi-intelligenten Nutztieren. Deren Hirte übernimmt formal die Rolle des Alpha-Tiers im Rudel – und soll er aus Altersgründen abgelöst werden, müssen er und sein Nachfolger erst einen Schaukampf absolvieren, um den Tieren zu demonstrieren, auf wen sie künftig zu hören haben. Das liest sich wie ein Experiment aus der Verhaltensbiologie.

    Semiosis/Semiose ist definiert als "der Prozess, in dem etwas als Zeichen fungiert". Kommunikation ist das Generalthema des Romans – ob zwischen den Menschen im Commonwealth oder zwischen Menschen und anderen Spezies. Und letztlich ist Kommunikation nur der erste Schritt auf dem Weg zum Miteinander – "Semiosis" ist damit ebenso sehr Social SF wie Hard SF. Das ergibt eine faszinierende Mischung, wie sie nicht vielen SF-Autoren gelingt; Joan Slonczewski ("A Door Into Ocean") könnte einem einfallen. Weiteren Büchern von Sue Burke sehe ich mit großer Vorfreude entgegen.

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