Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    fotos: heyne

    Cory Doctorow: "Walkaway"

    Broschiert, 736 Seiten, € 17,50, Heyne 2018 (Original: "Walkaway", 2017)

    Mur Lafferty: "Das sechste Erwachen"

    Broschiert, 480 Seiten, € 10,30, Heyne 2018 (Original: "Six Wakes", 2017)

    Zum Abschluss noch zwei herzliche Empfehlungen für Bücher, die bereits im Original besprochen wurden und nun auch auf Deutsch gelesen werden können. Beide waren übrigens im Best of 2017 enthalten.

    Kampf um die wirtschaftliche Wirklichkeit

    Ist unser globalisiertes neoliberales Wirtschaftssystem wirklich – um das Unwort des Jahrzehnts zu zitieren – alternativlos? Das glauben jedenfalls diejenigen, die von ihm profitieren und in Cory Doctorows "Walkaway" daher zynisch von der Default-Realität sprechen. Bis sie bemerken, dass Aussteiger draußen auf dem aufgegebenen Land eine alternative Gesellschaft aufbauen, die ebenfalls funktioniert – und diese tut es für alle.

    Der Kanadier Cory Doctorow hat aber nicht nur das große Ganze im Auge, er wartet auch mit witzigen Details auf. Dass etwa seine Hauptfigur "Hubert, Etc." eine unglaublich lange Liste von Vornamen hat, ist kein Zufall: Seine Eltern haben ihm die gegeben, weil sein voller Name damit zu lang ist, um ihn in Formularen und Datenbanken einzuspeichern – ein legales Schlupfloch, um alternative Namen verwenden zu können und sich der Nachverfolgung zu entziehen. Tricks, die auch in unserer Welt funktionieren würden, hat der Autor und Datenschutzaktivist Doctorow jede Menge parat: Wer regelmäßig dessen Essays und Kolumnen liest, hat gute Chancen, sich seine digitale Souveränität wenigstens ein Stück weit zu bewahren.

    Mördersuche im Vakuum

    Wesentlich klassischer ist der Plot der Newcomerin Mur Lafferty angelegt. "Six Wakes" ist gleichermaßen Space Opera wie Whodunnit-Kammerspiel. Die gerade einmal ein halbes Dutzend umfassende Crew eines Raumschiffs sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass einer von ihnen ein Mörder sein muss. Die Opfer waren ... gewissermaßen sie selbst, denn die Romanprotagonisten sind Klone derjenigen, die abgeschlachtet wurden. Dass die Gedächtnisinhalte, die der neuen Generation implantiert wurden, lückenhaft sind, erschwert die Tätersuche natürlich beträchtlich.

    Trotzdem bewegen sie sich langsam auf die Lösung des mörderischen Rätsels zu – und währenddessen erfahren wir in Rückblenden Aufschlussreiches über ihre jeweiligen Vergangenheiten sowie über die Gesellschaft, die das System des "seriellen Klonens" hervorgebracht hat. Mit im Grunde sehr einfachen Mitteln gelingt Lafferty damit eine wirklich spannende Geschichte.

    Rundschau, etc.

    In der nächsten Rundschau widmen wir uns unter anderem einem Mann, der unfreiwillig mit jedem Erwachen ein Stück weiter in die Vergangenheit zurückspringt. Und dem apokalyptischen Potenzial von Hautcreme ... (Josefson, 23. 6. 2018)
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    Weitere Titel
    Überblick über sämtliche bisher rezensierten Bücher

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