Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    foto: piper

    Andreas Brandhorst: "Die Tiefe der Zeit"

    Klappenbroschur, 530 Seiten, € 16,50, Piper 2018

    Nach Rohrkrepierern wie den beiden Büchern auf den vorangegangenen Seiten greift man umso lieber wieder zu einem Profi wie Andreas Brandhorst. Der zieht zwar stilistisch oder plottechnisch selten die totale Überraschung aus dem Hut; aber was er tut, das beherrscht er aus dem Effeff. Gleichzeitig ist er die Antithese zu zwei weiteren Autoren in dieser Rundschau (nicht die der besagten Rohrkrepierer!), und zwar Michael Marrak und vor allem Benjamin Rosenbaum. Brandhorst will uns nämlich nicht verwirren und spendiert uns daher ein ausführliches Glossar aller vorkommenden Namen und Begriffe am Ende des Romans. Hier werden Sie geholfen.

    Die Ausgangslage

    Das Grundszenario von "Die Tiefe der Zeit" klingt noch recht vertraut: Einige zehntausend Jahre in der Zukunft hat sich die Menschheit über weite Teile der Milchstraße ausgebreitet. Das gelang ihr vor allem deshalb, weil eine längst verschwundene Hochzivilisation ihre Infrastruktur hinterlassen hat – neben Dyson-Sphären auch Fulkren genannte Sprungtore, durch die man zeitverlustfrei über extreme Distanzen gelangt. Beides hilft leider nicht gegen einen "neuen" Feind, eine Crul genannte Spezies, die schon seit Jahrtausenden die Menschen bekämpft und zur Romanzeit langsam, aber sicher Oberwasser bekommt. Es liegt also wieder einmal an den Hauptfiguren, die Menschheit zu retten.

    So weit, so gut – und doch ist diesmal alles einen Tick anders. Bei Licht betrachtet ist diese Menschheit nämlich das Krebsgeschwür der Galaxis. Sie räumt systematisch jede Konkurrenz aus dem Weg, behindert andere intelligente Spezies in ihrer Entwicklung oder löscht sie gegebenenfalls ganz aus. Nach innen ist sie fast wie ein Insektenstaat mit verschiedenen Kasten organisiert: An die 200 Unterarten von Menschen gibt es, die via Genmodifizierung und technische Augmentierungen Spezialaufgaben nachgehen. Soldaten werden von Kindheit an im Kampf gedrillt, Große Mütter setzen im Verlauf ihres Lebens zehntausend Kinder oder mehr in die Welt. Jeder bewohnbare Raum soll mit Menschen gefüllt werden.

    "Das Universum ist unerbittlich. Es bestraft die Schwachen mit dem Tod." Dass diese Menschheit das Überleben des Stärkeren zu ihrer zentralen Philosophie erkoren hat, rührt von einem alten Trauma her: In ferner Vergangenheit entgingen die Menschen ihrerseits nur knapp der Ausrottung durch Aliens – darum wollen sie nun selbst das Heft in der Hand halten. Im Grunde gleichen sie damit der Menschheit des "Xeelee"-Universums in der imperialen Phase, nach der Vertreibung zweier Invasionswellen und vor dem Untergang. Spannend ist an Brandhorsts Roman vor allem die Frage, ob auch hier das Ende droht, nämlich durch die Crul (die übrigens um keinen Deut sympathischer wirken als die Menschen; als Leser kurzerhand zum Feind überlaufen kann man also nicht).

    Menschen und ihre Bestimmung

    "Was soll aus uns werden, wenn wir nicht mehr die sind, als die wir geboren wurden?" – "Ich weiß es nicht. Vielleicht freie Menschen." In einer Kultur, in der jeder durch Genetik und Erziehung in eine ganz bestimmte Richtung gedrängt wird, sind das Schlüsselsätze. Eine der beiden Hauptfiguren, Jarl, hat mit ihrer Bestimmung auch heftig zu ringen. Genetisch wäre Jarl zum Soldaten bestimmt, doch liegt ihm das Kämpfen nicht. Und je mehr er als Infanterist den Krieg von seiner hässlichsten Seite kennenlernt, desto mehr wird ihm die Unterdrückungspolitik der Menschheit zuwider.

    Die andere Hauptfigur, die Strategin Prizilla, hat keine solchen Bedenken. Als neue Suprema, das Oberhaupt der ganzen Spezies, gilt all ihr Trachten dem Fortbestand der Menschheit. Leider verliert sie just in einer kritischen Phase des Abwehrkampfes 31 Jahre, als sie in eine Zeitanomalie gerät. Dort badet sie nicht nur buchstäblich im Meer der Zeit und sieht die Gesamtheit aller möglichen Gegenwarten, Vergangenheiten und Zukünfte vor sich ausgebreitet (soll heißen: Parallelwelten, soll heißen: kurze Einblicke in andere SF-Romane Brandhorsts wie "Omni" oder den "Kantaki"-Zyklus ...). Sie kommt auch mit einer Botschaft ihres zukünftigen Ichs aus der Anomalie zurück.

    Einmal mehr zeichnen sich in Brandhorsts SF-Handlung also einige Fantasy-Muster ab: Sowohl Prizilla als auch Jarl erleben Visionen, die man ohne technische Erklärung durchaus als Weissagungen bezeichnen könnte. Darin erfahren sie von einer ultimativen "Friedenswaffe", die den Krieg mit einem Schlag beenden würde. Und dieses Wunderwuzzi-Ding kann natürlich nicht von jedermann bedient werden, sondern wird zu einer höchstpersönlichen Bestimmung ("Die Unendlichkeits-Matrix wartet auf dich."). Allerdings, das muss man auch sagen, wird Brandhorst das abgewetzte Fantasy-Motiv vom Auserwählten später noch elegant zurechtrücken.

    Kann man sich gönnen

    Der Schluss ist leider meh. Liest sich irgendwie, als hätte Brandhorst für all die aufgeworfenen Dilemmata selbst keine Lösung parat gehabt und daher ... [Spoiler]. Aber wenn erst mal Zeitpfade und Möglichkeiten ins Spiel gebracht wurden, sind von einem Roman ohnehin selten letzte Antworten zu erhoffen. Davon abgesehen: zügige Handlung, kaum Füllselpassagen, schöner Roman. Erneut hat Andreas Brandhorst genau das abgeliefert, was man sich von ihm erwartet.

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