Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
    32 Postings

    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

    Bild 10 von 12
    foto: heyne

    Douglas E. Richards: "Split Second. Zurück in der Zeit"

    Broschiert, 448 Seiten, € 15,50, Heyne 2018 (Original: "Split Second", 2015)

    An den Blurbs sollt ihr sie erkennen! Zugegeben, die Methode funktioniert nicht immer, aber in dem Fall war sie ein Treffer ins Schwarze. Da prangt auf der Buchrückseite 1) ein Vergleich mit Michael Crichton und 2) ein hymnisches Lob von Douglas Preston. Beides zusammen ließ vorab erahnen, wozu sich "Split Second" schließlich tatsächlich entpuppen würde: zu einem Wissenschaftsthriller der eher grellen als hellen Art.

    Die Ausgangslage

    Not a spoiler: Erst nach einem Drittel des Romanumfangs erfahren die Hauptfiguren, was uns bereits der Klappentext verrät: Die brisante Erfindung, die der junge Physiker Nathan Wexler gemacht hat, ist eine Methode, die Dunkle Energie (bzw. das "Quintessenzfeld" des Universums) anzuzapfen, um Sprünge durch die Zeit durchzuführen. Zwar maximal im Ausmaß von einer halben Sekunde(!) in die Vergangenheit, aber das reicht bereits aus, dass einige bereit sind, dafür über Leichen zu gehen.

    ... was sie auch prompt demonstrieren. Kaum hat Nathan mit seiner noch jüngeren Verlobten Jenna auf den Erfolg angestoßen, da stürmt ein Einsatzkommando das Haus und entführt die beiden. Unterwegs kommt ihnen allerdings ein konkurrierender Trupp in die Quere und im folgenden Gemetzel löschen nicht nur alle Söldner einander bis auf den letzten Mann aus, auch Nathan wird brutal ermordet. Nur Jenna entkommt. Nun liegt es also an ihr, das wissenschaftliche Erbe ihres Verlobten zu retten.

    Da muss man als Leser so einiges schlucken

    Die Glaubwürdigkeit geht schon in diesen allerersten Kapiteln flöten. Erstaunlich unbeeindruckt von den Ereignissen (Entführung, Massaker, Ermordung der Liebe ihres Lebens), hijackt Studentin Jenna binnen Minuten ihrerseits einen Fluchtwagen. Dem verdutzten Fahrer richtet sie, eine erbeutete Maschinenpistole schwenkend, aus: "Geben Sie mir Ihr Handy. (...) In drei oder vier Stunden rufe ich jemanden aus Ihrem Adressbuch an und sage ihm, wo Sie sind und wo ich Ihren Wagen abgestellt habe." Anschließend übertölpelt sie noch einen weiteren Söldner, als sie einen USB-Stick mit den Daten Nathans birgt: das alles so routiniert, als hätte sie den Angelina-Jolie-Agentinnen-Workshop besucht. Die "Trauer" und "Verzweiflung", die ihr der Autor in den Mund legt, kaufe ich Jenna angesichts ihres professionellen Vorgehens keine Split Second lang ab.

    Und so geht es munter weiter. Jenna engagiert auf der Flucht einen Privatdetektiv und ehemaligen Army Ranger, der es offenbar für eine erfolgversprechende Idee hält, für eine Frau zu arbeiten, die ganze 500 Dollar in der Tasche hat und ihm anvertraut, dass er gegen eine Organisation "mit unbegrenzten Möglichkeiten" antreten wird müssen. Zu den beiden gesellt sich später noch ein Physiker-Kollege Nathans, und schon können die drei ??? auf Ermittlung gehen.

    Wussten Sie schon, dass ...?

    Einen glaubwürdigen Thriller-Plot auf die Beine zu stellen, ist also nicht unbedingt Douglas E. Richards' Stärke – aber der Mann war ja auch Molekularbiologe und Autor von Sachtexten, ehe es ihn in die Belletristik zog. Zu dieser Herkunft passt, dass in seiner Erzählweise stets eine erklärende Komponente mitschwingt. Bis hin zu in langen Monologen ausgeführten wissenschaftlichen Gedankenspielen und leider auch Dialogen, in denen die Protagonisten brav Infos aufsagen, die nur für die Leser bestimmt sind und die sonst niemals ins Gespräch einfließen würden.

    Zur Einschätzung: Richards flutet uns zwar nicht mit Zahlen und Fakten wie ein Frank Schätzing oder Kim Stanley Robinson. Dafür scheint er keinerlei Gespür dafür zu haben, wann für einen kleinen Exkurs Platz ist. Selbst in Situationen höchster Anspannung kann Info gedumpt werden: Die Gegend war stark bewaldet, überall standen die namensgebenden Torrey-Kiefern, die es nur auf diesem schmalen Abschnitt der Küstenlinie gab, was sie zur seltensten Kiefernart der gesamten USA machte. Zudem befanden sich hier ein renommiertes Krankenhaus, eine florierende Biotech-Szene, ein spektakulärer Golfclub, der oben an den Klippen lag, mit Ausblick auf den Pazifik, und über achthundert Hektar Naturschutzgebiet mit fast dreizehn Kilometer Wanderwegen. Mitten im Verlauf einer Geiselübergabe ist das natürlich essenzielles Wissen.

    Resümee

    Als Spannungsfaktoren kann "Split Second" zwei Fragen für sich verbuchen: Welche der beiden einander spinnefeinden Geheimorganisationen, die um Nathans Entdeckung kämpfen, ist nun die gute und welche die böse (die "gute" wird übrigens einen Massenmord begehen)? Und wofür soll ein Zeitsprung über eine halbe Sekunde eigentlich gut sein? Dafür wird Richards immerhin einige originelle Ideen parat haben. "Split Second" arbeitet sich damit nach dem hanebüchenen Anfang mit Zähnen und Klauen zu Durchschnittsware hoch, um dann bis hin zum Fremdschäm-Finale doch wieder vogelwild zu werden.

    Wer Lincoln Childs "Frequenz" etwas abgewinnen konnte, wird auch an "Split Second" seine Freude haben. Der Rest kann sich immerhin über haarsträubende Ideen und stilistische Perlen wie Transformation zu einem kampfgestählten Diamanten amüsieren. Anspruchsloses Lesefutter: Summer is coming.

    weiter ›
    Share if you care.