Der Rausch der Österreicher: Alkohol und Cannabis

    9. Mai 2018, 08:00
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    DER STANDARD hat im Vorjahr zu einer Umfrage über Drogenkonsum eingeladen. Rund 3.900 Österreicher haben mitgemacht und von ihren Erfahrungen berichtet

    Bier, Wein und Schnaps trinken, kiffen, Ecstasy-Pillen schlucken oder Koks ziehen. Welche legalen und illegalen Drogen weltweit konsumiert werden, erheben britische Forscher seit fünf Jahren. Nun liegen die Ergebnisse des Global Drug Survey 2018 vor, an dem insgesamt knapp 130.000 Frauen und Männer teilgenommen haben. Rund 3.900 davon leben in Österreich, auch unsere Leserinnen und Leser haben mitgemacht. Die Auswertung der Antworten aus Österreich liegt dem STANDARD vor. Die Daten sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, geben aber einen Einblick in das Konsumverhalten von Menschen, die sich zumindest für Drogen interessieren.

    Auffällig ist, dass das Bildungsniveau der österreichischen Studienteilnehmer überdurchschnittlich hoch ist. 44 Prozent haben einen Hochschulabschluss, im Gesamtsample sind es 36 Prozent. Auch der Frauenanteil ist in Österreich mit 39 Prozent etwas höher als in der Totalstichprobe (34 Prozent).

    Alkohol ist nach wie vor die Volksdroge schlechthin. 95 Prozent aller Befragten haben in den vergangenen zwölf Monaten zumindest einmal zu Bier, Wein oder Schnaps gegriffen. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer (54 Prozent) konsumierte im Vorjahr auch illegale Drogen wie Cannabis, Ecstasy (MDMA), Speed oder Koks, in Österreich waren es 55 Prozent.

    Österreicher ignorieren Warnhinweise

    In der Online-Befragung wurde auch der Effekt von möglichen Warnhinweisen auf Flaschenetiketten erhoben. Den Verweis auf ein erhöhtes Aggressionslevel durch Alkoholkonsum sehen vor allem Teilnehmer aus den süd- und mittelamerikanischen Ländern Kolumbien, Mexiko und Brasilien als wirkungsvoll an. Österreicher, Deutsche, Dänen und Schweizer zeigen sich hier wenig beeindruckt.

    Für drei Viertel der Frauen unter 25 Jahren war neu, dass die Reduktion des Alkoholkonsums helfen kann, das Risiko für sieben verschiedene Arten von Krebs zu reduzieren. "Dies weist darauf hin, dass auch im Bereich der legalen Drogen noch Aufklärungsarbeit hinsichtlich der gesundheitlichen Risiken des Konsums geleistet werden muss. Generell scheinen die männlichen Befragten im Schnitt mehr über die gesundheitlichen Konsequenzen des Alkoholkonsums zu wissen", schreiben die Studienautoren.

    Aufgeklärte deutschsprachige Länder

    Einfache und verständliche Botschaften zu den Gesundheitsrisiken kommen bei den Befragten gut an, aber nur eine Minderheit würde sich dadurch zu einer Änderung des Konsumverhaltens verleiten lassen. Vor allem die Studienteilnehmer aus Österreich zeigen sich hier weitgehend resistent. Die Schlussfolgerung der Forscher: "In den deutschsprachigen Ländern sind bereits gute Gesundheitsinformationen zu den Folgen des Alkoholkonsums zugänglich. Das könnte der Grund sein, warum nur wenige Befragte über eine Verhaltensänderung nachdenken, nachdem sie diese Botschaften gelesen haben."

    Mehr als ein Viertel der österreichischen Befragten, die im vergangenen Jahr Alkohol getrunken haben, wollen im nächsten Jahr weniger trinken. Etwa jeder Zehnte aus dieser Gruppe plant professionelle Hilfe aufzusuchen. "Das ist zwar mehr als in anderen Ländern, aber verhältnismäßig noch immer wenig", so die Studienautoren.

    Gegen Cannabis ist kein Kraut gewachsen

    47,3 Prozent der befragten Österreicher haben in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis geraucht. 61,3 Prozent gaben an, es zumindest einmal in ihrem Leben probiert zu haben. Den Wissenschaftern zufolge kann man über ein Drittel der österreichischen Probanden als sehr regelmäßige Cannabis-Konsumenten bezeichnen. Etwa ein Viertel hat im vergangenen Jahr an mehr als 200 Tagen gekifft.

    "Der regelmäßige Konsum von Cannabis ist für viele Menschen Normalität. Hier stellt sich die Frage, ob Österreich unter der aktuellen Regierung zu einem Wandel in der Drogenpolitik bereit ist oder weiterhin die durchaus schädlicheren Produkte der Tabak- und Alkoholindustrie unterstützt", sagt Ko-Autorin Larissa Maier. Die Forscher fordern deshalb eine Steuererhöhung auf hochprozentige alkoholische Getränke und ein öffentliches Rauchverbot zum Schutz der Passivraucher.

    28,3 Prozent der österreichischen Konsumenten würden gerne weniger Cannabis konsumieren, 6,9 Prozent haben dafür bereits professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Unerwünschte Effekte auf die Motivation und Stimmung sind die Hauptgründe für die Reduktion des Cannabiskonsums. Allerdings ist die Rückfallwahrscheinlichkeit in allen Ländern sehr hoch. Insgesamt haben 70 Prozent der Befragten nach einer mehr oder weniger längeren Abstinenz wieder mit dem Kiffen angefangen.

    Kokslieferung schneller als der Pizzabote

    Der erstmalige Konsum von Kokain, MDMA und LSD findet meist im Alter von 18 bis 25 Jahren statt. Mehr als die Hälfte der Personen, die LSD konsumieren, gibt an, immer schon gewusst zu haben, dass sie die Substanz eines Tages probieren würden. Bei Kokain und MDMA stimmten dieser Aussage jeweils 40 Prozent zu. In Österreich haben 17 Prozent der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten zumindest einmal gekokst.

    Besonders plakativ ist ein Teilergebnis der Untersuchung, das sich mit der Beschaffung von Kokain beschäftigt. So wurde verglichen, wie schnell die Droge im Vergleich zu Pizza geliefert wird. Denn vor allem auch durch die zunehmende Überwachung durch Videokameras im öffentlichen Raum wird der Straßenverkauf nach und nach durch Online-Bestellungen im sogenannten Darknet verdrängt.

    So ist es auch wenig verwunderlich, dass ein Drittel der weltweit befragten Kokainkonsumenten sich dieses direkt nach Hause bestellt hat. Insgesamt gaben 30 Prozent an, dass sie den Stoff in 30 Minuten oder weniger geliefert bekommen könnten. Zum Vergleich: Nur 16,5 Prozent konnten sich eine Pizza in der gleichen Zeit liefern lassen. "Was bedeutet es, wenn Kokain schneller kommt als Pizza, und wie machen wir weiter, wenn die Verbote nicht greifen?", fragt Maier, nimmt davon aber Österreich aus: "Im Vergleich zu anderen Ländern steht hier die Bestellung via Darknet noch ganz am Anfang. Das Thema sollte aber weiterhin beobachtet werden."

    Die Realität: Menschen konsumieren Drogen

    Kokain zählt nach wie vor zu den teuersten illegalen Drogen. Die Preise variieren zwischen durchschnittlich 212 Euro (Neuseeland) und rund fünf Euro in Kolumbien. Der österreichische Marktpreis liegt mit 88 Euro etwas über dem Gesamtmittel von knapp 80 Euro.

    Zwei Drittel der Befragten planten den Konsum der drei Substanzen Kokain, MDMA und LSD längerfristig, aber längst nicht alle probieren die Drogen dann tatsächlich aus. Der Einfluss des Freundeskreises ist generell eher schwach. Grundsätzlich geben die Befragten an, dass bei allen drei Substanzen die positiven Effekte überwogen hätten und die negativen Effekte kleiner als erwartet waren. "Dies deutet auf die Wichtigkeit einer ehrlichen Konversation zu den Risiken, aber auch positiven Effekten des (erstmaligen) Konsums von psychoaktiven Substanzen hin", so Maier.

    Die Wissenschafterin betont: "Je länger das Einstiegsalter herausgezögert werden kann, desto besser für die Hirnentwicklung. Ganz vom Konsum abzuraten scheint jedoch bei interessierten Personen nichts zu bringen. Substanzkonsum ist und bleibt eine Realität – wie wir gesellschaftlich damit umgehen, beeinflusst das Wohlergehen der Bevölkerung", resümiert die Expertin. (bere, gueb, dy, 9.5.2018)

    Über den Global Drug Survey

    Der Suchtforscher Adam Winstock gründete 2012 ein unabhängiges Institut, das den Global Drug Survey veröffentlicht. Seit 2012 werden jährlich die Gewohnheiten von Drogenkonsumenten weltweit erfragt. 2017 haben 115.500 Menschen aus mehr als 50 Ländern den Fragebogen ausgefüllt. 2018 waren es rund 128.000. Ziel des Instituts ist, Risiken und Nebenwirkungen des Drogenkonsums zu minimieren, indem Daten gesammelt werden, auf welche Art und Weise Drogen konsumiert werden.

    Über die Methodik der Befragung

    Die Befragten werden nicht zufällig ausgewählt, sondern füllen freiwillig einen Onlinefragebogen über ihr Drogenkonsumverhalten aus. Die Umfrage ist anonym und nicht repräsentativ für die jeweilige Bevölkerung des Landes. Die Aussagen lassen sich nicht verallgemeinern. Sie bieten dennoch einen Einblick, wie häufig Drogen konsumiert werden.

    Über die Datenbasis für Österreich

    61 Prozent der Antworten kamen von Männern. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 28 Jahren. Etwa vier von zehn Befragten waren jünger als 24 Jahre (44 Prozent). Bei 66 Prozent der österreichischen Stichprobe handelte es sich um Erwerbstätige, der Rest entfiel auf arbeitslose Menschen.

    Warum ist die Befragung online und anonym?

    Das hat den Vorteil, dass die Daten rascher und kostengünstiger erhoben werden können. Durch die Anonymisierung erwarten sich die Studienautoren ehrlichere Antworten, da der Einfluss durch etwaige Interviewer wegfällt.

    Welche Mängel hat die Befragung?

    Personen, die keinen Zugang zum Internet haben, können nicht teilnehmen. Unabhängig davon kann es zu einer Verzerrung durch sozial erwünschtes Antwortverhalten kommen. Zudem ist es möglich, dass die Teilnehmer Antworten geben, von denen sie glauben, dass der Studienleiter sie gern lesen würde. Das Ausfüllen nimmt relativ viel Zeit in Anspruch, weshalb davon auszugehen ist, dass vor allem Menschen teilnehmen, die sich bewusst mit ihrem Drogenkonsum auseinandersetzen oder sich zumindest für Drogen interessieren.

    Wie viele Personen nehmen pro Land teil?

    Die Anzahl der Antworten pro Land variiert stark. So sind etwa für Deutschland rund 49.000 Fragebögen ausgefüllt worden, in den USA gab es nur etwa 6.000 Teilnehmer. Die Befragung lief von 10. November bis 30. Dezember 2017.

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    • Das Kraut liegt im Trend: Mehr als ein Viertel der Befragungsteilnehmer aus Österreich raucht an mehr als 200 Tagen im Jahr Cannabis.
      foto: getty images/istockphoto

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