Wie schlecht der Tourismus für das Klima wirklich ist

    7. Mai 2018, 18:07
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    Australische Forscher haben neue Berechnungen zur CO2-Bilanz des globalen Reisens angestellt. Ihre Ergebnisse und Empfehlungen geben zu denken

    foto: reuters
    Fünf Kreuzfahrtschiffe im trüben Licht des Sonnenuntergangs. Der globale Tourismus verantwortet acht Prozent der Kohlendioxidemissionen.

    Sydney/Wien – Der globale Tourismus ist längst eine Billionen-Euro-Industrie, die heute noch dazu schneller wächst als der Welthandel. Doch wie sehr tragen diese Reisen zum Treibhausgasausstoß bei? Bisherige Schätzungen gingen davon aus, dass der internationale Tourismus eine eher untergeordnete Rolle bei der CO2-Bilanz spielt: So ermittelten Forscher 2010 einen Ausstoß von 1,12 Milliarden Tonnen Kohlendioxid – oder rund 2,5 Prozent der weltweiten Emissionen.

    Ein australisches Forscherteam um Manfred Lenzen (Universität Sydney) wollte es genauer wissen und hat eineinhalb Jahre lang recherchiert. Bei den komplexen Analysen beschränkten sich die Forscher nicht nur – wie bisher – auf die zusätzlichen CO2-Emissionen durch touristischen Transport und Hotels, da dies keine vollständigen CO2-Fußabdrücke darstelle, wie Co-Autorin Arunima Malik sagt. Entsprechend nahm sie mit ihrem Team zusätzlich noch rund eine Milliarde Lieferketten unter die Lupe, die es ohne Tourismus nicht geben würde. Dazu zählt etwa auch das Essen für die Touristen oder die Herstellung von Souvenirs.

    Daten aus 189 Ländern

    Die Daten zur Studie kamen aus 189 Ländern und wurden auch von der Weltorganisation für Tourismus bereitgestellt. Die Auswertung dieser Informationen lieferte ein sehr viel dramatischeres Bild von der CO2-Bilanz des globalen Tourismus. Laut der neuen Studie, die im Fachblatt Nature Climate Change veröffentlicht wurde, trägt der Tourismus rund acht Prozent zum gesamten CO2-Fußabdruck bei, also mehr als dreimal so viel wie bisher gedacht.

    Das liegt zum einen an der umfassenderen Berechnungsmethode, zum anderen aber auch an den jährlichen Steigerungsraten: Laut den ermittelten Daten der australischen Wissenschaft stieg der touristische CO2-Ausstoß allein von 2009 bis 2013 von 3,9 auf 4,5 Milliarden CO2-Äquivalente, also um jährlich rund 3,3 Prozent.

    Folge des wachsenden Wohlstands

    Der wachsende Wohlstand in vielen Teilen der Welt trägt das Seine dazu bei, wie die Forscher herausfanden und auch quantifizierten: Bei einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 40.000 Dollar pro Kopf führe ein Anstieg des Wohlstands um zehn Prozent zu einem Anstieg des CO2-Fußabdrucks durch Reisen um bis zu 13 Prozent. Zudem wachse das Segment der Luxusreisen besonders stark, und hier spielen vermögende Touristen auch aus China oder Indien eine wichtige Rolle.

    Visualisierung der wichtigsten Reisebewegungen global nach Ländern.

    Die Rangliste der touristischen Treibhausgasverursacher führen Reisende aus den USA, China und Deutschland an, gefolgt von Touristen aus Indien, Mexiko, Brasilien, Kanada und Japan. Umgekehrt gäbe es etliche Länder wie die Malediven, Mauritius, Zypern oder die Seychellen, wo die Touristen mittlerweile 30 bis 80 Prozent zu den nationalen Kohlendioxidemissionen beitragen würden.

    Die Forscher haben die CO2-Fußabdrücke durch den Tourismus auch bilateral analysiert und in eine Rangliste gebracht: Die Pfeile zwischen den Staaten zeigen die Treibhausgas-Bewegungen – Menschen reisen in den entgegengesetzten Richtungen. Auf globaler Ebene heißt das zum Beispiel, dass Kanadier und Mexikaner, die in die USA reisen, die größten CO2-Fußabdrücke hinterlassen. (Die Erdkugel lässt sich durch Anklicken bewegen und auch vergrößern bzw. verkleinern; Visualisierung: Daniela Yeoh)

    Die wahren Kosten des Fliegens

    Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Faktoren tragen die Flüge mit Abstand am meisten zur CO2-Bilanz des globalen Tourismus bei. Deshalb ist die wichtigste Empfehlung der Wissenschafter an die Reisenden rund um den Globus, Flüge so gut es geht zu vermeiden oder Kompensationen dafür zu zahlen. Lenzen rechnet vor, dass die zusätzlichen Kosten dafür bei einem Flug von Sydney nach London und retour immerhin 425 Dollar betragen würden.

    Auf politischer Ebene plädieren die Forscher dafür, den Tourismus künftig – anders als beim Pariser Klimaabkommen – bei Klimaverträgen als eigenen Punkt aufzunehmen. Denn wohl nur so könne der Anstieg der Treibhausgasemissionen durch Touristen bis 2025 auf fünf Milliarden Tonnen begrenzt werden. (Klaus Taschwer, 7.5.2018)

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