IGGÖ: 15 Prozent mit Kopftuch in islamischen Volksschulen

6. Mai 2018, 08:24
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Islamische Glaubensgemeinschaft führte Erhebung in konfessionellen Volksschulen durch – Weiter vehement gegen Verbot

Wien – Das von der Regierung geplante Kopftuchverbot in Kindergärten und Schulen hat die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) dazu veranlasst, Zahlen zu erheben. Nicht einmal 15 Prozent der Mädchen seien in den islamisch-konfessionellen Volksschulen betroffen, sagte Präsident Ibrahim Olgun im APA-Interview. Unterstützung erhofft er sich durch die Jüdische Gemeinde, zu der er vermehrt den Kontakt sucht.

Nach wie vor stellt sich die IGGÖ vehement gegen das Kopftuchverbot. "Es ist sehr unverständlich, sehr bedauerlich, dass die Politik versucht, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen", meint Olgun weiter und: "Solange so ein Verbotsgesetz nicht verabschiedet wird, sind wir immer bereit für Gespräche." Finde man keine Lösung, "bleibt uns nichts anderes übrig als alle rechtlichen Mittel zu nützen", was bis zum Europäischen Menschengerichtshof (EGMR) reichen könne.

Ohnehin sei die politische Diskussion über Kopftücher für Kinder eine "Scheindebatte", was die internen Zahlen der IGGÖ belegten. Die Zahlen seien "für uns nicht überraschend" und hätten laut Olgun bewiesen, "dass es eigentlich kein Thema ist". Die Hälfte der Trägerinnen in den konfessionellen Volksschulen würden zudem nur gelegentlich auf das Kleidungsstück zurückgreifen, die Mehrheit erst ab der dritten und vierten Klasse.

Einzelfälle

Olgun schließt aus den internen Zahlen zu den Kopftuch-Trägerinnen auch auf die Allgemeinheit: "Wenn das in unseren islamischen-konfessionellen Schulen der Betrag so wenig ist, wie kann es sein, dass es in den allgemeinen öffentlichen Schulen so viel mehr ist?" Zwang durch die Eltern gebe es lediglich in Einzelfällen, die stets durch den innermuslimischen Diskurs gelöst würden. Auch verbiete man wegen alkoholisierter Autofahrer auch nicht generell das Autofahren, meint der IGGÖ-Präsident.

Auch hofft Olgun in der Debatte auf die Solidarität anderer Glaubensgemeinschaften, wie etwa der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG). Mit deren Präsidium habe es "in letzter Zeit einige gute Gespräche" gegeben, um über Probleme, aber auch Gemeinsamkeiten zu sprechen, bestätigt Olgun. Geeinigt habe man sich auf die Bildung eines Arbeitsteams, das gemeinsame Projekte erarbeiten soll, wo man sich noch mehr annähern könnte.

Ein großes Thema beim islamisch-jüdischen Dialog soll laut Olgun der zum Teil existierende Antisemitismus sein, wobei Olgun hier ein Generalverdacht gegen die Muslime sieht. "Ich kann sagen, dass die absolute Mehrheit der Muslime in Österreich grundsätzlich nicht judenfeindlich ist", meint er. Antworten könne man darauf mit gemeinsamen Aktivitäten, wie Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern oder eine "Imame- Rabbiner-Konferenz".

Mehr Kontakt zu Asylwerbern

Ein vermehrtes Aufkommen anti-jüdischer Ressentiments ortet Olgun vor allem bei einer Gesellschaftsgruppe: "Wir gehen davon aus, dass durch die Flüchtlingswelle, vor allem bei den jungen Flüchtlingen, dieses Gedankengut vielleicht hineingetragen worden ist nach Österreich." Nicht nur darum wünscht sich der IGGÖ-Präsident mehr Kontakt zu Asylwerbern, was bisher nur etwa durch Essens-Aktionen während des Fastenmonats Ramadan geschehe.

Nicht vom Tisch ist auch die Gründung einer eigenen muslimischen Hilfsorganisation nach Vorbild der katholischen Caritas oder der evangelischen Diakonie. "Wichtigere Bereiche" und "unerwartete Probleme" hätten dies aber verzögert. Dabei gehe es nicht darum, eine parallele Struktur zu bilden, sondern die Last von anderen Organisationen zu nehmen, betont Olgun. Zugutekommen solle eine solche Organisation nicht nur Muslimen, sondern allen Hilfsbedürftigen.

Keine weiteren Moscheen in Städten

Olgun sieht keinen Bedarf für weitere Gebetshäuser in den Städten. "In Wien brauchen wir keine Moscheen mehr", sagte er. Für die Kriegsinszenierung mit uniformierten Kindern in Wien sieht er den dortigen Imam mitverantwortlich. An die Muslime appellierte er, sich besser zu integrieren.

"Wir müssen uns mehr darauf konzentrieren, dass wir andere wichtige Einrichtungen haben, die alle Menschen betreffen", begründet Olgun seine Absage. So gebe es zu wenig Flüchtlingsunterkünfte, Waisenhäuser und Schulen. Dennoch ist der IGGÖ-Präsident davon überzeugt, repräsentative Moscheen mit Kuppel und Minarett "österreichischer Prägung" seien eine Bereicherung. Aber: "Was sollen wir mit einer Moschee machen, wenn die Gesellschaft Vorurteile hat und diese Moscheen als parallele Strukturen sieht?"

Imam verantwortlich

Rund 350 islamische Gebetshäuser unterstehen der IGGÖ – auch jenes des türkischen Vereins ATIB, das aufgrund von Kriegsinszenierungen mit Kindern in den Fokus der Politik geraten war. Die Veranstaltung sei offenbar eine Idee des dortigen Geistlichen gewesen, bestätigt Olgun mittlerweile. "Der Imam hatte keine radikalen Gedanken, nur, er hatte keine Ahnung gehabt, wie das hier ist. Dass so etwas in Österreich in einer Moschee keinen Platz hat."

Verärgert zeigt sich Olgun, der den Vorfall bereits öffentlich verurteilt hat, über den Umstand, dass geistliche Räumlichkeiten für eine unangemessene Veranstaltung benutzt worden seien. "Ich bin nicht dagegen, dass irgendwelche angemessenen Gedenkveranstaltungen im legalen Bereich gemacht werden. Aber ich habe ein Problem, wenn sie im Gebetsbereich gemacht werden", weist er auch auf das neue Islamgesetz hin, welches dies regelt.

Dennoch ist es laut dem IGGÖ-Präsidenten schwer, alle Einrichtungen ständig zu kontrollieren. "Wir haben nicht 350 Personen, die wir 24 Stunden vor einer Moschee als Wachperson aufstellen können", meint er dazu. Dennoch sei die Glaubensgemeinschaft stets bemüht, unter anderem durch Schulungen auf die rechtliche Lage aufmerksam zu machen und verweist auf den jüngst verabschiedeten Kriterienkatalog für Moscheen und Imame.

Muslime unter Generalverdacht

"Das Ansehen unserer Moscheen wurde beschädigt und das darf nicht der Fall sein", bedauert Olgun die Vorfälle. Die Reaktion der Politik auf solche Vorfälle sieht er dennoch überzogen. Es sei "sehr schade und sehr traurig", dass Muslime dadurch unter Generalverdacht gestellt würden. Sollte eine Kirche oder Synagoge betroffen sein, geschehe dies nicht in diesem Ausmaß. Mit dem Kultusamt, das mit der Aufklärung der Vorfälle werde man jedenfalls weiter eng zusammenarbeiten.

An die Muslime in Österreich richtet der Präsident der Glaubensgemeinschaft einen Appell: "Sie sollen sich bitte vorbildhaft in die Gesellschaft einbringen." Ein aufeinander Zugehen, "anstatt übereinander zu sprechen", wünscht er sich auch von der Mehrheitsgesellschaft. Dennoch meint er: "Den meisten Schaden an unserer Religion selbst haben leider unsere eigenen Muslime angerichtet. Ich kann das seit zwei Jahren in meiner Funktion als Präsident bestätigen." (APA, 6.5.2018)

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