Schwere Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Kirche

4. Mai 2018, 18:16
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Eine heute 41-Jährige, die vor 23 Jahren Zwillinge von einem Priester zur Welt gebracht hat, erhebt Vorwürfe: Sie sei geschlagen und zur Adoption gezwungen worden

Wien – Eine heute 41-jährige Frau wurde mit 17 in einem von der Kirche im Auftrag des Landes Niederösterreich geführten Erziehungsheim schwanger. Sie bekam Zwillinge, der Vater ist ein Priester. Nach 23 Jahren findet der Fall seinen Weg an die Öffentlichkeit, weil die Frau schwere Vorwürfe erhebt. Von der Vaterschaft wusste auch der heutige Kardinal Christoph Schönborn, der damals Erzbischof war.

Kirche: "Affäre"

Wie die Erzdiözese Wien am Freitag per Aussendung wissen ließ, habe sich die Frau mit Vorwürfen an die sogenannte Klasnic-Kommission, die unter der Führung der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic Fälle mutmaßlichen Missbrauchs durch die Kirche untersucht, gewandt. Die Kirche schreibt in ihrer Aussendung von einer "mehrmonatigen Affäre" zwischen dem Mädchen mit dem rund 17 Jahren älteren Priester.

Laut ihren Angaben vor der Kommission habe die Frau aber nun von "Übergriffen" seitens des Mannes, der noch heute in einer Pfarre in Wien tätig ist, gesprochen. Zudem habe sie die Zwillinge nicht freiwillig zur Adoption freigegeben. Die Ombudsstelle der Erzdiözese untersuche diese neuen Vorwürfe nun. "Dazu kommt, dass man heute weiß, dass bei Beziehungen mit Minderjährigen der Begriff der Freiwilligkeit sehr problematisch ist. Wir müssen uns also auch fragen, ob man nicht diese Beziehung schon als solche als missbräuchlich ansehen muss", so Diözesansprecher Michael Prüller. In die Umstände der Adoption sei Schönborn jedenfalls nicht eingebunden gewesen.

Ganz anders sieht denselben Fall die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt, die am Freitag per Aussendung Stellung nahm.

Plattform Opfer kirchlicher Gewalt: Frühgeburt nach Schlägen

Die Frau sei damals "sexuell misshandelt, verprügelt, geschwängert und zur Adoptionsfreigabe gezwungen" worden, so der Obmann der Plattform Sepp Rothwangl. Der Priester habe die Frau mit "Drohungen und Einschüchterungen" zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Eine Nonne habe das schwangere Mädchen so geschlagen, dass eine Frühgeburt die Folge gewesen sei – für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung.

Rothwangl wirft Schönborn vor, den Täter zu schützen. Das weist die Kirche zurück. Der Priester durfte im Amt bleiben unter der Bedingung, für Mutter und Kinder aufzukommen und die "Beziehung nicht wiederaufleben zu lassen", so die Diözese. Der Kardinal wird in der Aussendung folgendermaßen zitiert: "Heute würden wir wohl rigoroser entscheiden."

DER STANDARD hatte zu dem Fall bereits geraume Zeit recherchiert. Dokumente, die dem STANDARD vorliegen, lassen auch eine andere Lesart als jene der Diözese zu. So dokumentieren Schriftstücke des Jugendamtes und Korrespondenzen mit Behörden, dass sich die Frau, deren Babys nach sechs Monaten von einem Paar adoptiert wurden, acht Jahre lang erfolglos darum bemüht hat, ihre Kinder zumindest zu sehen.

Die Diözese hält fest, dass schon 2008 die Behörden festgestellt hatten, dass es bezüglich der Adoption "damals keinen Zwang gegeben habe".

Frühes Opfer von Missbrauch

Im Gespräch mit dem STANDARD räumt Prüller ein, dass mehrere Seiten vielleicht auf die junge Frau eingewirkt haben könnten, dass eine Adoption das beste "im Sinne der Kinder" sei. Sie selbst kam aus sozial schwierigen Verhältnissen und wurde früh Opfer von Missbrauch.

In der Aussendung der Plattform wird ein weiterer schwerer Vorwurf erhoben, der im Zuge der STANDARD-Recherchen bisher nicht erhärtet werden konnte. Die junge Frau und weitere Mädchen in dem Heim sollen angeblich monatlich "sehr schmerzhafte" gynäkologische Untersuchung über sich ergehen lassen müssen.

Dubiose Untersuchungen

Unter Aufsicht der Nonnen sollen sie mutmaßlich Hormontabletten bekommen haben. Die Plattform spricht von "Experimenten und Eizellenspenden". Auf die STANDARD-Nachfrage, was der Grund für derart häufige Untersuchungen gewesen sein könnte, meint Prüller: "Meine Nachfrage bei den Schwestern hat dort nur Rätselraten ausgelöst, aber ich weiß dazu auch keine Einzelheiten, mit denen man der Sache auf den Grund gehen könnte."

Die Nonne, die die Frau verprügelt haben soll, ist laut STANDARD-Recherchen vor Jahren aus dem Orden ausgetreten, die ehemalige Leiterin des Heims, ebenfalls eine Klosterschwester, ist mittlerweile in Pension. (Colette M. Schmidt, 4.5.2018)

  • Das mutmaßliche Opfer hat sich an die von Waltraud Klasnic geleitete Opferschutzkommission gewandt.
    foto: apa/roland schlager

    Das mutmaßliche Opfer hat sich an die von Waltraud Klasnic geleitete Opferschutzkommission gewandt.

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