Zentralmatura: Keine Reife ohne Prüfung

    5. Mai 2018, 15:00
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    Literatur/Kunst/Kultur, Respekt, Entscheidungen treffen: Für eines dieser Themen mussten sich Österreichs Maturanten bei der Deutsch-Matura entscheiden. Später im Leben werden sie davon manchmal schlecht träumen

    Es kommt manchmal vor, dass man nachts eine innere Unruhe verspürt. Der Tag war lang und hart, das Essen schwer – der Beruf und das Leben vor der Haustür sowieso. Dann träumt man davon, wieder Matura zu haben. Danke für nichts! Auf Platz eins bleibt in diesem irgendwie unguten Setting des leider nicht steuerbaren Unterbewusstseins wohl für immer die mündliche Prüfung in Mathematik mit einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Aktenzeichen XY ungelöst. Fragen Sie nicht.

    Platz zwei geht allerdings immer an die schriftliche Deutschmatura. Leute, die diesen Donnerstag erstmals in den Genuss einer Zentralmatura gekommen sind und aus drei Themenpaketen auswählen konnten, können sich das gar nicht mehr vorstellen, weil die Aufgabenstellung im Vergleich zum Heute geradezu läppisch war, aber: In den 1980er-Jahren bedeutete das, aus drei Vorschlägen ein Zitat einer Persönlichkeit des Geisteslebens auszuwählen und dieses auf drei A4-Seiten möglichst klug zu interpretieren.

    foto: apa / georg hochmuth
    Die Deutsch-Matura ist absolviert, rund 45.000 Schülerinnen und Schüler ließen Donnerstagvormittag fünf Stunden lang ihre Köpfe rauchen.

    Diese Woche mussten die "sehr geehrten Kandidaten" im Rahmen der ersten schriftlichen Zentralmatura in Deutsch gleich zwei Texte schreiben, die sie im Kombipack aus drei Aufgabenfeldern auswählen konnten: "1. Literatur – Kunst – Kultur. 2. Respekt. 3. Entscheidungen treffen." Sieht man sich die Sache genauer an, erfahren wir hier sehr viel vom heutigen Leben und wie dieses von Pädagogen gestaltet werden will. Ein Lehrer, so er nicht die Schwarze Pädagogik vertritt, will danach trachten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Er sollte zumindest versuchen, sie so sauber zu hinterlassen, wie er sie vorgefunden hat. Im Zweifel immer doppelt spülen!

    Herrje. Das war schon immer so. Nichts hat sich geändert. 1982 war allerdings der Tintentod verboten. Durchstreichen unerwünscht. Sie fragen, was ein Tintentod ist? Das ist der Vorgänger der Löschtaste oben rechts auf dem Keyboard. Kugelschreiber hat es schon gegeben. Sie waren aber für uns Schüler auf dem Land einer jener verbotenen Gegenstände, die man öfters im Fernsehen in amerikanischen Räuberpistolen sah. Das geschriebene Wort ist eine mächtige Waffe. Wir haben unsere Füllfedern noch mit Patronen geladen!

    Zweieinhalb Seiten

    Konkret bedeutete das: Den Sinnspruch von Mahatma Gandhi konnte man gleich vergessen. Es handelte sich um irgendeinen Satz mit Weltfrieden. Hippiehit. Daheim wummerte zu dieser Zeit "Ein kleines bisschen Krieg" von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft aus dem Ghettoblaster. Lebensweisheiten von Adalbert Stifter sollte man noch heute keinem jungen Menschen zumuten, der Urgroßvater hat keine Mappe hinterlassen. Blieb also nur André Heller mit irgendwas à la "Höflichkeit ist ein Luftkissen. Wenn man hineinsticht, platzt es."

    Wenn man endlich aufwacht, weil einem der Traum zu dumm geworden ist, kann man heute darüber lachen. Zweieinhalb Seiten sind sich damals knapp ausgegangen. Dazwischen war man einmal in drei Stunden heimlich auf dem Klo rauchen (leider vorher im Spülkasten keine Lesehilfe für André Heller versteckt). Und Adjektive, mit denen man Aufsätze strecken kann, wurden immer schon überbewertet. Achtung, Sätze mit "und" zu beginnen, ist übrigens streng verboten!

    Zurück in die Gegenwart: Neben einer Stilübung in Sachen Postings mit Niveau (2018 tatsächlich noch als "Leserbrief" bezeichnet) mussten die Schüler im Rahmen der "standardisierten kompetenzorientierten schriftlichen Reifeprüfung" geschlagene fünf Stunden lang wahlweise auch eine Interpretation eines historischen, aber brandaktuellen Textes über Weltwirtschaftskrise und Armutsfalle vorlegen. In "Der Meineid" begeht ein Obdachloser einen Diebstahl, um im Gefängnis ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Das wird allerdings von einem Gutmenschen verhindert, was einige moralische Fragen aufwirft. Hui.

    Modekonsum und Nudging

    Der Themenblock "Häme" und "Respekt im Internet" wurde von den Schülern tendenziell nicht gewählt. Warum soll man sich die eigenen Hasspostings madig machen, bloß weil das den Lehrern taugt? Dem Trendbarometer nach entschieden sich die meisten jungen Leute für eine "Erörterung" zum lebensnahen "Modekonsum" und einer Erklärung des bisher weitgehend unbekannten Begriffs des "Nudging".

    Das ist ein marketingmäßiges Anstupsen der Kundschaft, wenn diese sich vernunftmäßig auch ohne pädagogischen Zeigefinger selbstoptimieren soll. Lehrer lieben das natürlich. Wie das geht? Rauchende Babys auf Zigarettenpackungen abbilden. Fruchtteller statt Sachertorte auf Augenhöhe in der Kantine hinstellen.

    Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Im Anforderungskatalog für die Lehrer steht 2018: "Argumentation, Deskription/Rekapitulation, Evaluation". 1984 hat dann auf der Uni übrigens ein anderes schönes Lebensmotto gegriffen: "Subversion durch Affirmation!" Wer schreiben lernt, lernt denken. Wer denken lernt, lernt lügen. Die Erde wird der schönste Platz im All. Danke, Zentralmatura. (Christian Schachinger, 5.5.2018)

    Link zur Deutschmatura:

    Das Aufgabenheft umfasste 28 Seiten, die Fragestellungen finden Sie hier: Zentralmatura Deutsch.

    • Felix Kamolz, 19 Jahre, AHS Rahlgasse: "Deutsch war immer eines meiner Lieblingsfächer. Trotzdem war mir klar, dass zwei Textsorten gar nicht in Frage kommen: Textinterpretation und Textanalyse. Natürlich kamen beide – so wollte es Murphy’s Law – und es blieb mir nur Paket 3. Bei der Konsumkritik konnte ich eine linke Perspektive formulieren und es hat mir fast gefallen, im Rahmen der Aufgabe zu reflektieren und zu überlegen. Am Ende war es vorbei und das ist gut so. Jetzt gilt es noch Englisch und Mathe zu bestehen, dann winkt die Freiheit!"

      Felix Kamolz, 19 Jahre, AHS Rahlgasse: "Deutsch war immer eines meiner Lieblingsfächer. Trotzdem war mir klar, dass zwei Textsorten gar nicht in Frage kommen: Textinterpretation und Textanalyse. Natürlich kamen beide – so wollte es Murphy’s Law – und es blieb mir nur Paket 3. Bei der Konsumkritik konnte ich eine linke Perspektive formulieren und es hat mir fast gefallen, im Rahmen der Aufgabe zu reflektieren und zu überlegen. Am Ende war es vorbei und das ist gut so. Jetzt gilt es noch Englisch und Mathe zu bestehen, dann winkt die Freiheit!"

    • Raffi Souhrada, 18 Jahre, AHS Perchtoldsdorf: "Die Aufgaben waren an sich nicht schwer. Aber die Themenpakete waren mit zwei Textinterpretationen schlecht gewählt. Die meisten Schüler, nämlich 16 von 19, haben sich "gezwungenermaßen" für das dritte Paket entschieden. Bei der Zusammenfassung ging es um "Nudging". Das soll anscheinend eine Art Marketingstrategie sein. Die meisten haben sich darunter nicht viel vorstellen können – auch weil die Textbeilage nicht genau definiert, was "Nudging" nun eigentlich ist. Die Bullet points konnte man dennoch gut bearbeiten – also hab ich es auch gewählt."

      Raffi Souhrada, 18 Jahre, AHS Perchtoldsdorf: "Die Aufgaben waren an sich nicht schwer. Aber die Themenpakete waren mit zwei Textinterpretationen schlecht gewählt. Die meisten Schüler, nämlich 16 von 19, haben sich "gezwungenermaßen" für das dritte Paket entschieden. Bei der Zusammenfassung ging es um "Nudging". Das soll anscheinend eine Art Marketingstrategie sein. Die meisten haben sich darunter nicht viel vorstellen können – auch weil die Textbeilage nicht genau definiert, was "Nudging" nun eigentlich ist. Die Bullet points konnte man dennoch gut bearbeiten – also hab ich es auch gewählt."

    • Luis Prenninger, 17 Jahre, Gymnasium in Wien: "Vorgestern erzählte mir ein Familienfreund, dessen Schulzeit mehr als 30 Jahre zurückliegt, von einem Matura-Albtraum, der ihm regelmäßig den Schlaf raubt: Während seine Mitschüler eifrig an ihren Texten feilen, sitzt er wie gelähmt vor der Angabe, jede seiner Bewegungen fühlt sich wie in Zeitlupe an. Seinen Traum habe ich gestern erlebt. In der ersten Stunde zumindest – da schaffte ich bloß mal, mich für Thema 3 zu entscheiden. In der zweiten Stunde wurde mir klar, dass ich langsam anfangen sollte zu schreiben. Und dann war es ein Wettlauf gegen die Zeit. Unfassbar, wie kurz 300 Minuten sind. Aus Zeitlupe wurde Zeitraffer. Wie mein Traum ausgeht, weiß ich nicht – abgegeben habe ich in der letzten Sekunde."

      Luis Prenninger, 17 Jahre, Gymnasium in Wien: "Vorgestern erzählte mir ein Familienfreund, dessen Schulzeit mehr als 30 Jahre zurückliegt, von einem Matura-Albtraum, der ihm regelmäßig den Schlaf raubt: Während seine Mitschüler eifrig an ihren Texten feilen, sitzt er wie gelähmt vor der Angabe, jede seiner Bewegungen fühlt sich wie in Zeitlupe an. Seinen Traum habe ich gestern erlebt. In der ersten Stunde zumindest – da schaffte ich bloß mal, mich für Thema 3 zu entscheiden. In der zweiten Stunde wurde mir klar, dass ich langsam anfangen sollte zu schreiben. Und dann war es ein Wettlauf gegen die Zeit. Unfassbar, wie kurz 300 Minuten sind. Aus Zeitlupe wurde Zeitraffer. Wie mein Traum ausgeht, weiß ich nicht – abgegeben habe ich in der letzten Sekunde."

    • Helin Süner, 17 Jahre, AHS Henriettenplatz: "Ich war zu Beginn sehr aufgeregt. Als ich die Themenpakete sah, war mir klar, dass das Thema 3 die beste Wahl war. Die Aufgabenstellung lautete: Schreibe eine Erörterung und eine Zusammenfassung über "Nudging" und Mode. Ich war in drei Stunden fertig und habe die restliche Zeit für die Verbesserung genutzt. Nach der Matura hatte ich ein gutes Gefühl und ich denke, dass ich positiv bin. Jedoch weiß ich immer noch nicht genau was "Nudging" ist, obwohl ich mich Stunden lang damit beschäftigt habe."

      Helin Süner, 17 Jahre, AHS Henriettenplatz: "Ich war zu Beginn sehr aufgeregt. Als ich die Themenpakete sah, war mir klar, dass das Thema 3 die beste Wahl war. Die Aufgabenstellung lautete: Schreibe eine Erörterung und eine Zusammenfassung über "Nudging" und Mode. Ich war in drei Stunden fertig und habe die restliche Zeit für die Verbesserung genutzt. Nach der Matura hatte ich ein gutes Gefühl und ich denke, dass ich positiv bin. Jedoch weiß ich immer noch nicht genau was "Nudging" ist, obwohl ich mich Stunden lang damit beschäftigt habe."

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