Österreich in hundert Jahren: Eine Verlustanzeige

    6. Mai 2018, 08:00
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    Die Republik Österreich feiert heuer ihren 100. Geburtstag. Das sollte sie ausgiebig tun, eine 200-Jahr-Feier wird es nicht geben, sagte der Philosoph Konrad Paul Liessmann in der Ö100-Schwerpunktausgabe des STANDARD. Hier erklärt er seine steile These ausführlich

    Der Hang des Menschen zu langfristigen Prognosen ist erstaunlich und dokumentiert weniger die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, als eine beachtliche Ignoranz gegenüber den Erfahrungen der Vergangenheit. Diese zeigen nämlich, dass nichts so unsinnig ist wie die Annahme, dass sich politische Verhältnisse über längere Zeiträume hinweg auch nur einigermaßen stabil halten lassen.

    Die im November 1918 ausgerufene Republik Deutschösterreich verstand sich etwa als Bestandteil der Deutschen Republik, dieses Konzept hielt gerade ein paar Monate, aber auch die von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs oktroyierte Republik Österreich existierte nicht einmal eineinhalb Jahrzehnte, dann startete das faschistische Experiment des Ständestaates, das nach vier Jahren auch schon wieder beendet war.

    Österreichs Rolle als Ostmark des Tausendjährigen Reiches war nach sieben Jahren ausgespielt, und die Zweite Republik verlor sich, kaum hatte sie sich einigermaßen konsolidiert, in den Weiten der Europäischen Union und der Frage, ob nach Blau-Schwarz I nicht ohnehin schon längst die dritte Republik angebrochen sei.

    Unplausible Kontinuitäten

    Anderen staatlichen Gebilden ging und geht es ja nicht besser, die DDR zum Beispiel, das "bessere Deutschland", verschwand nach wenigen Jahrzehnten überhaupt von der Landkarte, genauso wie Jugoslawien oder die UdSSR. Wer heute davon ausgeht, dass auch in hundert Jahren noch emphatisch des Gründungstages der Republik Österreich gedacht werden wird, rechnet mit Kontinuitäten, die alles andere als plausibel sind.

    Nehmen wir einmal an, das Projekt der EU gelänge und Europa transformierte sich, wie von vielen ersehnt und erwünscht, zu einem transnational ausgerichteten, ökonomisch und militärisch starken Superstaat, ein Global Player, der mit den USA, China, Russland, Indien und einem prosperierenden Afrika um Macht und Einfluss ringt.

    Auch wenn dieser Staat auf den Namen "Vereinigte Staaten von Europa" hören sollte, werden die Mitgliedstaaten jede eigenständige politische Bedeutung verloren haben und ihre nationale Geschichte wird, noch dazu, wenn diese so kurz ist wie im Fall der Republik Österreich, nicht einmal mehr zur Folklore taugen. In solch einem Europa hätte die Erinnerung an die Österreichisch-Ungarische Monarchie als Vorläuferin eines transnationalen Gebildes zweifellos bessere Überlebenschancen als die an eine kleine Republik.

    Kein Superstaat, ein loser Verbund

    Nehmen wir an, Europa gelänge in einer anderen Form, als Europa der Regionen. Kein Superstaat, sondern ein loser Verbund von kleineren Gebilden in einem gemeinsamen Rahmen. Auch in diesem Verbund werden die Nationalstaaten verschwinden und an deren Stelle neue, an alte regionale Geschichten und Ökonomien anschließende Einheiten treten.

    Dass Österreich als eigene Region Bestand haben wird, ist nicht zu erwarten, vielmehr, und das entspräche auch eher dem europäischen Geist, wären Regionen, die alte nationale Grenzen überschreiten, als prosperierende Modelle für die Zukunft zu denken, etwa eine Alpe-Adria-Region, die Kärnten, Slowenien und das Friaul umfassen könnte, Vorarlberg orientierte sich wahrscheinlich nicht mehr an Wien, Ober- und Niederösterreich entdeckten die alten Verbindungen zu Böhmen neu, und das Burgenland besönne sich vielleicht auf seine pannonische Lage. An die Republik wird in diesen Regionen niemand mehr denken wollen.

    Neue Erzählungen

    Nehmen wir an, es kommt noch anders. Das Projekt der EU misslingt, ebenso aber die wenig zukunftsträchtige Renationalisierung. Was dann? Nicht wenige rechnen für solch einen Fall mit einem Europa unterschiedlicher Geschwindigkeiten, mit teileuropäischen Lösungen, bei denen sich vor allem die ökonomisch starken Regionen zusammenschließen. In einem Verbund mit Deutschland, Norditalien und Slowenien wäre Österreich gut aufgehoben, als Republik aber bedeutungslos geworden. Solche Konglomerate benötigten neue Erzählungen, die Erinnerung an die Gründung einer Republik, die aus all ihren europäischen Verbindungen erst einmal herausgerissen worden war, würden da nicht viel helfen.

    Nehmen wir an, es kommt alles noch einmal ganz anders. Der Migrationsdruck aus islamischen Ländern hält an, eine dadurch erzwungene Politik der offenen Grenzen, der Familienzusammenführungen und eine moralisch grundierte, wieder erstarkte Willkommenskultur führen rasch dazu, dass die Muslime zuerst bei den Jungen die Mehrheit bilden und in absehbarer Zeit damit rechnen können, zur dominanten Kraft zu werden. Integration würde sich damit erübrigen.

    Europäisches Kalifat?

    Der politische Islam würde sich solch eine Entwicklung nicht entgehen lassen und die Gesellschaften, die er nun kulturell bestimmt, auch politisch gestalten. Zu welchem europäischen Kalifat oder neoosmanischen Reichsteil dann das ehemalige Österreich zählen wird, wird sich weisen.

    Die Eigenstaatlichkeit und die damit verbundene spätmoderne Lebensform aber werden der Vergangenheit angehören. Vielleicht dulden die neuen Machthaber eine Zeit lang noch Parallelgesellschaften, in denen es möglich ist, nach den Prinzipien des Rechtsstaates, der Aufklärung und der Freiheit des Individuums zu leben, offizielle Feiern zur Erinnerung an die Republik Österreich wird es in diesen Enklaven aber nicht mehr geben.

    Reservat der Superintelligenz

    Nehmen wir an, es kommt noch einmal anders. Die von Ray Kurzweil prognostizierte Singularität ist eingetreten, und eine künstliche Superintelligenz hat, wie es der Philosoph Nick Bostrom und der Möchtegernphilosoph Elon Musk heute prophezeien, tatsächlich die Macht übernommen und begonnen, die Erde und den Weltraum zu kolonisieren.

    Möglich, dass diese KI die Menschen noch für gewisse Tätigkeiten benötigt, möglich, dass sie diesen ein Lebensrecht in von Algorithmen designten Reservaten zubilligt. Eher unwahrscheinlich, dass eines dieser Reservate noch irgendetwas mit der Republik Österreich zu tun haben wird.

    Natürlich könnte die KI in ihren unendlichen Datenarchiven nach dem Gründungsdatum der Republik und dessen marginale Bedeutung für die Geschichte suchen, aber warum sollte sie dies tun? Es wäre eher ein Zeichen mangelnder Intelligenz. So klein wollen wir uns die KI, die ja nach den Sternen greifen soll, erst gar nicht denken.

    Politische Propheten und technophile Auguren

    Wie immer man es dreht und wendet: Nimmt man die politischen Propheten und technophilen Auguren der Gegenwart ernst, wäre es höchst unwahrscheinlich, dass sich in hundert Jahren noch irgendjemand offiziell an die Republik Österreich erinnern wird. Wir sollten deshalb die Gründung der Republik Österreich gebührend feiern und der Erfolgsgeschichte dieses kleinen Staates ebenso mit Nachsicht gedenken wie seiner dunklen Seiten. Eine Feier zum 200. Jahrestag der Republik wird es nicht mehr geben. (Konrad Paul Liessmann, 6.5.2018)

    Konrad Paul Liessmann (65) ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien, Essayist und Kulturpublizist.

    Nachlese der Ö100-Schwerpunktausgabe:

    Von Sargnagel bis Liessmann: Zehn Thesen für die nächsten 100 Jahre

    • Beim Blick in die Zukunft empfiehlt es sich, auch die Vergangenheit nicht ganz außer Acht zu lassen, rät Konrad Paul Liessmann.
      foto: heribert corn www.corn.at

      Beim Blick in die Zukunft empfiehlt es sich, auch die Vergangenheit nicht ganz außer Acht zu lassen, rät Konrad Paul Liessmann.

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