Kommen Jugendliche immer früher in die Pubertät?

    5. Mai 2018, 10:00
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    Kinder werden immer früher erwachsen, zumindest hormonell, zeigen dänische Studien. Doch es gibt Wissenschaftler, die das bezweifeln.

    Das Alter vieler Kinder lässt sich tatsächlich schwer einschätzen. Viele Neunjährige können heute leicht als Elfjährige durchgehen, und Dreizehnjährige lassen sich mitunter mit Fünfzehnjährigen verwechseln. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich bei manchen Mädchen bereits im Alter von neun der erste Brustansatz zeigt und Jungs manchmal schon mit 13 ihren Stimmbruch hinter sich haben. Aber was bedeutet das? Kommen Kinder heute früher in die Pubertät als die Generation ihrer Eltern und Großeltern?

    "Es gibt Studien, die zeigen, dass die Pubertät bei manchen Kindern früher einsetzt", bestätigt Günter Stalla, Leiter der neuroendokrinologischen Ambulanz am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. So haben Forscher der Universität Kopenhagen die Entwicklung von gut 3500 Buben und Mädchen zwischen 1991 und 1993 sowie zwischen 2006 und 2008 untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass die Brustentwicklung bei Mädchen gut ein Jahr früher einsetzte als in den 1990er-Jahren, und auch bei Buben hatte sich das Hodenwachstum nach vorn verschoben. Die 2007 erschienene Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) aus Deutschland kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass ein Trend zu einer früher beginnenden Reifeentwicklung nicht belegbar ist.

    Schwierige Datenerfassung

    "Das Problem solcher Untersuchungen sind die Messmethoden", so Stalla. Der Beginn der Pubertät wird in Studien meist anhand sichtbarer Veränderungen des Körpers festgemacht – etwa dem Beginn der Schambehaarung, der ersten Regelblutung oder Wachstum der Hoden. Die Frage ist, wer diese Daten wie erhebt.

    "Fragt man ein 16-jähriges Mädchen, wann ihr Brustwachstum begann, wird sie sich daran vermutlich nicht mehr genau erinnern", so Stalla. Ihre Antwort wird anders ausfallen, als die eines Kinderarztes, der die körperliche Veränderung während einer Routineuntersuchung dokumentiert. In einigen Studien wurden die Teilnehmer während ihres Klinikbesuchs rekrutiert. Hier kann es sein, dass Eltern, die wegen der frühen Reifung ihrer Kinder beunruhigt waren und zum Arzt gingen, überproportional oft erfasst wurden. "Dazu kommen die statistischen Auswertungsverfahren", gibt Stalla zu bedenken.

    "Ob Kinder heute früher in die Pubertät kommen, lässt sich tatsächlich nicht eindeutig sagen", bestätigt der Schweizer Kinderarzt Remo Largo, der im Zuge der Zürcher Langzeitstudie die Entwicklung von mehr als 700 Kindern seit Mitte der 1950er-Jahre untersucht hat.

    Hormonelle Kaskade

    Fest steht bislang nur: Zu welchem Zeitpunkt die Pubertät beginnt, bestimmen vor allem die Gene. Den Startschuss für die sexuelle Reifung gibt der Hypothalamus. Er signalisiert der Nebennierenrinde, mehr männliche Sexualhormone auszuschütten, wodurch die Schambehaarung einsetzt. Dann folgt über einen komplexen Regelkreis die Stimulation der Hirnanhangsdrüse mit Ausschüttung der Hormone FSH und LH (follikelstimulierendes und luteinisierendes Hormon). "Diese wirken auf die Keimdrüsen und setzen die Östrogen- und Testosteronproduktion in Gang", erklärt Stalla: "Die Brustentwicklung beginnt, Kehlkopf, Penis und Hoden fangen an zu wachsen."

    In der Fachwelt werden Faktoren diskutiert, die die sexuelle Reifung von Kindern stimulieren. Beispielsweise Übergewicht oder der Einfluss von Kunststoffpartikeln aus Plastik und Konserven. Als gesichert gilt, dass bei Kindern, die etwas mehr auf den Rippen haben, das Fettgewebe verstärkt Leptin ausschüttet – ein Hormon, das die Pubertät einleitet. Welche Auswirkungen das langfristig auf die Pubertät hat, steht noch nicht fest. Die Kunststoffpartikeln, allen voran die Bisphenole, sollen im Körper hingegen eine ähnliche Wirkung entfalten wie Östrogene. Die Folge: Bei Kindern, die durch die Umwelt viele Kunststoffpartikeln aufnehmen, beginnt die Brust früher zu wachsen. Wissenschaftlich belegt ist diese Theorie nicht.

    Gefühlte Probleme

    Die Diskussion, ob Kinder heute früher in die Pubertät kommen, hält Kinderarzt Largo daher für wenig zielführend: "Tatsächlich gab es schon immer Mädchen, die bereits im Alter von neun ihre erste Menstruation hatten, und Jungs, bei denen die Schamhaare früher sprossen als bei anderen", so Largo. Genauso normal sei es hingegen, wenn ein Mädchen ihre Menses erst mit 16 bekommt oder ein Junge bis 17 auf seinen Stimmbruch wartet. "Statt zu fragen, in welchem Alter die Pubertät bei Jungen und Mädchen beginnt", so Largo, "sollten wir uns eher daran erinnern, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln." Eine Variabilität von bis zu sechs Jahren sei nicht selten. Dazu komme der Unterschied der Geschlechter: "Bei Jungs beginnt die Pubertät tatsächlich im Schnitt etwa 1,5 Jahre später als bei Mädchen."

    Problematisch wird es, wenn Kinder, die besonders früh oder spät in die Pubertät kommen, sich als Außenseiter fühlen oder gar als solche behandelt werden. Beides kann Kinder unter Druck setzen und sie zu der Frage verleiten: Bin ich normal? Umso wichtiger sei es, Kindern zu vermitteln, dass Körper unterschiedlich funktionieren, so Largo: "Wer mit zehn seine ersten Schamhaare hat, ist genauso normal wie jemand, der sie erst mit 15 entwickelt." (Stella Marie Hombach, 5.5.2018)

    • Kindfrau Shirley Temple, ihre Pubertät war 1935 noch weit weg.
      foto: everett collection / picturedesk

      Kindfrau Shirley Temple, ihre Pubertät war 1935 noch weit weg.

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