Köhlmeier: Wer glaubt, die FPÖ schütze Juden, "ist ein Idiot"

Video4. Mai 2018, 14:01
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Der Schriftsteller kritisierte die Regierungspartei beim Gedenkakt im Parlament heftig für ihren Umgang mit Antisemitismus

Wien – Der Schriftsteller Michael Köhlmeier hat für seine Rede beim Gedenkakt des Parlaments am Freitag Standing Ovations und stürmischen Applaus geerntet. Köhlmeier kritisierte die FPÖ dabei heftig und warf ihr Heuchelei im Umgang mit Juden vor.

Er fühle sich von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), der in seiner Rede gemeint hatte, dass man Dinge beim Namen nennen müsse, ermutigt und werde genau das tun, eröffnete Köhlmeier seine Rede. "Erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle."

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Beitrag aus der "ZiB" um 13 Uhr.

Er höre die NS-Opfer, deren Geschichten an diesem Tag von Jugendlichen erzählt wurden, fragen: "Was wirst du jenen sagen, die einer Partei angehören, deren Mitglieder den Nationalsozialismus verharmlosen oder antisemitische Meldungen abgeben? (...) Wirst du so tun, als wüsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes aussprechen und von gewissen Kreise an der Ostküste sprechen" und Verschwörungstheorien verbreiten?

FPÖ als Beschützerin der Juden? "Wer das glaubt, ist ein Idiot"

"Der Begriff des 'stichhaltigen Gerüchts' wird ins Wörterbuch der Niedertracht und Verleumdung kommen", sagte Köhlmeier in Anspielung auf die Aussagen des FPÖ-Klubobmanns Johann Gudenus, wonach es "stichhaltige Gerüchte" gebe, dass der ungarischstämmige US-Milliardär George Soros daran beteiligt sei, "Migrantenströme nach Europa zu unterstützen". Gudenus selbst nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil.

"Gehörst du zu jenen, die abgestumpft sind", höre er die Toten fragen. "Zum großen Bösen kamen die Menschen nie in einem Schritt, sondern in vielen kleinen. Zuerst wird gesagt, dann wird getan (...) Wirst du es dir gefallen lassen, wenn ein Innenminister davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?"

Es sei unglaubwürdig von der FPÖ, wenn sie sich als Beschützerin und Verteidigerin der Juden aufspiele und gleichzeitig die rechtsextreme "Aula" unterstütze, in der befreite Häftlinge des Konzentrationslagers als "Landplage" bezeichnet wurden. "Wer das glaubt, ist ein Idiot, oder er tut so, als ob, dann ist er ein Zyniker", so Köhlmeier.

Er wolle sich und den Jugendlichen, die sich eindringlich mit den Schicksalen der Opfer beschäftigt hätten, in die Augen sehen können. "Mehr habe ich nicht zu sagen", schloss Köhlmeier und erntete stürmischen Applaus von den Festgästen.

FPÖ erbost

Die FPÖ zeigte sich in einer Reaktion erbost. Klubobmann Walter Rosenkranz und der Abgeordnete David Lasar bezeichneten Köhlmeier als selbstgerecht und warfen ihm vor, die Gedenkveranstaltung desavouiert zu haben.

"Köhlmeier ist seit Jahren dafür bekannt, dass er seine persönlichen und politischen Aversionen gegen die FPÖ bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von sich gibt. Daher darf es auch nicht verwundern, dass er diese heutige Bühne hochmütig missbraucht hat. Dass er dabei die Ungeheuerlichkeit des Holocaust verharmlost und gleichzeitig eine Million österreichische Wählerinnen und Wähler pauschal verunglimpft, ist ein entbehrlicher Beitrag zur weiteren Spaltung der Gesellschaft in Österreich, die er selbst kritisiert", erklärten die FPÖ-Politiker.

Sobotka warnt vor Antisemitismus

Nationalratspräsident Sobotka hatte zuvor vor dem Aufkeimen eines neuen Antisemitismus in Europa und der Welt gewarnt. Das dürfe man "nicht achselzuckend zur Kenntnis nehmen, sondern man muss diesen Bodensatz bekämpfen".

Er erinnerte daran, "dass es die Entmenschlichung war, die am Beginn der NS-Herrschaft gestanden ist", und dass diese Entmenschlichung vom "Anschein der Rechtsstaatlichkeit begleitet wurde". Aus diesem Grund "dürfen wir nicht zulassen", dass das Vertrauen in den Rechtsstaat untergraben werde.

Strache unter den Festgästen

Bundesratspräsident Reinhard Todt (SPÖ) mahnte, dass "wir die Verantwortung tragen, dass Abgrenzung und Ausgrenzung nicht wieder die Oberhand gewinnen", sondern der "soziale Zusammenhalt gewahrt wird und wir alle würdevoll zusammenleben". "Wir tragen die Verantwortung dafür, wozu wir fähig waren und wozu wir heute noch immer fähig sind."

Ausgetragen wurde die Veranstaltung im Zeremoniensaal der Hofburg. Im Zentrum stand, musikalisch begleitet, das Projekt "Dialog des Erinnerns – Geschichten brauchen Stimmen". Dabei erzählten Jugendliche die Geschichten von NS-Opfern, die im KZ Mauthausen ermordet wurden.

An dem Festakt nahmen neben Nationalrats-, Bundesrats- und EU-Abgeordneten auch mehrere Regierungsmitglieder, angeführt von Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ), und Vertreter der Oppositionsparteien teil. Anwesend waren zudem Zeitzeugen und Überlebende sowie Vertreter der Höchstgerichte und der Religionsgemeinschaften. Auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, wohnte dem Festakt bei und nahm damit doch an einer Veranstaltung mit FPÖ-Politikern teil. Die IKG wollte eigentlich im heurigen Gedenkjahr Gedenkveranstaltungen mit FPÖ-Beteiligung boykottieren.

Reigen an Gedenkveranstaltungen

Der Gedenkakt war der Auftakt zu einem Reigen an Gedenkveranstaltungen. Sonntagfrüh findet eine Kranzniederlegung vor dem Hrdlicka-Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Helmut-Zilk-Platz mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Strache statt. Wenige Stunden später findet in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen eine Gedenkzeremonie und eine Befreiungsfeier statt.

Dienstagvormittag lädt dann das Bundeskanzleramt zu einem Festakt zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und an die Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Am Abend findet auf dem Heldenplatz das "Fest der Freude" mit einem Konzert der Wiener Symphoniker statt. (APA, 4.5.2018)

  • Schriftsteller Michael Köhlmeier: "Erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle."
    foto: apa/dpa-zentralbild/jan woitas

    Schriftsteller Michael Köhlmeier: "Erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle."

  • Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) erinnerte daran, "dass es die Entmenschlichung war, die am Beginn der NS-Herrschaft gestanden ist", und dass diese Entmenschlichung vom "Anschein der Rechtsstaatlichkeit begleitet wurde".
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) erinnerte daran, "dass es die Entmenschlichung war, die am Beginn der NS-Herrschaft gestanden ist", und dass diese Entmenschlichung vom "Anschein der Rechtsstaatlichkeit begleitet wurde".

  • Neben Sobotka waren auch FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, Finanzminister Hartwig Löger (ÖVP) und Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) bei dem Gedenkakt im Parlament.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Neben Sobotka waren auch FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, Finanzminister Hartwig Löger (ÖVP) und Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) bei dem Gedenkakt im Parlament.

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