Warum Diäten noch immer nicht glücklich machen

    6. Mai 2018, 08:00
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    Der Anti-Diät-Tag am 6. Mai macht auf Diskriminierung von dicken Menschen und omnipräsente Schönheitsideale aufmerksam, die Frauen und Mädchen schwer zu schaffen machen

    Renee steht mit ihrem Aussehen auf Kriegsfuß. Und offenbar nicht nur sie selbst. Sie wird in einem schicken Klamottengeschäft herablassend darauf hingewiesen, dass sie ihre Größe nicht im Laden hätten, in Bars muss sie warten, bis schlankere, schönere Frauen ihre Drinks haben, und natürlich weiß sie, dass in ihrem Online-Dating-Profil kein Mensch auch nur eine Zeile über sie liest, sondern nur das Foto zählt. Als sie sich in einem Fitnesscenter damit abquält, doch ein bisschen mehr so auszusehen, wie es die Norm befiehlt, passiert der lebensverändernde Sturz, der auf einen Schlag alles vereinfacht: Sie findet sich plötzlich "wunderschön", wie sie ihrem Spiegelbild entgegenkreischt, und zwar genauso so, wie sie ist.

    Feindschaft zwischen Körper und Frau

    Das kleine Gedankenexperiment in Amy Schumers neuer Komödie "I Feel Pretty" (ab 10. Mai) befasst sich mit der epidemischen Feindschaft zwischen Frauen und ihren Körpern. Einfach die Perspektive zu wechseln funktioniert in der Realität nicht, das erlebt die Psychologin und Psychotherapeutin Rahel Jahoda in ihrer Arbeit im "Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen Intakt". Dort betreut sie mit Kolleginnen in Zusammenarbeit mit MedizinerInnen hauptsächlich Frauen und Mädchen, die nicht nur Dauerdiät halten, sondern bereits an einer handfesten Essstörung leiden. Der Internationale Anti-Diät-Tag am 6. Mai will seit 1992 daran erinnern, dass die stets präsenten Bilder perfekt gestählter Körper und der riesige Markt an Ernährungsratgebern und Diätbüchern Essstörungen begünstigen.

    "Eine Essstörung ist eine ernstzunehmende psychiatrische Erkrankung, die am Körper ausgetragen wird", erklärt Jahoda, die es vor allem mit Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störungen zu tun hat. Unbehandelt können Essstörungen zu chronischen Folgeschäden bis hin zum Tod führen. Trotzdem ist das mediale Interesse am Thema in den letzten Jahren abgeflaut, Essstörungen sind vor allem in Zusammenhang mit Analysen von Schönheitsidealen und ihrer Dauerpräsenz selten geworden, werden weniger in den Fokus gerückt. Dabei ist die Präsenz von Körpernormen über unzählige neue Werbemöglichkeiten durch soziale Medien in den letzten Jahren nochmals bedeutend größer geworden. Und "Germany's next Topmodel" gilt inzwischen eher als kultiges Popkulturgut denn als Herabwürdigungsprogramm für Mädchen in Dauerschleife.

    Essgestört seit dem 19. Jahrhundert

    "Das Interesse an unserer Arbeit ist tatsächlich geringer geworden", beobachtet Jahoda, die auch bestätigt, dass neue Medien den Fokus der Jugendlichen auf ihr Aussehen befeuern. Berichte über Essstörungen gibt es allerdings bereits aus dem 19. Jahrhundert. Die deutsch-amerikanische Ärztin Hilde Bruch (1904–1984) war die Pionierin auf dem Gebiet der Essstörungen, in den 1960er- und 1970er-Jahren widmete sie sich verstärkt der Magersucht, die zeitgleich mit dem Erstarken der Werbeindustrie eklatant zunahm. Frauen galten mehr denn je als wichtige Zielgruppe, der man bis heute entlang unerreichbarer Schönheitsideale eine endlose Produktpalette feilbieten kann.

    Eine Essstörung wird allerdings trotzdem nicht allein durch medial vermittelte Schönheitsideale ausgelöst, dafür braucht es noch andere Komponenten, so Jahoda, wenngleich der ständige visuelle Vergleich mit anderen via Whatsapp oder Instagram alles andere als hilfreich ist. Ob es einen Anstieg von Essstörungen gib oder nicht, ist mit Zahlen nicht belegbar. "Seit ich diese Arbeit mache, gibt es für Österreich dieselbe Schätzung von etwa 200.000 Menschen, die an Essstörungen leiden", sagt Jahoda. Konkrete Zahlen lassen sich auch aufgrund der unterschiedlichen Diagnostik in Krankenhäusern schwer erheben. So bekämen Krankenhäuser von den Kassen für PatientInnen mit Diagnosen wie Herzrhythmusstörungen oder Elektrolytentgleisungen höhere Summen als für eine Essstörungsdiagnose, wobei diese Erkrankung wiederum die Folge von Essstörungen sein können, sagt Jahoda.

    Genussfähige Vorbilder

    Bei ihren Beratungsgesprächen fällt Jahoda auf, dass auch junge Männer zunehmend Hilfe suchen, der ästhetische Leistungsdruck wurde inzwischen auch auf sie ausgeweitet. "Ich kann mich an Werbungen von früher erinnern, da traten Männer noch mit Bierbäuchen auf", erzählt Jahoda. Sie wünscht sich, dass endlich stärker vermittelt wird, dass es doch schön ist, dass wir nicht alle gleich aussehen. Und dass endlich klar wird, dass Diäten nicht nur nicht funktionieren, sondern das Risiko von Essstörungen sogar erhöhen und ein Einstieg in eine Essstörung sein können. Genau darauf wollte auch die Initiatorin des Anti-Diät-Tages, Mary Evans Young, hinweisen, die selbst an Anorexie litt.

    Mütter von heute Jugendlichen sind bereits die dritte Generation von Frauen, die massiv von Essstörungen betroffen sind, sagt Jahoda, sie könnten für ihre Töchter ein wichtiges positives Vorbild sein. "Schon kleine Bemerkungen, wie dass sie 'aufpassen müssen', sind alles andere als förderlich", meint die Psychologin, Töchter beobachten ihre Mütter genau, sie sehen, ob sie genussfähig sind, ob sie mit sich zufrieden sind, meint Jahoda, wenigstens "im Großen und Ganzen".

    Renee ist es jedenfalls im Ganzen und spart sich damit jede Menge Zeit, Nerven und Geld. Eine nächste Diät wird es für sie wohl nicht mehr geben.

    kinocheck

    (Beate Hausbichler, 5.5.2018)

    • "Germany's next Topmodel" wurde massiv dafür kritisiert, Mädchen ein völlig ungesundes Körperbild zu vermitteln.  Heute sind Shows wie diese selbstverständlich geworden.
      foto: apa/dpa/kay nietfeld

      "Germany's next Topmodel" wurde massiv dafür kritisiert, Mädchen ein völlig ungesundes Körperbild zu vermitteln. Heute sind Shows wie diese selbstverständlich geworden.

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