Warum Pisa und Unterricht doch zusammenpassen

    Userkommentar4. Mai 2018, 10:55
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    Eine Replik auf das STANDARD-Interview mit Erziehungswissenschafterin Sigrid Hartong

    "Pisa und Unterricht passen nicht zusammen", so die These der Erziehungswissenschafterin Sigrid Hartong im STANDARD-Interview am 30.April 2018. Hartong begründet ihre These damit, dass der Unterricht "zu weiten Teilen auf Kontextfaktoren basiert" und Pisa nur mit Stichproben (Samples) arbeite.

    Dass beim Unterricht auf soziale, ethnische und kognitive Voraussetzungen und individuelle Begabungen der Schüler und Schülerinnen Rücksicht genommen werden soll, ist richtig. Aber sollte die Tatsache, dass etwa 20 bis 25 Prozent der österreichischen Jugendlichen am Ende der Pflichtschulzeit nur über geringe Kompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften verfügen, oder der Befund, dass die erreichten Kompetenzen vom sozialen Hintergrund der Schüler und Schülerinnen abhängen, keine Rolle beim Unterrichten spielen? Sollte es nicht Ziel der Schule sein, ausreichende Kompetenzen zu vermitteln und soziale Ungleichheiten zu reduzieren?

    Hartong reiht sich hier in die Gruppe der zahlreichen Pisa-Kritiker und -kritikerinnen ein, die meinen, es sei besser, auf Pisa zu verzichten, als mit den oben genannten unliebsamen Fakten konfrontiert zu werden.

    Grundwerte der Schule

    Methodisch sei zudem angemerkt, dass zur Generierung der Pisa-Befunde eine Zufallsstichprobe vollkommen ausreichend ist, wenn bestimmte Qualitätsstandards erreicht werden. Diese Anforderungen wurden vom Bifie in bisher allen Pisa-Erhebungen erfüllt.

    Pisa gibt damit Auskunft, in welchem Umfang hinsichtlich bestimmter Kompetenzbereiche das österreichische Pflichtschulsystem ein Bildungsminimum garantiert und Chancenungleichheiten vermeidet. Zielsetzungen, die in Artikel 14, Absatz 5a der österreichischen Bundesverfassung zum Schulwesen festgehalten sind: "(5a) Demokratie, Humanität, Solidarität, Friede und Gerechtigkeit sowie Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen sind Grundwerte der Schule, auf deren Grundlage sie der gesamten Bevölkerung, unabhängig von Herkunft, sozialer Lage und finanziellem Hintergrund, unter steter Sicherung und Weiterentwicklung bestmöglicher Qualität ein höchstmögliches Bildungsniveau sichert. (…) Jeder Jugendliche soll seiner Entwicklung und seinem Bildungsweg entsprechend zu selbstständigem Urteil und sozialem Verständnis geführt werden, dem politischen, religiösen und weltanschaulichen Denken anderer aufgeschlossen sein sowie befähigt werden, am Kultur- und Wirtschaftsleben Österreichs, Europas und der Welt teilzunehmen und in Freiheits- und Friedensliebe an den gemeinsamen Aufgaben der Menschheit mitzuwirken." (Hervorhebungen durch den Autor, Anm.).

    Unverzichtbares Instrument der Leistungsbeurteilung

    Daher ist Pisa ein unverzichtbares Instrument zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit des österreichischen Pflichtschulsystems. Auf Pisa sollte nicht verzichtet werden. Die Aussage von Hartong am Ende des Interviews, dass sich die Politik entscheiden müsse, ob sie in noch mehr Datenproduktion oder in Schulgebäude und Lehrkräfte investieren will, ist zurückzuweisen und irreführend. (Johann Bacher, 4.5.2018)

    Johann Bacher ist Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Johannes-Kepler-Universität Linz.

    • Auf Pisa sollte nicht verzichtet werden.
      foto: apa/dpa/frank leonhardt

      Auf Pisa sollte nicht verzichtet werden.

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