Gibson in der Krise: Gitarren, die nach Frauen heißen

    Video3. Mai 2018, 13:00
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    Die Gitarrenmarke Gibson befeuert den elektrifizierten Sound des Rock 'n' Roll seit den 1950er-Jahren. Nun ist sie in eine finanzielle Krise geschlittert. Ein Rundgang durch einen Mythos – Gitarristen mit Rückenproblemen inklusive

    Neil Young nennt seine aus dem Jahr 1953 stammende Les Paul liebevoll "Old Black". Ihr ist auf Tour ein eigener Altenbetreuer zugeteilt. Der schaut darauf, dass die Klampfe nicht vorzeitig auseinanderfällt. Bluesmann B. B. King als seriell monogamer Gitarrist nannte seine schwarzen halbakustischen Gibson-ES-335-Modelle zeitlebens "Lucille". Carlos Santana legte es, solange er bis Mitte der 1980er-Jahre noch auf Gibson spielte, um danach für immer fremdzugehen, ein wenig hippiesker an. "Rainbow" ist aber auch ein zu schöner Name, den er mit himmlischen Melodien zu bezirzen versuchte.

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    Neil Young elektrisch – natürlich mit "Old Black".

    Es geht hier aber nicht nur darum, wie man seine Gibson-Gitarre nun nennt und personalisiert. Es geht hier auch um einen ewigen Richtungsstreit im Rock. Es geht darum, ob man auf einer Gibson oder auf einer Fender spielt. Da sind Welten dazwischen. Die alte Frage "Beatles oder Rolling Stones?" ist im Gegensatz dazu leicht. Die richtige Antwort lautet sowieso: Jimmy Page. So viel aus einer Gibson wie der Gitarrengott von Led Zeppelin hat bis heute kaum einer herausgeholt.

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    B. B. King und eine seiner "Lucilles".

    Angus Young von AC/DC drischt seine SG Standard, wie so viele andere große Gitarristen der Szene auch (Jimmy Page auf Les Paul, Tony Iommi von Black Sabbath auf einer SG ...) auf eigens für ihn von der Firma je nach gewünschter Klangfarbe und technischen Extras adaptierten "Signature"-Modellen. Das stärkt den Kaufwillen der Kollegenschaft aus der Regionalliga. Young ließ etwa einen von drei ursprünglich in der Serie vorgesehenen Humbucker-Tonabnehmern ausbauen. Schlank macht nicht nur bei AC/DC rank.

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    Angus Young von AC/DC legt Hand an seine Gibson SG Standard.

    Keith Richards spielt heutzutage meist auf der Konkurrenz aus dem Hause Fender, Modell Telecaster – und wenn er noch eine Gibson nimmt, dann höchstens die halbakustischen oder Junior-Modelle. Die Les Paul hängt sich bei älteren Herrschaften gewichtsmäßig mit früher gut 4,5 Kilo Vollmahagoni im Vergleich zum Fliegengewicht Telecaster doch sehr ins geschundene Kreuz. Keith Richards darf bei der Arbeit leider auch nicht sitzen. Er muss stehen, herumlaufen, Faxen machen. Virilität ist im Stadionrockgeschäft alles.

    Nun hat der heute in Nashville, Tennessee, beheimatete Gitarrenbauer Gibson Insolvenz angemeldet. Im Zuge eines Firmenausbaus ist die Firma in eine tiefe finanzielle Krise geschlittert. Vor vier Jahren hatte Gibson die auf Kopfhörer und Lautsprecher spezialisierte Sparte des niederländischen Konzerns Philips für umgerechnet 111,76 Millionen Euro gekauft. Ein neuer Kredit in derselben Höhe soll in Übereinstimmung mit den Gläubigern bei der Refinanzierung helfen. An den konstant schwarzen Zahlen der Firma Gibson im Instrumentenbau mit vorwiegend akustischen und elektrischen Modellen, die mit der Marke Epiphone auch billigere, oft durchaus gleichwertige Modelle vertreibt, ändert das nichts. Gibsons mit dem Gütesiegel "Made in America" sind hochpreisig. Sie werden vor allem von jenen Musikern geschätzt, denen ihr Instrumentenfetisch tatsächlich etwas wert ist.

    Die "Paula" macht den fetten Sound

    Vor 116 Jahren in Kalamazoo, Michigan, ursprünglich als Mandolinenfabrik von Orville Gibson gegründet und später auch auf Akustikgitarren setzend, wurden so ab den 1930er-Jahren auch erste elektrisch verstärkte Halbakustikgitarren verkauft. Der Durchbruch gelang 1952 mit der von Jazzgitarrist Les Paul mitentwickelten ersten vollelektrischen Solid-Body-Gitarre, dem legendären Modell Les Paul.

    Dank dem damit möglichen Quantensprung in Lautstärke und Sound wurden auch Modelle wie die Explorer, die Flying V, die Firebird oder die SG zum Markenzeichen von Rockmusikern, die trotz des beachtlichen Gewichts der Instrumente auf einen fetten Sound mit viel Sustain setzten. Speziell dem Rock härterer Gangart war dies zweckdienlich. Im Gegensatz zum ewigen Konkurrenten Fender vermag man mit einer auf Deutsch als "Paula" liebkosten Les Paul sozusagen tektonische Platten zu verschieben, während die Fender-Modelle dazu nur nörgeln und quengeln. Amen. (Christian Schachinger, 2.5.2018)

    • Zum Fressen gern: Angus Young von AC/DC mit seiner Lieblings-Gibson, einer SG Standard.
      foto: ap / jim cooper

      Zum Fressen gern: Angus Young von AC/DC mit seiner Lieblings-Gibson, einer SG Standard.


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