Warum es Bitcoin besser geht als je zuvor

    Userkommentar3. Mai 2018, 16:02
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    Kryptowährungen werden von kommenden Regulierungen profitieren, dabei müssen aber einige Dinge beachtet werden

    Neben den medial aufgebauschten Preisdiskussionen tut sich bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen auf technologischer Ebene sehr viel. Kommende Regulierungen müssen für Rechtssicherheit sorgen, um unseriöse Unternehmen aus dem Markt drängen und die Branche letztlich so zu stärken. Bitcoin ist derzeit das, was man in ihm sehen will: Innovatives Zahlungsmittel, riskantes Spekulationsobjekt, digitales Gold, kurzfristiger Hype oder Innovationsmotor, der über die Finanzbranche hinaus unser Leben verändern wird. Egal wie man zum Thema steht: Die Debatte darüber, wie wir mit dieser Technologie und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten künftig umgehen, sollte möglichst bald zu handfesten Ergebnissen führen. Nur auf Basis klarer Regeln kann Innovation gefördert und Betrug eingedämmt werden.

    Ich trenne bewusst nicht zwischen Blockchain und Kryptowährungen. Viele Unternehmen und Unternehmensberater, die heute Blockchain in den Mund nehmen, meinen damit etwas anderes und springen nur auf einen opportun erscheinenden Buzzword-Zug auf. Die disruptive Kraft der Technologie liegt in der Dezentralität und dem Fakt, dass kein einzelner Akteur das Netzwerk kontrolliert. Eine "private Blockchain", mit der Unternehmen ihre immer noch zentralisiert verwalteten Datenbanken als Innovation verkaufen, läuft diesem Grundsatz zuwider.

    Bitcoin als erfolgreiches Proof-Of-Concept

    Bitcoin erfüllt sowohl die Charakteristika einer Wertanlage als auch die Voraussetzungen, um Wert schnell und kostengünstig rund um den Globus zu versenden. Nachdem es vor rund neun Jahren als Experiment begonnen hat, ist es nach wie vor das beste und einflussreichste Proof-Of-Concept für die revolutionäre Idee hinter der Blockchain.

    Bitcoin vereint vier grundsätzliche Technologien: Blockchain, Proof-Of-Work, Kryptographie und Peer-To-Peer-Netzwerke. Das sorgt dafür, dass es so gut wie unmöglich ist, die Bitcoin-Blockchain zu hacken und dadurch auf die in ihr gespeicherte Transaktionsgeschichte Einfluss zu nehmen. In diesem Fakt liegt der Wert der populärsten Kryptowährung – egal ob man sie nun eher als Asset oder Zahlungsmittel sieht. Dass dies nicht reine Theorie ist, bestätigt das Bitcoin-Netzwerk selbst, das seit seinem Start am 3. Jänner 2009 ohne Unterbrechung und gröbere Zwischenfälle läuft. Die populärste Kryptowährung ist technisch besser aufgestellt als je zuvor. Und das, obwohl ihr unmittelbar bevorstehender Untergang mittlerweile fast 300-mal heraufbeschworen wurde.

    Power to the people

    Bitcoin ist aber weit mehr als eine dezentrale Währung beziehungsweise ein Wertspeicher. Es zeigt vor allem in ökonomischen Ausnahmesituationen – siehe Simbabwe oder Venezuela – seinen Nutzen als Krisenwährung. Dem Bitcoin-Netzwerk ist es egal woher du kommst, welches Geschlecht du hast und ob du ein Bankkonto besitzt. Das ist ein wichtiger Aspekt. Weltweit haben rund zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen in Form eines klassischen Bankkontos. Ein Bitcoin Wallet lässt sich innerhalb weniger Minuten erstellen. Versenden und empfangen lassen sich Bitcoin beispielsweise auch per SMS.

    Dieser Aspekt hat aber Implikationen, der weit über Finanzdienstleistungen hinaus reicht: Musiker und Musikerinnen, die ihre Songs über eine Blockchain verkaufen, können erstmals fair und ohne zentralisierten Akteur bezahlt werden. Lizenzrechte sind direkt auf der Blockchain in Form eines Smart Contracts abgebildet. Wer einen Song für beispielsweise einen Film verwenden will, kann sich die entsprechenden Rechte sichern. Damit wurde ein Wandel in Gang gesetzt, der das monopolistisch geprägte Internet in den kommenden Jahren radikal verändern könnte: Private Daten, die den Usern selbst gehören – Text-, Bild- oder Video-Content, deren Urheber und Besitzer in einer smarten Datenbank gespeichert sind. Eine (verschlüsselte) digitale Identität, mit der man sich weltweit in sekundenschnelle ausweisen kann und dennoch seine Daten nicht auf fremden Servern speichern muss. Das sind die Dinge, die unser Leben in den kommenden Jahren fundamental prägen und erleichtern werden.

    Technologie in den Kinderschuhen

    Während es in der medialen Berichterstattung hauptsächlich darum geht, ob Bitcoin und damit verbunden auch andere Kryptowährungen diesen oder jenen Preis erreichen, macht die dahinterliegende Technologie kontinuierlich große Schritte nach vorne. Während Ende letzten Jahres das hohe Interesse und die dadurch stark gestiegene Anzahl an Transaktionen die Transaktionsgebühren in die Höhe schnellen ließ, sind diese derzeit so niedrig wie noch nie. Updates wie das Lightning Network und darauf aufbauende Innovationen wie Atomic Swaps zeigen, dass Bitcoin trotz starker Konkurrenz definitiv auch aus technologischer Sicht eine der solidesten Kryptowährungen ist.

    Dennoch muss sich jeder, der sich näher mit der Technologie beschäftigt, eingestehen, dass diese derzeit noch definitiv in den Kinderschuhen steckt. Die Ethereum-Blockchain, auf der dezentrale, unaufhaltsame Applikationen laufen sollen und auf deren Basis hunderte Startups aufbauen wollen, wurde vor wenigen Monaten lahmgelegt, als die erste dieser Applikationen viral ging. Es handelte sich um ein Spiel namens CryptoKitties, bei dem es darum geht, virtuelle, auf der Blockchain dauerhaft einem Besitzer zugeordnete, Katzen zu züchten.

    Weltumspannende Bedeutung der Blockchain

    Sollte also nur ein Bruchteil jener Startups, die in den vergangenen Monaten Millionen durch Initial Coin Offerings, kurz ICOs, eingesammelt haben und deren Produkt auf der Ethereum-Blockchain laufen soll, ansatzweise populär werden, wäre das in Sachen Skalierung derzeit gar nicht möglich. Die Technologie, die in den kommenden Jahren die Welt stärker verändern als das Internet es getan hat, ist die Blockchain. Sie wird den nächsten Evolutionsschritt des Internets ermöglichen. Nicht Social Media, Big Data oder Künstliche Intelligenz, sondern die Technologie, auf der Bitcoin und andere Kryptowährungen basieren, wird am prägendsten sein. Sie wird all diese Entwicklungen, die bereits im Gange sind, noch mehr beschleunigen. Kluge Regulierung ist nötig und wird der Branche gut tun.

    Betrügern, die Bitcoin und andere Kryptowährungen dazu benutzen, um mit Hilfe altbekannter Multi-Level-Marketing-Maschen Menschen hinters Licht führen, muss das Handwerk gelegt werden. Genau so muss es klare Regelungen geben, um auch beim Thema ICOs Klarheit zu schaffen und das anrüchige Image, das ihnen durchaus zu Recht anhaftet, aufzupolieren. Denn ursprünglich waren ICOs dazu gedacht, Mittel für die Weiterentwicklung von innovativen Technologien zu lukrieren, wie es etwa von der Ethereum Foundation erfolgreich gezeigt wurde. Stattdessen haben sich Startups, die auf konventionellem Weg daran gescheitert sind, Risikokapital für Ideen besorgt, für die in der Regeln nicht einmal eine Blockchain oder eigene Kryptowährung nötig ist. Das ist schade, denn ICOs haben das Potential, klassische Börsengänge und Initial Public Offerings mittelfristig Konkurrenz zu machen. Auch für die Finanzierung kleinerer und mittlerer Unternehmen sind sie eine der besten Lösungen. Dafür bedarf es aber klaren Regeln, dann wird es möglich sein, echte, werthaltige Securities auf die Blockchain zu bringen, während gehypten ICOs ein Riegel vorgeschoben wird.

    Blickrichtung Mainstream

    Ich bin guter Dinge, denn generell ist gerade ein Trend hin zum Mainstream und rationalem Denken zu beobachten: Bei Goldman Sachs wurde unlängst mit der Entwicklung eines Trading Desks für Kryptowährungen begonnen. Das ist ein wichtiger Schritt, ein erster Schritt in Richtung Mainstream. Mit der Zeit wird sich herauskristallisieren, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen als Anlage-Assets ihre Berechtigung haben. Sobald es klare Richtlinien und kluge Regulierungsmaßnahmen gibt, wird sich die Unsicherheit, die aktuell noch vorherrscht, legen. Den von IWF-Chefin Christine Lagarde vorgeschlagenen offenen und nüchternen Umgang mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen halte ich in diesem Kontext für ein sehr positives Signal.

    Ein Finanzsystem, das offen für Neuerungen bleibt und sich die offensichtlichen Vorteile von Kryptowährungen – wie etwa schnelle Transaktionszeiten, niedrige Gebühren, geringe Schwelle für neue Nutzer – zu Herzen nimmt, wird in Zukunft wichtige Reformen angehen können und letztlich besseren Service zu attraktiveren Konditionen bieten können. (Paul Klanschek, 3.5.2018)

    Paul Klanschek hat an der WU Wien Finance und Accounting studiert und gemeinsam mit Eric Demuth und Christian Trummer 2014 das Fintech-Startup Bitpanda gegründet. Er beschäftigt sich seit 2011 mit Kryptowährungen und war bei namhaften Blockchain-Projekten wie etwa Waves und Komodo als Berater tätig. Klanschek spricht bei der TEDxTU Wien am 5. Mai. DER STANDARD ist Medienpartner der Veranstaltung.

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    • Bitcoin ist weit mehr als eine dezentrale Währung.
      foto: afp/tallis

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