Von Filterblasen und Fake-News

    4. Mai 2018, 10:00
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    Wissenschafter beschäftigen sich mit medienphilosophischen Grundlagen der Online-Kommunikation.

    Auf der Facebook-Seite einer rechtspopulistischen Partei beschwert sich ein Nutzer, weil sein Mitgliedschaftsansuchen unbeantwortet blieb. Es antwortet der "Freiheitliche Medienbeobachter": Die Obergrenze für Mitglieder sei erreicht, das Kontingent ausgeschöpft. Es müsse jemand austreten, bevor ein neues Mitglied aufgenommen wird.

    Hinter dem "Freiheitlichen Medienbeobachter" steckt die oberösterreichische Aktivistengruppe Social Impact, die in ungewohnter Form in eine von Polarisierung und Falschnachrichten geprägte Online-Kommunikation eingreift. "Es geht nicht darum, Widerstand zu leisten, sondern eine widersprüchliche Situation zu schaffen", erklärt Aktivist Thomas Duschlbauer die zugrunde liegende Guerillataktik.

    Utopie in der Gesellschaft

    "Es geht um eine künstlerische Praxis, die innerhalb der Gesellschaft eine Utopie platziert", betont Duschlbauer. Im Beispiel wird rechtspopulistischer Politik ein Spiegel vorgehalten, indem der Nutzer mit einer beliebig festgelegten gesellschaftlichen Exklusion konfrontiert wird. Derartiges "Clean Campaigning" ist für Duschlbauer partizipativ, aufdeckend, aktivierend und dekonstruiert eingefahrene Kommunikationsmuster.

    Duschlbauer ist auch Dozent für Unternehmenskommunikation an der FH St. Pölten. Vergangene Woche zeigte er als Vortragender des Symposions "Bots oder not Bots" an der Johannes-Kepler-Universität (JKU) Linz "Digitale Hoffnungsschimmer" in der Kommunikation auf. Im Spannungsfeld von Demokratie und Digitalisierung zielte die Veranstaltung auf eine philosophische, medien- und gesellschaftstheoretische Grundierung von Phänomenen wie Filterblasen, Fake-News, Bots oder gezielte Massenbeeinflussung ab.

    Enttäuschte Hoffnungen

    Das britische Unternehmen Cambridge Analytica hat durch Facebook-Daten Wähler im US-Präsidentschaftswahlkampf gezielt beeinflusst, um sie etwa vom Urnengang abzuhalten. Angesichts solcher Gegenwartserscheinungen klingen Hoffnungen aus der Anfangszeit des Internets naiv. Die Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen und eine weitreichende Egalisierung von Machtgefällen zwischen Mann und Frau, Stadt und Land, Norden und Süden sollte das Netz bescheren. Kapital werde unwichtig, jeder könne sich informieren, jeder mitreden.

    Symposion-Veranstalter Gerhard Fröhlich vom Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der JKU begleitete den Aufstieg des Internets mit kritischen Texten, in denen er sich etwa auf die Soziologen Pierre Bourdieu und Norbert Elias oder den Medienphilosophen Vilém Flusser bezog.

    Wie jede menschliche Beziehung ist das Netz von Machtverhältnissen geprägt. "Für Elias wäre es naiv oder ideologisch, zu glauben, dass es Strukturen gibt, die frei von Machtverhältnissen sind", sagt Fröhlich. Macht bedeutet, dass man über Ressourcen verfügt, die ein anderer benötigt. "Wer Liebesbeweise verweigert, hat Macht über jene, die sie begehren. Folgt man Bourdieu, ist Sozialkapital jene Ressource, die aus Beziehungsnetzen lukriert wird", so der Kulturtheoretiker. "Wenn auf Facebook Likes gezählt werden, ist das zwar eine sehr hohle Form von Sozialkapital. Wie bei jeder Kapitalverwertung geht es aber – mit Karl Marx – um die 'rastlose Bewegung des Gewinnens'."

    Autoritäre Kommunikation

    Besonders prophetisch klingt der Ansatz der "Kommunikologie" des 1920 in Prag geborenen Vilém Flusser. "Für ihn war die Massenkommunikation, bei der ein Sender alles bündelt und passive Empfänger bedient, eine autoritäre Kommunikation und somit ,faschistisch'", fasst Fröhlich zusammen. "In einer dialogischen Struktur eines Netzes, das aus vielen gleichberechtigten Knoten besteht, sah er ein demokratisches Zukunftsmodell. Es ist aber absurd, an die Gleichrangigkeit der Knoten im Netz zu glauben – Konzentration von Informationsflüssen und unterschiedlich mächtige Sender sind kaum zu vermeiden."

    Für Fröhlich gab es die problematischen Phänomene, die die Digitalisierung prägen, auch schon davor. Ihre massenhafte und billige Reproduktion machen sie aber zur Gefahr. "Früher wurde mit bezahlten Klatschern im Saal scheinbare Zustimmung erkauft. Heute machen das für eine Handvoll Euro tausende Bots auf Twitter", gibt Fröhlich ein Beispiel. "Man könnte als Einzelperson eine Partei aufmachen und eine Massenbewegung simulieren."

    Die Filterblase als Sekte

    Bei der Faktenresistenz der von ihren Filterblasen geprägten Menschen dränge sich ein Vergleich mit Sektenjüngern auf. "Es gibt Untersuchungen, wonach die Bedrohung des Weltbilds – etwa wenn der vorhergesagte Weltuntergang nicht eintritt – die Missionierungsbemühungen ansteigen lassen. Der Graben zwischen Glauben und Realität kann offenbar besser überbrückt werden, wenn viele andere vom Glauben überzeugt werden." Früher mussten Politiker noch gekonnt mehrdeutig formulieren, um verschiedene Wählergruppen anzusprechen, heute bekommen die Bürger maßgeschneiderte Inhalte in ihre Filterblase serviert. Fröhlich: "Langfristig kann das nicht gutgehen. Letztlich zerfällt so die Gesellschaft."

    Die Demokratie scheint durch das kommunikative Chaos der digitalen Welt gefährdet. Wie könnte also eine Anpassung aussehen? "Wenn wir in Filterblasen verharren oder Kommunikation in Form von Bots an Maschinen auslagern, haben wir als Menschen keine Möglichkeit mehr, uns persönlich und als Gruppe weiterzuentwickeln", sagt Duschlbauer. Es braucht Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen Austausch finden, an denen klar wird, welche Motive und Intentionen der andere hat: "Menschen müssen weiterhin verstehen lernen, wie andere denken."

    Für Fröhlich muss im Zusammenhang mit der Digitalisierung mehr kritische Kompetenz gefördert werden. "In der Philosophie ist man gewohnt, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. Wenn wir immer nur in unseren eigenen Ansichten bestätigt werden wollen, verlieren wir stark an Wahrnehmungsfähigkeit." (Alois Pumhösel, 4.5.2018)

    • Eine vielsagende Grafik von der Cambridge-Analytica-Website
      foto: ap/mark lennihan

      Eine vielsagende Grafik von der Cambridge-Analytica-Website

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