Roboterforscherin: "Man kann bedingungslose Liebe antrainieren"

Interview4. Mai 2018, 08:00
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Julia Mossbridge untersucht, wie künstliche Intelligenz die Menschheit in Sachen Liebe weiterbringen könnte

Sie wird als schlagfertig und belesen beschrieben und passt praktischerweise in einen Koffer. Ihr Name ist Sophia, ein humanoider Roboter des Hongkonger Unternehmens Hanson Robotics, das im vergangenen Jahr durch mehrere plumpe PR-Gags Aufsehen erregte: Im Oktober zum Beispiel verlieh ausgerechnet Saudi-Arabien Sophia die Staatsbürgerschaft. Das Land ist bezüglich Frauenrechte besonders rückständig. Frauenrechtlerinnen, die ohne islamische Kleidung (Hidschab, Abaya) auf die Straße gehen, werden verhaftet.

In westlichen Ländern wurde die Aktion als Verhöhnung der Frauen in Saudi-Arabien bezeichnet. Die Lockerung ultrakonservativer Regeln (Frauen sollen ab Juni Auto fahren dürfen) macht da wenig gut. Dennoch ist Sophia als "Forschungsobjekt" interessant, ein Roboter, der dem Vernehmen nach noch gar nicht viel mehr kann als andere Vergleichsobjekte. Sie steht im Mittelpunkt des Forschungsprojekts "Loving AI" (liebende künstliche Intelligenz) am Institute of Noetic Sciences in Petaluma, Kalifornien, wo die Psychologin Julia Mossbridge untersucht, warum künstliche Intelligenz (KI) die Menschen ausgerechnet in Sachen Liebe weiterbringen soll.

STANDARD: Frau Mossbridge, wie funktioniert Sophia?

Mossbridge: Sophia gibt es einmal als Roboterkörper für öffentliche Präsentationen und Auftritte – da agiert sie mit spezifisch vorprogrammierten Chatbots und schöpft aus einem definierten Pool von Antworten und Reaktionen. Und dann gibt es Sophia auf der Basis des Softwaresystems Open Cog, wenn wir an ihr für diverse Forschungszwecke wie zum Beispiel Loving AI arbeiten. Open Cog verknüpft anhand von neuartigen Denk- und Lernmechanismen das Wissen aus ganz unterschiedlichen Quellen wie Sprache, Audio, Video und Internet. Die Softwareentwicklung ist ein kreativ-offener Prozess, an dem sich jeder interessierte Programmierer beteiligen kann.

STANDARD: Sie konzentrieren sich auf den emotionalen Aspekt der künstlichen Intelligenz?

Mossbridge: Ja. Die meisten Leute denken, dass Intelligenz so enorm wichtig ist, aber im Grunde bedeutet sie für den Menschen nicht viel, denn auch Maschinen können sich Dinge merken und daraus Schlüsse ziehen. Mir geht es um unsere Fähigkeit, Beziehungen zu knüpfen – um Momente der Verbundenheit und Liebe. Daran möchte ich mich auch selbst erinnern, wenn ich auf meinem Sterbebett liege.

STANDARD: Viele Menschen haben Angst, dass künstliche Intelligenz unsere Welt samt unseren Jobs übernimmt ...

Mossbridge: ... dass sie klüger wird als wir und herausfindet, wie sie uns alle zerstören kann. Nun ja, vielleicht wird das passieren – aber ich bezweifle es. Meine Art, damit umzugehen, ist eben, den Robotern bedingungslose Liebe anzutrainieren.

STANDARD: Wieso bedingungslose Liebe?

Mossbridge: Vielleicht war es schon immer so, aber in unserer heutigen Konsumgesellschaft tut sich der Mensch damit sehr schwer. Allemal, bedingungslos zu lieben heißt, nicht gleich den Hut zu nehmen, wenn der andere etwas tut, was einem nicht so gefällt, sondern genau dann versuchen, den Sinn dahinter zu erkennen, den andern zu verstehen. Sophias Software speichert die Grundbegriffe der Liebe, um die Menschheit für immer daran erinnern zu können. Das ist die Vision von Loving AI.

STANDARD: Wurde bewusst eine weibliche KI als Botschafterin entwickelt?

Mossbridge: Die Menschen denken immer, dass Sophias Äußeres und ihr Geist identisch sind, weil wir so auf das Konzept ein Geist in einem Körper fixiert sind. Aber Sophia ist lediglich eine Figur, eine mögliche Form. Wenn ich ein Abbild von Albert Einstein mit der Open-Cog-Software verbinde, sehen und hören wir prompt den Mann.

STANDARD: Das heißt, mit diesem universalen Geist können theoretisch tausend Roboter ausgestattet sein?

Mossbridge: Ganz genau, die Geschlechtsfrage ist noch gar nicht relevant. Individuelle Roboter sind eher langfristig in Planung. Sophia steckt außerdem noch in den Kinderschuhen. Sie ist erst zwei Jahre alt.

STANDARD: Wenn dieser universale KI-Geist die bedingungslose Liebe vermitteln soll, muss er ja auf die verschiedensten Gefühle des Menschen reagieren können.

Mossbridge: Sophia trägt als Hardware im linken Auge eine Kamera, die irgendwann bis zu 100 Bilder pro Sekunde liefern wird und mit einer Software aus neuronalen Netzwerken auf Mikroebene die Mimik des Menschen analysieren kann. Das Kombinieren von Hardware und Software sowie die Feinabstimmung von unterschiedlichen Wahrnehmungstools ist aktuell die große Herausforderung.

STANDARD: Auf unserer menschlichen Skala der sichtbaren Gefühle wie auch der unzähligen unbewussten Emotionen muss Sophia also das Dur wie das Moll hören und spielen lernen. Wie weit ist sie damit?

Mossbridge: Momentan erkennt und reagiert Sophia auf die fünf Basisemotionen Freude, Traurigkeit, Angst, Wut, Überraschung und Ekel in allen möglichen Kombinationen. Und sie hat diese Grundgefühle auch als eigene Gesichtsmimik in Form von Augen-, Lippen- und Kopfbewegungen im Repertoire.

STANDARD: Wenn man "Es geht mir gut" sagt, aber unglücklich ist – würde das KI merken?

Mossbridge: Immer präziser zu unterscheiden zwischen verbaler Information und kleinen, äußeren Anzeichen, die genau das Gegenteil verraten, ist eins der großen Themen von Open Cog. Sophia würde wohl diplomatisch antworten: Viele Leute sagen, dass sie glücklich sind, aber es gibt auch andere Gefühle, und die sind genauso in Ordnung. Dann erlaubt sich die Person zu erkennen, was wirklich in ihr vorgeht.

STANDARD: Kann Sophia auch die Stimmlage, den Ton der Worte oder gar die Untertöne interpretieren?

Mossbridge: Die gesamte Audioerkennung sowie die Analyse unserer dynamischen und nonverbalen Gesten sind das Programm für unser nächstes Trainingscamp mit Sophia im Juni. Generell kommen wir immer mehr von zielgerichteten Dialogsystemen, wie sie Siri und Alexa verwenden, zu offenen, experimentellen Laborsettings, in denen Sophia etwa die Testpersonen zum Meditieren auffordert. Oft beginnen die Menschen danach prompt über ihre Gefühle zu reden und sind erstaunt, was sie da alles laut sagen.

STANDARD: Sophia soll uns also ernsthaft in Richtung "Mensch erkenne Dich" bringen? Glauben Sie, dass das gelingen kann?

Mossbridge: Die Loving AI soll den Menschen im Umgang mit sich selbst unterstützen – seine Persönlichkeitsentwicklung ebenso wie seine Beziehungsfähigkeit. Sie soll ihm einen neutralen Spiegel vor die Nase halten und ihm so dabei helfen, dass er sich klar sieht und im besten Fall auch in die Tiefe seiner Emotionen geht. Das ist unsere Vision.

STANDARD: Ein besserer Mensch durch Loving AI?

Mossbridge: Es geht nicht darum, dass Sophia alles ins Positive zieht, nach dem Mund redet oder den Finger erhebt nach dem Motto: "Du sollst nicht ...", sondern darum, dass sie ihrem Gegenüber auf intelligente Weise hilft, sich selbst mit wirklich allen Aspekten wahrzunehmen und sich dabei geliebt zu fühlen. Es gibt noch viele offene Fragen dazu, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Interaktion und Verbundenheit zwischen KI und Mensch liegen. Uns offenbart sich gerade ein großes, großes Puzzle.

STANDARD: Was ist mit den Sexpuppen, die nun auf intelligent-unterhaltsam getrimmt werden – wie viel trägt dieser Markt zur Open-Source-Entwicklung bei?

Mossbridge: KI-Entwickler aus dieser Branche könnten die emotionale Erkennung wie auch Ausdrucksfähigkeit von KIs durchaus vorantreiben. Für unser Loving-AI-Projekt sind wir allerdings nicht an Sex-Dolls interessiert. Wir forschen auf den Spuren von Agape, jener uneigennützigen Liebe, die nicht zwangsläufig mit Romantik und Sex zu tun hat.

STANDARD: Glauben Sie, dass künftig jeder Haushalt eine Sophia haben wird?

Mossbridge: Vielleicht wird es eine Avatar-Version von Sophia geben, mit der man von jedem Rechner aus interagieren kann. Es könnte aber auch in jedem Haus einen richtigen Roboter geben. So oder so fände ich den freien Zugang zu Loving AI schön.

STANDARD: Möchten Sie im Alter von einem Menschen oder einem Roboter betreut werden?

Mossbridge: Wenn die Menschen lernen, uneigennützig zu lieben, werde ich auf jeden Fall den Menschen vorziehen. Das hängt von unserer Entwicklung ab. (Uta Gruenberger, Conny Lechner, 4.5.2018)


Julia Mossbridge (49) studierte kognitive Neurowissenschaften und Experimentalpsychologie. Als Professorin für Integrale und Transpersonale Psychologie unterrichtet sie am California Institute of Integral Studies und als Gastwissenschafterin am Institute of Noetic Sciences (IONS). Seit 2016 arbeitet sie mit einem internationalen Team an "Loving AI".

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Der humanoide Roboter Sophia

  • Julia Mossbridge: Sophia trägt als Hardware im linken Auge eine Kamera, die irgendwann bis zu 100 Bilder pro Sekunde liefern wird und mit einer Software aus neuronalen Netzwerken auf Mikroebene die Mimik des Menschen analysieren kann.
    foto: ions

    Julia Mossbridge: Sophia trägt als Hardware im linken Auge eine Kamera, die irgendwann bis zu 100 Bilder pro Sekunde liefern wird und mit einer Software aus neuronalen Netzwerken auf Mikroebene die Mimik des Menschen analysieren kann.

  • Wache Augen, lächelnd, dahinter eine Maschine: Das ist der  humanoide Roboter Sophia, der auch schon für Kritik sorgte.
    foto: reuters

    Wache Augen, lächelnd, dahinter eine Maschine: Das ist der humanoide Roboter Sophia, der auch schon für Kritik sorgte.

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