"Etwas kommt mir bekannt vor": Neugierig werden im Club

    1. Mai 2018, 17:10
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    Klug und sinnlich inszeniert Alia Luque das Stück von Liat Fassberg im Burg-Vestibül

    Wien – Jemand betritt den Raum, und sofort beginnt man zu projizieren. Man ordnet den Menschen ein, beginnt ihn auf Basis dessen, was man zu wissen und erkennen glaubt, zu interpretieren. Liat Fassberg hat darüber ein Stück geschrieben: Etwas kommt mir bekannt vor. Konkret handelt es von Menschen in einem Reisebus, der nächtens durch Europa fährt und in dem sich nach einem Zwischenfall – Beamte haben Reisende aus dem Bus herausgeholt – Stimmen erheben.

    Die 1985 in Jerusalem geborene und derzeit in Deutschland studierende Autorin hat mit dem Text im Vorjahr den Retzhofer Dramapreis gewonnen, der zur heißesten Marke für Gegenwartsdramatik in Österreich geworden ist. Bisherige Preisträger sind unter anderem Ferdinand Schmalz, Ewald Palmetshofer oder Miroslava Svolikova, alle heute am Burgtheater.

    Alltägliches Diskriminierungspotenzial

    Fassberg liefert kein Stück über das Leid (illegal) Flüchtender, sondern geht viel weiter. Sie hinterfragt das in jedem von uns vorhandene ganz alltägliche Diskriminierungspotenzial in Bezug auf Geschlecht, Hautfarbe, Aussehen, sozialen Status usw.

    Ihre "Figuren" sind folglich keine Charaktere im herkömmlichen Sinn, sondern bloß Schablonen, die wir Betrachter mit einer potenziellen Identität erst füllen. Darunter der Ossi mit dem Strickpullunder, die zurückhaltende Frau mit dem Kopftuch oder das kleine Mädchen mit seinem Vater, der Antworten geben muss: "Warum gehören wir nach Deutschland, Papa?".

    Wie konstruiert unsere Vorstellungen von Identität sind, unterstreicht Regisseurin Alia Luque, indem sie alle zwölf Typen einzig von Tino Hillebrand darstellen und nur auf Bildschirmen "auftreten" lässt. Diese Gesichter mit studierenswerter zarter Mimik säumen das Vestibül des Burgtheaters; in ihm bewegt sich das Publikum frei herum. Fassberg unterfüttert die Figurenreden dieser Businsassen (manche twittern oder telefonieren mit "daheim") mit einem Fragebogen aus Antidiskriminierungsseminaren, um sich der eigenen Privilegiertheit bewusst zu werden. Etwa: "Ich war nie die einzige Person meiner Ethnie in einem Raum."

    Denkmuster hinterfragen

    In einem fleischfarbigen Trikot geistert Hillebrand auch live durch die Menge: Die knallgelben Turnschuhe, die er dabei trägt, gehören jenen Menschen, die aus dem Bus hinausgeholt wurden (das weiß man aber nur, wenn man das Stück gelesen hat). Die Erinnerung an die Aussortierten bleibt also auf sinnliche Weise im Raum.

    Anstatt aber Empathie-Unterricht zu geben (was ja immer leicht ist; zum Seufzen gehen wir schließlich ins Theater), stacheln Fassberg und Luque die Neugier an und das Hinterfragen von eigenen Denkmustern. Wem bin ich ähnlich? Und wer steht eigentlich gerade neben mir? Man kommt in dieser immersiven Kunst den eigenen Blickwinkeln auf die Schliche. Dank der Musik fühlt sich das manchmal an wie im Club. Cool! (Margarete Affenzeller, 1.5.2018)

    Nächste Termine 4., 5. und 7. 5.

    Burgtheater

    • Tino Hillebrand ist im Vestibül live und auf Bildschirmen  zu sehen – mit studierenswerter zarter Mimik schlüpft er in die vielen Rollen.
      foto: georg soulek

      Tino Hillebrand ist im Vestibül live und auf Bildschirmen zu sehen – mit studierenswerter zarter Mimik schlüpft er in die vielen Rollen.

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