Weiterpofeln: "Politik nimmt Fürsorgepflicht nicht ernst"

    Interview1. Mai 2018, 09:00
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    Am 1. Mai hätte das Rauchverbot in der Gastronomie in Kraft treten sollen. Was das Kippen der Regelung für die Gesundheit bedeutet, hat Public-Health-Experte Roman Winkler analysiert

    STANDARD: Der Anteil der Raucher hat in den meisten OECD-Ländern in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. In Österreich ist er mit rund 25 Prozent gleich geblieben. Warum rauchen die Österreicher so gerne?

    Winkler: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Rauchen in Österreich omnipräsent. Tabakwaren können an jeder Straßenecke zu einem relativ günstigen Preis gekauft werden, auch der Nichtraucherschutz ist schwach. Gastronomiebetriebe, in denen geraucht werden darf, sind international schon längst nicht mehr State of the Art.

    STANDARD: Sie haben an einem Bericht mitgearbeitet, in dem der Einfluss von politischen Maßnahmen auf das Gesundheitsverhalten analysiert wurde. Wie kann die Gesundheitspolitik das Rauchverhalten der Bevölkerung positiv verändern?

    Winkler: Wir haben uns die internationale Studienlage angesehen, in denen der Effekt von Anreizen und sogenannten "Disincentives" ermittelt wurde. Zu den wichtigsten gesundheitspolitischen Steuerungsmöglichkeiten beim Rauchen zählen Preiserhöhungen, eingeschränkte Verfügbarkeit von Tabakwaren – beispielsweise weniger Trafiken und Zigarettenautomaten in Wohn- sowie Schulgegenden – Werbeverbote und einheitliche Verpackungen.

    STANDARD: Was bringt eine Steuererhöhung auf Tabak, die von Türkis-Blau ebenfalls ausgesetzt wird?

    Winkler: Es gibt gute wissenschaftliche Belege dafür, dass hohe Tabakpreise den größten Einfluss auf das Rauchverhalten haben. In Australien kostet derzeit eine Packung Zigaretten umgerechnet etwa 20 Euro, bis 2020 wird sich der Preis wahrscheinlich auf 30 Euro erhöhen. Der Anteil der Raucher ist dort zwischen 2008 und 2017 von 24 Prozent auf rund 13 Prozent gesunken. Die Steuereinnahmen werden zweckgebunden für die Behandlung von Krankheiten, die mit dem Rauchen assoziiert sind, verwendet. Australien war auch das erste Land, in dem einheitliche Zigarettenpackungen mit winzigen Markennamen und Schockbildern umgesetzt wurden. Diese Maßnahmen zeigen vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Wirkung, für die das Rauchen damit den Nimbus der "Coolness" verliert.

    STANDARD: Wie kann durch Belohnungen oder Anreize das Rauchverhalten verändert werden?

    Winkler: Hier sind die Effekte weniger stark als durch "Disincentives". Mit monetären Anreizen konnten nur kurz- bis mittelfristige Erfolge gemessen werden. So wurde bei schwangeren Frauen eine Tabakabstinenz zwischen durchschnittlich drei und sechs Monaten erzielt. Sobald die Geldzahlungen eingestellt wurden, änderte sich aber meist auch wieder das Verhalten.

    STANDARD: Kritiker sprechen von einer zunehmenden Verbotskultur, in der die Freiheit, sich gegebenenfalls selbst zu schaden, beschränkt wird.

    Winkler: Die Kritik kann ich nachvollziehen. Wenn ich im Kaffeehaus täglich ein Stück Cremetorte esse, belaste ich unter Umständen meine eigene Gesundheit. Auch wenn ich mir ein knusprig gebackenes Schnitzel bestelle, wird das beim Tischnachbarn keinen Herzinfarkt hervorrufen. Passivrauchen gefährdet hingegen die Beschäftigten in der Gastronomie und die nichtrauchenden Gäste. Aufgabe der Gesundheitspolitik ist es dafür zu sorgen, dass alle Arbeitnehmer die gleiche Chance haben, in einem möglichst gesunden Umfeld arbeiten zu können und die Menschen vor dem potenziell schädigenden Verhalten anderer zu schützen.

    STANDARD: Was ist die beste Prävention?

    Winkler: Um das Verhalten beeinflussen zu können, müssen sich die Verhältnisse ändern. Eine Gesundheitspolitik, die ihre Fürsorgepflicht für die Bevölkerung ernst nimmt, sollte deshalb die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.

    STANDARD: Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein will die Bürgerinnen und Bürger in die Pflicht nehmen und fordert mehr Selbstverantwortung.

    Winkler: Wir dürfen nicht vergessen, dass Nikotinabusus keine ungesunde Angewohnheit, sondern eine schwerwiegende Suchterkrankung ist. Darum ist es nicht zielführend, alles in die Verantwortung des Einzelnen zu legen. Vor allem dann nicht, wenn die Verhältnisse genau das Gegenteil suggerieren. Alleine deshalb ist die Aufhebung des Rauchverbots in der Gastronomie ein völlig falsches Signal.

    STANDARD: Was ist über den gesundheitlichen Effekt einer rauchfreien Gastronomie bekannt?

    Winkler: Ein Cochrane-Bericht aus dem Jahr 2016, in dem 77 Studien ausgewertet wurden, kam zu dem Ergebnis, dass ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie die Folgeerkrankungen durch Passivrauchen deutlich reduziert. Aber auch Raucher profitieren davon. So gab es in der Gesamtbevölkerung einen signifikanten Rückgang von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Die systematische Übersichtsarbeit legt auch den Schluss nahe, dass es dadurch zu weniger frühzeitigen Todesfällen kommt. (Günther Brandstetter, 1.5.2018)

    Roman Winkler forscht am Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment in Wien mit Schwerpunkt auf Public Health. 2016 erschien der Bericht zu "Effekte von (im)materiellen Anreizen auf das Gesundheitsverhalten". Eine aktualisierte Version wird bei der diesjährigen Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Public Health präsentiert.

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      foto: apa/herbert neubauer

      Laut Studienlage gibt es eine hohe Evidenz dafür, dass von einem Rauchverbot in der Gastronomie die Gesundheit von Rauchern und Nichtrauchern profitiert.

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