Donaufestival Krems: Wir sind die Rentner von morgen

    28. April 2018, 12:49
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    Auftakt mit Konzerten von Godspeed You! Black Emperor und anderen retrogardistischen Futuristen und Googlenauten

    Krems – Der Sound von Lawinenabgängen, einem Gewitter im Gebirge, Konzerten von Motörhead, startenden Düsenflugzeugen, dem Quäken eines brünftigen Pfaus oder eines Late-Night-Shopping-Tripps von Godzilla in Tokio lehrt uns, dass es für den Menschen sowohl eine gute Lautstärke gibt als auch eine schlechte. Besonders unangenehm wird es, wenn die Lautstärke vom Schlechten auch noch ins Depperte hinüberlappt.

    Lightning Bolt

    Das US-amerikanische Duo Lightning Bolt stellte zum Abschluss des Eröffnungsabends des diesjährigen Donaufestivals in Krems eines unter Beweis: Angenehmes, durch Schallwellen bedingtes Hosenflattern, schweres Magendrücken aufgrund von Harrys vor Ort servierten Schnitzelsemmeln (heuer gerade noch unterhalb der magischen Fünf-Euro-Grenze!), dem Gefühl, ein Brett vor den Kopf geschlagen zu bekommen, während man über den Sinn des Lebens nachzudenken beginnt, weil einem vom langen Stehen in den nicht enden wollenden Konzerten eh schon das Kreuzreißen überkommt, setzte alldem noch die Krone auf.

    Lightning Bolt müssten es seit mittlerweile seit einem Vierteljahrhundert Bandbestehen eigentlich besser wissen. Aber nein. Zu einer absurd übersteuerten Bassgitarre und unkontrolliert rückkoppelndem Gesang haute der mit Faschingsmaske behübschte Schlagzeuger Brian Chippendale auch noch jede einzelne Möglichkeit kaputt, zwischen der nervigen Mischung aus abgelebtem Hardcore-Punk-Gebolze und Ausdruckstanz auf dem Griffbrett eines wildgeworden Jazzrock-Heinis zwischendurch einmal eine Sekunde Pause zu machen.

    Grüße von Mikl-Leitner

    Wer ist dümmer? Die Band, die solche postpubertären Gewaltakte gegen das Hör- und überhaupt menschliche Empfinden vom Tonmischer einfordert – oder die Leute, die bei diesem Krach-Tsunami mehr als zehn Minuten im Saal durchhalten?

    Die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner spricht im Festivalgeleitwort von einem "besonderen Gesamterlebnis", auch im Zusammenhang mit der "Weltkulturerbe-Region Wachau" und einem "Kunstbegriff" der "hier ein Stück weit neu gedacht und erweitert werden" soll. Hoffentlich hat es den Marillenbäumen gestern in der Nacht nicht die kommende Ernte heruntergehauen. Unermüdliche Griffbrettrutschereien im Zeichen des Duracell-Hasen, Aufmerksamkeitsdefizits-Proberaummusik, Frank Zappa war gut, aber seine Musik finde ich insgesamt etwas eintönig – und überhaupt die hässliche Fratze der Jazzfunk- und Herzrasen-ohne-Koks-Musik ehemaliger Jazzkonservatoriumstudenten – setzte es auch zuvor.

    MOPCUT

    Das Trio MOPCUT um Lukas König, den Wiener Schlagzeuger in allen Gassen der Hyperventilation, war etwas leiser als Lightning Bolt angelegt. Der Wiedererkennungsewert dieser Musik liegt allerdings wahrscheinlich ebenfalls im Konzept der konstanten wie konsequenten Publikumsüberforderung. Schön, wenn junge Leute ihr Instrument so gut spielen können. Noch besser, wenn sie es nicht dauernd zeigen wollen müssen.

    Draußen vor dem Saal war der Abend frühlingshaft lind. Das Donaufestival und Intendant Thomas Edlinger wollen heuer eine "endlose Gegenwart" kritisch hinterfragen, weil man erstens immer schon ein Festivalmotto braucht für die Katalogtexte. Zweitens, weil sich die Geschichte gerade wieder einmal in der Gegenwart durch die gegenwärtig das Vergangene aufbereitende Zukunft aufheben will und es Google gleichberechtigt neben allem – und den anderen auch gibt.

    Hallo, Leute, Abba haben gerade nach 35 Jahren Pause zwei neue Lieder aufgenommen, die im Dezember veröffentlicht werden. Abba werden aber dazu im Video und in ausgesuchten Fernsehshows nicht selbst auftreten, sondern schicken digitale Avatare, ok?! Das bedeutet 2018 in Krems: Free Jazz für Rentnersäcke im Studentalter, Befreiungs-R’n’B für Leute, die Blingbling und Praterdiscos hassen, aber trotzdem irgendwie auf Ästhetik im Stile von Jennifer Lopez stehen – oder schlicht und einfach Widerstands-Alternative-Mainstream für die politische Haltung daheim im Kuchlradio.

    Godspeed You! Black Emperor

    In Krems am Freitag zu sehen und zu hören war noch dazu Liedermachertum für amerikanische Krankenhausserien (Grouper mit Jungschargitarre in der Minoritenkirche am frühen Freitagabend, meine Güte!), Diskurs-Techno (die schwer gehypte in jeder Hinsicht blasse Laurel Halo später mit Crapbook und Lalelugesang, mit dem die Systemtheorie von Niklas Luhmann verarbeitet wird in der Messehalle), posthumane Broken-Beats-Dance-Music (der schottische Trendsportproduzent Lanark Artefax. Technobrett, dreimal geschreddert. Björk hat schon die Finger drauf). In der endlosen Gegenwart klingt alles irgendwie irgendwie. Mir schmeckt es, aber jeden Tag muss ich es auch nicht essen.

    Als Höhepunkt des Abends gastierte beim Donaufestival wieder einmal das kanadische Bandkollektiv Godspeed You! Black Emperor. Die vielköpfige Band mit doppelter Besetzung an Bass und Schlagzeug, diversen Gitarren sowie für das künstlerische Niveau zuständiger Violistin kann einen mit ihren langen, langsam anschwellenden, sich auch lautstärkemäßig steigernden Kompositionen tatsächlich mitreißen. Willkommen in Dröhnland!

    Sie machen das bloß auch schon seit über 20 Jahren. Die Mischung aus sich ständig wiederholenden, von der Minimal Music eines Steve Reich entlehnten Grundmotiven, darüber mit Kreissäge gezogenen Distortionmelodien und sensationellerweise von vier alten Filmprojektoren von der Spule kommenden Schwarzweiß-Filmzuspielungen mit politischer Konnotation gibt es auf gleichbleibendem Niveau immer wieder auf Platte wie auch live in Wien zu erleben.

    Wenn man immer dasselbe macht, kann das bedeuten, dass man sich dauernd wiederholt. Positiv gesagt ist das ein Personalstil. Ein unerwarteter Publikumsmagnet, noch dazu ohne Gesang, dafür mit dem heimischen Gast Christof Kurzmann am Albert-Ayler-Gedächtnissaxophon. Wir schätzen heute schon, dass wir auch morgen noch die Kunst von gestern ehren werden. (Christian Schachinger, 28.4.2018)

    • Godspeed You! Black Emperor als Höhepunkt des Freitagsabends in Krems.
      foto: david visnjic / donaufestival

      Godspeed You! Black Emperor als Höhepunkt des Freitagsabends in Krems.

    • Der mit Maske behübschte Schlagzeuger Brian Chippendale ist Teil der Band Lighnting Bolt.
      foto: david visnjic / donaufestival

      Der mit Maske behübschte Schlagzeuger Brian Chippendale ist Teil der Band Lighnting Bolt.

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