Essay: Die Zukunft der Arbeit

    Essay28. April 2018, 08:23
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    Das "zweite Maschinenzeitalter" stellt alte Gewissheiten infrage: Wir müssen neu über Broterwerb, Lebenssinn und Gesellschaftsvertrag nachdenken

    Das Alte ist überkommen, das Neue erst zu erahnen. Unsere Zeiten sind Wendezeiten. Das spüren die Menschen. Und wie es eben ist in Perioden der Veränderung, halten sie sich fest an eingeübten Ritualen: Wenn die SPÖ am 1. Mai zum Wiener Rathausplatz marschiert, werden alte Genossen und junge Parteirebellen gemeinsam Türkis-Blau auspfeifen.

    Rote Taschentücher werden wehen, rote Nelken werden blühen. Die stolze alte Arbeiterpartei wird sich noch einmal feiern. Ihr bleibendes Verdienst ist es, den Massen den Aufstieg aus dem Elend ermöglicht zu haben. Die Sozialdemokratie, sie war ein Vehikel der Selbstermächtigung für breite Schichten der Bevölkerung – durch Bildung für alle, und vor allem durch Arbeit für alle.

    Arbeit aber droht Mangelware zu werden in unseren Tagen. Das "zweite Maschinenzeitalter", die Automatisierung und Digitalisierung, hat bereits Einzug in weite Teile der Industrie und des Dienstleistungssektors gehalten. Dadurch, schätzte der chinesische Internet-Tycoon Jack Ma unlängst, würden in den kommenden 30 Jahren weltweit 800 Millionen Jobs verloren gehen. Wie viele auch immer es sein werden, was bedeutet das für unsere Gesellschaften und für die Menschen?

    Industrielle Revolution

    Als die verbesserte Konstruktion der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts die industrielle Revolution richtig in Fahrt brachte, stürmten britische Ludditen in Nottingham Maschinen und verarmte schlesische Weber die Villen ihrer Fabrikanten. Heute überlegen Silicon-Valley-Größen wie Paypal-Gründer Peter Thiel oder Wirtschaftskapitäne wie Deutsche-Telekom-Chef Tim Höttges die Einführung eines Grundeinkommens für alle.

    Es ist ein Versuch, die (steigende) Wertschöpfung nach anderen Maßstäben zu verteilen als durch Erwerbsarbeit. Und es ist gleichzeitig ein, wie es im Umfeld der Tech-Ökonomie oft heißt, "disruptiver" Gedanke vor allem für unseren althergebrachten Gesellschaftsvertrag, in dem Arbeit ein Synonym für Teilhabe, ja Lebenssinn ist.

    Für die meisten Menschen ist Arbeit nicht nur Broterwerb. Haben sie keine, ist für viele Feierabend. Und zwar durchaus nicht im Wortsinn. Für die USA gibt es Kalkulationen, dass die Gesellschaft dort einen Anteil von bis zu 30 Prozent arbeitsloser Bürger vertragen würde, die mit Lebensmittelmarken, Computerspielen und Fernsehen bei Laune gehalten werden könnten. Werde dieser Wert überschritten, dann steige die Wahrscheinlichkeit für Aufruhr und Revolutionen.

    Für Europa klingen solche Szenarien ungeheuerlich. Unsere Staaten, Politiker, Gewerkschaften, Unternehmer – und jeder Einzelne von uns – müssen Arbeit in Zeiten der Digitalisierung neu denken, neu definieren. Die Trennlinie zwischen Utopie und Dystopie ist in dieser Frage äußerst dünn. Über die Richtung der Entwicklung nachzudenken machte also gleich in mehrfacher Hinsicht (Lebens-)Sinn. (Christoph Prantner, 28.4.2018)

    Schwerpunkt "Zukunft der Arbeit":
    Werden Roboter unsere Jobs übernehmen? Falls ja, was macht das mit unserer Gesellschaft? Welche sozialen Folgen haben die tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt, die gerade erst begonnen haben? Und welche neuen Chancen eröffnet der technologische Arbeitswandel? Wir finden das Thema "Zukunft der Arbeit" so wichtig, dass wir ihm diesen Schwerpunkt widmen. In den kommenden Tagen finden Sie auf https://derStandard.at/Die-Zukunft-der-Arbeit eine Serie von Artikeln: Die STANDARD-Redaktion hat Forscherinnen und Forscher befragt, ist dorthin gefahren, wo die neue Arbeitswelt bereits zu spüren ist, und macht sich in Essays Gedanken – alles handgefertigt, natürlich.

    • Für die meisten Menschen ist Arbeit nicht nur Broterwerb.
      foto: getty images / istock / shironosov

      Für die meisten Menschen ist Arbeit nicht nur Broterwerb.

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