Das Büro der Zukunft passt sich an

    6. Mai 2018, 11:00
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    Künftig entscheiden wir, wo und wie wir arbeiten wollen. Im Fokus stehen Flexibilität und Technologien, die sich den Wünschen der Mitarbeiter anpassen

    Klammer auf, Platte raus, Platte hoch, Klammer zu, Bremsen lösen, und dann mit dem ganzen Ding quer durch den Raum, wohin auch immer einen die räumliche Sehnsucht gerade treibt. "Ich bin kein Freund von fix eingebauten, schweren Büromöbeln", sagt der Amsterdamer Designer Dave Keune. "Mit flexiblen, beweglichen Einrichtungsgegenständen ist die Gestaltungsvielfalt um ein Vielfaches größer. Und die Lust an der Nutzung ebenso! So kann der Raum jeden Tag neu erlebt und erkundet werden."

    Seine bislang radikalste Bürospielwiese ist der sogenannte Design Innovation Space (DIS) in Strijp-S im Nordwesten von Eindhoven. Einst wurden in der denkmalgeschützten Fabrikhalle Geräte für Philips hergestellt, heute finden hier kreative Prozesse statt. Einmal im Jahr, wenn im Oktober rund eine Viertelmillion Besucher zur Dutch Design Week anreisen, wird der 20 auf 15 Meter große Raum als öffentlich zugänglicher Thinktank genutzt. Die restliche Zeit ist er Coworking-Space und Event-Location. "Aufgrund des Denkmalschutzes war es theoretisch nicht einmal möglich, eine Schraube in die Wand zu bohren", sagt Keune. "Allein deshalb schon habe ich mich für ein modulares, frei bewegliches Mobiliar entschieden, das man in jedem Büroraum implementieren kann."

    Kreativität braucht Freiraum

    Der DIS in Eindhoven folgt einem jungen Trend (einem von vielen), der im Fachjargon als Activity Based Working bezeichnet wird. Im Gegensatz zum klassischen Büro wählt der Mitarbeiter hier für jede Tätigkeit die dafür am besten geeignete Arbeitssituation selbstverantwortlich aus. Das Spektrum umfasst nicht nur unterschiedliche Orte im Büro, sondern auch entsprechend variantenreiche und bewegungsorientierte Positionen – ob das nun Sitzen, Stehen oder Liegen, ob das nun Drehstuhl, Samtsofa oder Hängematte ist. Erlaubt ist, was gefällt. Fachleute und Arbeitgeber preisen den Trend als das Zukunftsmodell schlechthin.

    "Kreativität braucht Freiraum, und zwar nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper", sagt Bernhard Herzog, verantwortlich für Forschung und Entwicklung beim Wiener Beratungsunternehmen M.O.O.CON. "Daher halte ich diese Entwicklung in der zeitgenössischen Büroplanung grundsätzlich für sehr positiv. Allerdings gebe ich zu bedenken: Activity-based Working muss zu mir als Person und zur Kultur des Unternehmens passen. Nicht jeder fühlt sich in dieser räumlichen Wahlfreiheit beglückt." Besonders warnt Herzog davor, neue Bürokonzepte einzig und allein aus Gründen der Flächeneffizienz und Wirtschaftlichkeit einzuführen. "Das geht immer schief."

    Flexibilität, Individualität, Mitbestimmung

    Experten sind sich einig: Das Arbeiten befindet sich im Umbruch. Vorbei sind die Zeiten der klassischen Einzel- und Großraumbüros sowie der Cubicles, der kleinen, abgegrenzten Schreibtischzellen, wie man sie aus US-amerikanischen Sitcoms kennt. Flexibilität, Individualität, Mitbestimmung sind nun die Buzzwords. Denn durch Technologien wie künstliche Intelligenz oder Big Data werden sich die Büros künftig an die jeweiligen Bedürfnisse der Mitarbeiter anpassen. "Dem einen ist zu kalt, dem anderen zu heiß. Mit zentralen Systemen kann man es niemandem recht machen", sagt Sabine Hoffmann, Professorin für Gebäudesysteme und -technik an der Technischen Uni Kaiserslautern. Sie erforscht mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz im sogenannten Living Lab Smart Office Space, wie man solche Streits künftig vermeiden kann.

    Etwa haben sie und ihre Kollegen mit einer Wärmebildkamera Personen, die das Labor als Arbeitsplatz nutzen, aufgezeichnet und die Umgebungstemperatur eingestellt, bevor diese erkannt haben, dass ihnen zu warm ist. Oder einen Bürosessel entwickelt, der individuell temperiert werden kann. In die Sitzfläche wurden Sensoren eingebaut, um zu erkennen, welche Tätigkeit die Person ausübt. Je nachdem, ob sie am Computer liest, von Hand schreibt oder mit Kollegen spricht, könnte sich das Licht am Arbeitsplatz der Tätigkeit anpassen.

    Auch Lichtsysteme, die sich der Sonneneinstrahlung angleichen und so auf den Biorhythmus der Person eingehen, oder Lampen, die ein konstantes Geräusch verbreiten, um ablenkenden Lärm zu reduzieren, zählen zu Hoffmanns Forschung. Die gesammelten Daten, so die Idee, würden zentral gespeichert, die vernetzten Möbel so programmiert, dass sie aus den Daten lernen. So würde der Schreibtisch in die ideale Höhe fahren, sobald ein Mitarbeiter das Büro betritt und sich einloggt.

    Positiver Einfluss auf Gesundheit

    Was nach Science-Fiction klingt, wird laut Hoffmann in "fünf bis zehn Jahren häufig in Büros zu finden sein, vorausgesetzt, der Datenschutz ist geklärt". Neben der Flexibilität haben solche Systeme weitere Vorteile. Sie wirken sich positiv auf Wohlbefinden und Produktivität aus, sowie auf Gesundheit, Emotionen und Schlaf, wenn Temperatur, Licht und Lärmpegel passen. Denn: "In Großraumbüros sind Mitarbeiter am anfälligsten für Temperatur, gefolgt von Lärm und zu wenig Tageslicht", sagt Brent Bauer, medizinischer Leiter der US-amerikanischen Mayo Clinic. Er forscht im zugehörigen Well Living Lab, wie sich Räume auf Menschen auswirken und wie man sie gesünder gestalten kann.

    Doch haben Büros überhaupt Zukunft, wenn viele eigentlich nur mehr Laptop und WLAN brauchen? Einerseits ist das Home-Office die Antwort auf das Bedürfnis nach Individualität, erst im Juli 2017 ließ das US-amerikanische Tech-Unternehmen Automattic sein Büro in San Francisco auf. Andererseits gewinnt das Büro als Ort wieder an Bedeutung. Ebenfalls 2017 stellte IBM seinen Mitarbeitern ein Ultimatum, entweder ins Büro zu kommen oder die Firma zu verlassen. Die Idee dahinter: Persönlicher Austausch fördere Kreativität und Innovation. Gleichzeitig verbessere das Arbeiten außerhalb des Büros die Ideenfindung, wie Forschungen des Fraunhofer-Instituts zeigen. Die Antwort liegt also letzt- lich in der Architektur der Büros: kein starres Interieur, sondern flexible Formen wie etwa im Design Innovation Space. (Wojciech Czaja, Selina Thaler, 6.5.2018)

    Schwerpunkt "Zukunft der Arbeit":
    Werden Roboter unsere Jobs übernehmen? Falls ja, was macht das mit unserer Gesellschaft? Welche sozialen Folgen haben die tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt, die gerade erst begonnen haben? Und welche neuen Chancen eröffnet der technologische Arbeitswandel? Wir finden das Thema "Zukunft der Arbeit" so wichtig, dass wir ihm diesen Schwerpunkt widmen. In den kommenden Tagen finden Sie auf https://derStandard.at/Die-Zukunft-der-Arbeit eine Serie von Artikeln: Die STANDARD-Redaktion hat Forscherinnen und Forscher befragt, ist dorthin gefahren, wo die neue Arbeitswelt bereits zu spüren ist, und macht sich in Essays Gedanken – alles handgefertigt, natürlich.

    • Der Design Innovation Space ist der baulich manifeste Auftrag zum ständigen Weiterentwerfen. Damit nimmt das von Dave Keune geplante Büro auf analoge Weise die Zukunft vorweg.
      foto: raoul kramer

      Der Design Innovation Space ist der baulich manifeste Auftrag zum ständigen Weiterentwerfen. Damit nimmt das von Dave Keune geplante Büro auf analoge Weise die Zukunft vorweg.

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