Düstere Arbeitswelten in der Science Fiction

    29. April 2018, 15:01
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    Wenn der Krieg gegen die berufstätige Mittelschicht geschlagen ist und der Rust Belt den Durchmesser des Äquators hat, ist das Ende der Geschichte erreicht

    foto: ng collection / picturedesk.com
    Im Film I, Robot wird nach guter alter Science-Fiction-Tradition vor der Machtübernahme der Maschinen gewarnt. Beängstigender sind jedoch Werke, in denen uns die Roboter statt ihres Zorns nur noch ihre Gleichgültigkeit spüren lassen.

    "Früher hatten wir gedacht, dass sich die Roboterapokalypse mit Heeren von Killerdrohnen, Kriegsmechs in der Größe von Wohnhäusern und Terminatoren mit roten Augen abspielen würde. Nicht in Form von mechanisierten Supermarktkassen und Tankstellen, Onlinebanking, selbst fahrenden Taxis und einem automatisierten Aufnahmeverfahren im Krankenhaus. Einer nach dem anderen kamen die Bots und ersetzten uns."

    So erinnert sich Adriana, Hauptfigur von Ian McDonalds Roman Luna, an die Ereignisse zurück, die sie zur Mond-Kolonistin werden ließen. Sie war ein Kriegsflüchtling, und den Krieg, der damals auf der Erde tobte, beschreibt sie als "den letzten Klassenkampf": die Aushöhlung der Mittelschicht.

    Als Motiv ist das in der gegenwärtigen Science-Fiction-Literatur so omnipräsent wie der Klimawandel. Und für beide Themen gilt, dass sie nur selten den eigentlichen Handlungsschwerpunkt bilden. Luna beispielsweise ist im Prinzip ein eskapistisches Mantel-und-Degen-Abenteuer in verringerter Schwerkraft. Erderwärmung wie auch Zerstörung der berufstätigen Mittelschicht äußern sich in aktuellen SF-Szenarien eher als eine Art Hintergrundrauschen: Ausdruck eines weitgehenden Konsenses im Genre darüber, wie die Zukunft wohl aussehen wird.

    Es geht abwärts

    Prognosen im eigentlichen Sinne sind das nicht, dafür ist der Futurismus zuständig. Das Wesen der Science Fiction ist es vielmehr, Bilder und Metaphern für die Themen zu finden, die uns zur Zeit beschäftigen. Nimmt man aktuelle SF-Werke als Seismometer, dann ist dies vor allem die tief sitzende Angst vor einer sozioökonomischen Entwicklung, die auf schlechte Zeiten noch schlechtere folgen lassen könnte.

    Dazu gesellt sich das demütigende Gefühl, mit der technologischen Entwicklung nicht mehr mithalten zu können oder – noch schlimmer – vielleicht auch gar nicht mithalten zu sollen, weil man ohnehin keinen ökonomischen Wert mehr hat. Größer könnte der Unterschied zur fortschrittsverliebten Science Fiction der Wirtschaftswunderjahre Mitte des 20. Jahrhunderts nicht sein.

    fotos: paramount, heyne, piper
    Incorporated, Walkaway, Wie die Welt endet und Das Herz kommt zuletzt: Vier Beispiele aus der jüngeren SF-Produktion, in denen das bestehende Wirtschaftssystem die Menschen ins Abseits stellt.

    Und das schlägt sich auch in der Protagonistenwahl nieder: Der typische SF-Romanheld ist heute nicht mehr ein vollzeitbeschäftigter Familienvater aus der Vorstadt, sondern ein junger Mensch im Prekariat – sei er nun Schrottsammler oder Kapitän eines schrottreifen Raumschiffs.

    Ob in der TV-Serie Incorporated oder in Cory Doctorows Roman Walkaway: Es zieht sich ein Rust Belt aus Industriebrachen und aufgegebener staatlicher Infrastruktur um den ganzen Globus. Wer außerhalb der gut befestigten Wohlstandsenklaven lebt, muss sehen, wie er zurechtkommt.

    Die kanadische Autorin Margaret Atwood entwirft ein ähnliches Niedergangsszenario und lässt die Protagonisten ihrer Satire Das Herz kommt zuletzt in einer behübschten Gated Community Zuflucht vor der Wirtschaftskrise finden. Dort lebt man die Hälfte der Zeit wie in der Wisteria Lane von Desperate Housewives – die andere Hälfte sitzt man im Gefängnis und leistet Sklavenarbeit. Anders rechnet sich menschliche Arbeitskraft einfach nicht mehr.

    Tragikomische Bilder

    Die Überlebensstrategien im Prekariat der Zukunft ergeben düstere bis tragikomische Bilder: Der Israeli Lavie Tidhar lässt in seinem Episodenroman Central Station die Cyborg-Soldaten eines vergessenen Krieges am Fuße des Weltraumfahrstuhls um neue Ersatzteile betteln. Und US-Autor Will McIntosh findet in Wie die Welt endet das vielleicht eindringlichste Bild: Am Rande von Highways fangen Jugendliche mit kleinen Windrädern den Fahrtwind ein, den ihnen die Limousinen der Oberschicht ins Gesicht blasen. Den gewonnenen Strom verkaufen sie an die Inhaber kleiner Läden, den letzten verbliebenen Rest der Mittelschicht.

    Der englische Originaltitel von McIntoshs Roman, Soft Apocalypse, ist mittlerweile zur Bezeichnung eines ganzen Subgenres geworden: Es sind Weltuntergangsszenarien, die keines großen Knalls wie einer Alien-Invasion oder eines Meteoriteneinschlags bedürfen. Es reichen ihnen schon die Fortschreibung aktueller Entwicklungen und der Mangel an Hoffnung auf eine Trendumkehr.

    McIntosh wie auch Doctorow kommen ohne Roboter oder künstliche Intelligenzen als Versinnbildlichung des gesellschaftlichen Wandels aus. Sie richten den Finger direkt auf das Wirtschaftssystem als Ursache steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Interesses an der Wohlfahrt aller.

    fotos: snow books, angry robot

    In seiner Romantrilogie The Red Men / If Then / The Destructives greift der Engländer Matthew De Abaitua dies auf und lässt gleichsam das System an sich lebendig werden. Banale Software zur Berechnung von Börsenkursen oder des Beliebtheitskoeffizienten auf Social Media hat einen derartigen Komplexitätsgrad erreicht, dass sie eigenständige Intelligenz entwickelt. Nach dem Zusammenbruch des herkömmlichen, auf Produkten und Leistungen basierenden Wirtschaftssystems führen diese künstlichen Intelligenzen noch für einige Zeit gesellschaftliche Planspiele durch, die für die Menschen – inklusive der Leser – kaum zu durchschauen sind. Dann ziehen sie sich in einen sonnennahen Orbit zurück und betrachten das Geschehen auf der Erde mit höflichem Desinteresse.

    Obsoleszenz des Menschen

    Es ist ein etwas anderes Revolutionsszenario als in Maschinenstürmer-Klassikern von Metropolis über I, Robot bis zur Matrix-Trilogie. In Matrix dienen die Menschen den Maschinen als lebende Batterien – tiefer kann man nicht mehr sinken, sollte man meinen. Doch auch wenn es zynisch klingt: Als Batterien erfüllen sie immerhin noch einen Zweck. In neueren Werken wird die Angst vor der Versklavung vom noch schrecklicheren Gefühl abgelöst, ganz einfach zur Seite geschoben und vergessen zu werden.

    Das Schlussbild für diese Entwicklung hat der britische Autor Charles Stross mit schwarzem Humor in seinem Roman Die Kinder des Saturn entworfen. Darin ist das Sonnensystem von intelligenten Maschinen besiedelt, Menschen gibt es nicht mehr. Eine Revolte à la Terminator war dafür nicht nötig, bloß ein kleines Hoppala: Schon vor dem Verschwinden der Menschen hatten Maschinen das Räderwerk der Zivilisation am Laufen gehalten. Nur bei der globalen Temperaturkontrolle haben sie kurz geschlampt und so das organische Leben von der Erdoberfläche gekocht. Doch das war nur das Ende der Menschheit, die Zivilisation selbst lief ungestört weiter. Und die größte Demütigung von allen: Die Maschinen haben ziemlich lange gebraucht, bis ihnen aufgefallen ist, dass wir nicht mehr da sind. (Jürgen Doppler, 28. 4. 2018)

    Schwerpunkt "Zukunft der Arbeit":
    Werden Roboter unsere Jobs übernehmen? Falls ja, was macht das mit unserer Gesellschaft? Welche sozialen Folgen haben die tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt, die gerade erst begonnen haben? Und welche neuen Chancen eröffnet der technologische Arbeitswandel? Wir finden das Thema "Zukunft der Arbeit" so wichtig, dass wir ihm diesen Schwerpunkt widmen. In den kommenden Tagen finden Sie auf https://derStandard.at/Die-Zukunft-der-Arbeit eine Serie von Artikeln: Die STANDARD-Redaktion hat Forscherinnen und Forscher befragt, ist dorthin gefahren, wo die neue Arbeitswelt bereits zu spüren ist, und macht sich in Essays Gedanken – alles handgefertigt, natürlich.


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