"Glaube Liebe Hoffnung": Bilder, die zum Himmel schreien

    27. April 2018, 09:00
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    In der Schau zeigen das Grazer Kunsthaus, das Diözesanmuseum und die Minoriten Kunst, die mit Religion verhandelt. Ein Dialog auf Augenhöhe statt eines Scheindiskurses über christliche Werte

    Graz – Kunst ist kein beruhigendes Fußbad. Das hat sie mit der Religion gemein. Dort, wo sich die beiden ohne falsche Frömmelei und oberflächliches Design auf Augenhöhe treffen, und das schon seit den 1960er-Jahren, nämlich in Graz, kann es mitunter ganz schön zur Sache gehen. Derzeit ist das rund um die blaue Blase des Kunsthauses der Fall. An der Vorderfront, wo das viel ältere Eiserne Haus an die 15 Jahre alte amorphe Form andockt, steht eine weiße Fahne auf dem Gehsteig. Tagsüber könnte man die Arbeit der beiden steirischen Künstler Wolfgang Temmel und Fedo Ertl, der 2014 verstarb, fast übersehen.

    Nächtliche Projektionen

    Wenn es dunkel wird, werden aber Symbole, die in der Geschichte wechselnde Anhänger und Bedeutungen hatten, auf den leeren Stoff projiziert. Ein Davidstern, ein Halbmond, ein Pentagramm, ein Kreuz, ein Hakenkreuz und Hammer und Sichel. "Da wird ganz schön diskutiert, und Leute beschweren sich auch", erzählt Johannes Rauchenberger vom Kulturzentrum bei den Minoriten, der die mehrteilige Ausstellung Glaube Liebe Hoffnung zusammen mit Kunsthaus-Chefin Barbara Steiner und Katrin Bucher Trantow kuratiert hat.

    foto: © bildrecht wien, 2018
    Anna Meyer, "Twitler" (Detail), 2017

    Murseitig neben dem Kunsthaus streckt dafür eine vier Meter hohe Figur des Heiligen Aviano vom Künstler Franz Kapfer dramatisch ein Kruzifix gegen den Himmel. Der bärtige Mann dürfte vor Unheil warnen. Tatsächlich geht es ihm, so verrät der ironische Titel der Arbeit, um nicht weniger als um die Errettung des Abendlandes. Der Kapuzinerpater ging in die Geschichte ein, weil er 1683 vor der entscheidenden Schlacht gegen die Osmanen, die Wien belagerten, eine inbrünstige Predigt hielt. In Graz wurde Aviano etwa bis zur Mitte des Oberschenkels schon von einigen Passanten bekritzelt und mit politischen Stickern beklebt – unplanbares "Work in Progress" sozusagen.

    Prägnante Arbeiten

    Die beiden prägnanten Arbeiten außerhalb der Blase sind nur zwei von vielen, mit denen auf drei Ebenen im Kunsthaus, im nahegelegenen Haus der Minoriten auf dem Mariahilferplatz und im Diözesanmuseum im Grazer Priesterseminar das 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau künstlerisch begangen wird.

    universalmuseum joanneum
    Trailer zur Ausstellung "Glaube Liebe Hoffnung".

    Ein ernst gemeinter Dialog mit Gegenwartskunst, der Raum für Kritik und auch "unheilige" Allianzen zuließ, hat in der Steiermark Tradition. Fortgeführt wurde diese vom mittlerweile zum Innsbrucker Bischof geweihten früheren Grazer Pfarrer und Künstler Hermann Glettler und Alois Kloibl von der Katholischen Hochschulgemeinde.

    Beide waren in die Entwicklung der Schau eingebunden. In elf Kapiteln, die etwa "Abstraktion" und "Körperlichkeit" oder "Liebe und Selbstbestimmung", aber auch – etwas düsterer – "Opfer und Ritual" heißen, werden über den Glauben auch philosophische und gesellschaftspolitische Aspekte ausgelotet. Beim Ritual fehlt natürlich Hermann Nitsch nicht. Aber auch ganz andere Zugänge wie geheimnisvolle Fahnen von Hannes Priesch oder die eindrucksvollen Ölgemälde von Luc Tuymans ergänzen dieses weite Feld.

    Abstraktion von Gott

    In Sachen Identifikation bezieht Karol Radziszewski in seiner Arbeit The Power Of Secrets ausgehend von der bärtigen Volksheiligen Kümmernis die lokale LGBTQ-Community in Videointerviews ein. Über die Abstraktion von Gott und dessen Abbild kann man zum Video God is Design von Abdel Abdessemeds, wo Ornamente aller Weltreligionen auftauchen, nachdenken.

    Durch die gesamte Ausstellung ziehen sich Variationen der Madonna mit Kind. Neben wunderschönen historischen Stücken aus den Sammlungen des Universalmuseums Joanneum wie einer Madonna aus Kalkstein oder einer Schutzmantelmadonna aus Holz aus dem 14. Jahrhundert sind hier vor allem die vor Ort gefertigten Bilder von Guillaume Bruère zu erwähnen. Er spielt in einer ganzen Serie von Marienzeichnungen mit verschiedenen Ebenen der Abstraktion.

    foto: johannes rauchenberger
    Guillaume Bruère, "16.02.2018 (Alte Galerie, Graz)", 2018


    Ihnen gegenübergestellt sind naturalistische Zeichnungen von jungen Vätern mit Kindern im Arm von Christoph Schmidberger oder das Bild Martina J. aus einer Fotoserie von Iris Andraschek, das eine scheinbar arme, aber stolze Mutter zeigt. Sie erinnert in ihrer Ästhetik stark an die berühmte Fotografie Migrant Mother von Dorothea Lange aus den 1930er-Jahren. Kris Martins Statuette Fu Maria hat hingegen eine Tabakpfeife als Kopf. Wortspiele als Interpretationsfacetten gibt es bei vielen Werken. So auch in den Minoriten bei der Videoarbeit Uomoduomo von Anri Sala, in der mit respektvollem Abstand ein schlafender Obdachloser in einem Dom gefilmt wurde.

    Aus tiefstem Herzen

    Nebenan singt im Film The Singing Lesson von Artur Zmijewski ein Chor gehörloser Jugendlicher Bach und schreit dabei bewegend aus tiefstem Herzen zum Himmel.

    In den Minoriten arbeitet zudem sich Anna Meyer in einer heimtückisch bunt verspielten Welt von Bildern und Städtemodellen an sozialen Netzwerken ab: Christus wird ans Facebook-F genagelt, Maria von Smartphones umzingelt. Franz Kapfer ruft sie in seiner Installation Maria Hülf hoch oben in der gläsernen Needle auf dem Dach der Blase trotzdem an. "Maria" blinkt es rot in den Nachthimmel des ehemaligen Rotlichtviertels von Graz. (Colette M. Schmidt, 27.4.2018)

    Bis 26. 8.

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    Kunsthaus Graz

    • Kris Martin, "Fu Maria", 2016
      foto courtesy: könig galerie courtesy des künstlers und könig galerie

      Kris Martin, "Fu Maria", 2016

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      foto: universalmuseum joanneum/n. lackner
    • Franz Kapfer, "zur Errettung des Christentums – Aviano", Ansicht vor dem Kunsthaus Graz, 2018
      foto: universalmuseum joanneum/n. lackner

      Franz Kapfer, "zur Errettung des Christentums – Aviano", Ansicht vor dem Kunsthaus Graz, 2018

    • TEER (Wolfgang Temmel & Fedo Ertl), "Weiße Fahne" (Swastika), 1987/2018
      foto: alexander katz

      TEER (Wolfgang Temmel & Fedo Ertl), "Weiße Fahne" (Swastika), 1987/2018

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