Was für ein Alkoholverbot am Praterstern spricht – und dagegen

Video27. April 2018, 06:00
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Ab Freitag gilt rund um den Wiener Praterstern ein Alkoholverbot. Sozialarbeiter, Suchtexperten und Politiker mit Argumenten dafür und dagegen

foto: apa/fohringer
Ab Freitag ist auf dem Wiener Praterstern Promillehältiges tabu. Am Donnerstag wurde unter dem Motto "Letzter Tag Saufen" dagegen protestiert.

Für

Zum ersten Mal wird in Wien ab Freitag ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum verhängt. Laut dem künftigen Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) soll diese Maßnahme dazu führen, einen Brennpunkt zu entlasten. Die Situation vor Ort sei trotz intensiver Bemühung unterschiedlichster Beteiligter "nicht zufriedenstellend", begründet der designierte Bürgermeister das Verbot.

Polizeipräsident Gerhard Pürstl zufolge kommen täglich zwischen 20 und 60 Personen mit problematischem Alkoholkonsum zum Bahnhofsplatz. In den ersten drei Monaten dieses Jahres seien dort 40 bis 50 Personen wegen verschiedener Straftaten festgenommen worden, die Betroffenen seien auch alkoholisiert gewesen.

Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) wurde von Ludwig damit beauftragt, ein Maßnahmenpaket mit der Polizei, den ÖBB und den Wiener Linien zu erstellen. Auch sie spricht von einer "aktuellen Problemlage" am Praterstern, die man verbessern wolle. Damit sich das Trinken nicht in die umliegenden Wohngebiete verlagert, werde mit dem Wiener Stadtservice vor Ort gearbeitet.

Eine Verlagerung befürchtet Georg Papai (SPÖ), Bezirksvorsteher in Floridsdorf – und zwar vom Praterstern zum Franz-Jonas-Platz. Auch dort solle daher Alkohol verboten werden.

Die ÖBB begrüßen die Praterstern-Maßnahme. Laut Sprecher Roman Hahslinger wolle man eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt, der Exekutive und den Sozialarbeitern ermöglichen. Auch im Bahnhofsgebäude könnte künftig ein Alkoholverbot kommen, sagt Hahslinger. Zwar habe man durch ein Aufstocken des Sicherheitsdienstes im Gebäude zuletzt eine etwas entspanntere Lage wahrgenommen, vor dem Gebäude habe das aber anders ausgesehen. Zuversichtlich seien die ÖBB auch, weil die Rückmeldungen von Fahrgästen und Mitarbeitern zu den anderen Alkoholverbotszonen in Dornbirn und Salzburg positiv ausfallen würden.

Michael Musalek, Ärztlicher Leiter am Anton-Proksch-Institut in Wien, sieht in der Verbotszone ebenfalls eine sinnvolle Maßnahme. Der Hintergrund: Je besser eine Substanz verfügbar ist, desto mehr werde sie auch konsumiert und desto mehr Suchtkranke gebe es. "Das hängt zum einen damit zusammen, wie leicht man an Alkohol kommt. Da bringt die Maßnahme am Praterstern natürlich nichts. Aber es geht auch darum, wie akzeptiert der Konsum von Alkohol ist. Und da spielt es durchaus eine Rolle, ob das Trinken in der Öffentlichkeit mehr oder weniger sichtbar ist", sagt Musalek.

Den Suchtmediziner wundert, dass es überhaupt eine Debatte darüber gibt, ob an öffentlichen Plätzen getrunken werden darf. "Das muss ja nicht sein", sagt er zum STANDARD. In Österreich bestehe kein Problembewusstsein bezüglich Alkoholkonsum.

Dass es sich bei jenen, die vom Verbot getroffen werden, nur um Obdachlose handle, glaubt Musalek nicht. Für sie müsse man ohnehin andere Lösungen finden: "Obdachlosen hilft man ja nicht, indem man sie auf den Plätzen trinken lässt, sondern indem man Unterkünfte und andere Unterstützung für sie findet." (Lara Hagen, 27.4.2018)

Wider

Bis zur Verkündung der Verbotszone am Wiener Praterstern am vergangenen Sonntag hat sich die rot-grüne Regierung gegen ein Alkoholverbot ausgesprochen. Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), die in der Zwischenzeit ihren Rücktritt angekündigt hat, sagte noch Anfang April, dass ein Verbot vom Tisch sei.

Der grüne Koalitionspartner ist nach wie vor dagegen: Sozialsprecherin Birgit Hebein warnte vor einem Verdrängungseffekt und sprach von "populistischen Scheinlösungen". Ebenso die grüne Bezirksvorsteherin im zweiten Bezirk, Uschi Lichtenegger, die sagte: "Es kann nicht das Ziel nachhaltiger Politik sein, Alkoholkranke in Wohn- und Grüngebiete zu vertreiben."

Auch Barbara Gegenhuber, Geschäftsführerin des Therapiezen trums Hadersdorf, hält nicht viel von Verboten. "Das Problem muss man differenzierter anschauen. Mit Prohibition kann man kein Suchtproblem lösen", sagt sie zum STANDARD. Betroffen seien am Praterstern in erster Linie Obdachlose oder sozial Desintegrierte. Gegenhuber geht von einer Verlagerung der Szene aus – alles andere sei ein "frommer Wunsch".

Die Suchtexpertin vermisst ein ganzheitliches Konzept inklusive niederschwelliger Beratung. Man könne die Problemzone Praterstern nicht am Trinken allein festmachen. Als "scheinheilig" bezeichnet sie es, wenn man von einem suchtpräventiven Effekt spricht: "In Österreich gibt es 340.000 Alkoholabhängige und darüber hinaus 700.000, die einen problematischen und gesundheitsschädigenden Umgang mit Alkohol haben." Statt Verbotszonen an öffentlichen Plätzen spricht sie sich für eine Einschränkung von Werbung für Alkoholika aus.

Gegenhuber gesteht jedoch ein, dass sich für den Praterstern die Lage mit einer entsprechend hohen Kontrolldichte eventuell bessern wird. "Das Problem ist dann zumindest dort nicht mehr sichtbar, verschwinden wird es damit sicher nicht." Diskutiert werden müsse auch über die Folgekosten. Um die Verbotszone erfolgreich umzusetzen, sei ein hoher Ressourceneinsatz inklusive hohem Kontrolldruck notwendig.

Besonders stößt Gegenhuber auf, dass Festivitäten wie das Steirerfest oder die Wiener Wiesn in der Bundeshauptstadt ausgiebig zelebriert werden. Das Trinken dort erfahre eine hohe Akzeptanz. Die Wiener Wiesn findet sogar nur wenige Meter vom Praterstern entfernt statt – auf der Kaiserwiese, die von der Verbotszone ausgenommen ist. "Eine Doppelbödigkeit", findet Gegenhuber.

Die Suchthilfe Wien rechnet mit einer Verdrängung der alkoholkranken Menschen. Wohin genau, werde sich in den Tagen nach Inkrafttreten des Verbots am Freitag zeigen. Sozialarbeiter der Suchthilfe wollen das Geschehen in den nächsten Tagen genau beobachten, um die Betroffenen auch an den neuen Aufenthaltsorten bestmöglich zu betreuen.

Sie empfehlen zusätzliche Angebote, vor allem im medizinischen Bereich. Maßnahmen, die den Gesundheitszustand von alkoholkranken Menschen im öffentlichen Raum verbessern, würden auch Rettungseinsätze und Aufnahmen in Notfallambulanzen verringern. (Rosa Winkler-Hermaden, 27.4.2018)

der standard
DER STANDARD war bei der Veranstaltung "Letzter Tag saufen am Praterstern"
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