Was gegen hohen Blutdruck hilft

    30. April 2018, 08:00
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    Messen und handeln, lautet die Devise – dann könnten zahlreiche Herzinfarkte vermieden werden. Doch viele Österreicher kennen ihre Blutdruckwerte nicht

    Mit jedem Herzschlag wird Blut durch die Gefäße gepumpt. Sie erweitern sich, ziehen sich zusammen. Im Laufe eines Lebens werden sie viele Millionen Mal mechanisch belastet. Pumpt das Herz mehr Blut durch die Gefäße oder sind diese verengt, steigt der Blutdruck. Die Folge: Die Blutgefäße werden langfristig geschädigt. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Aber auch kognitive Probleme, Nierenschwäche oder Sehstörungen können die Folge von Bluthochruck sein.

    "Man kann sich diese langfristige Abnutzung ähnlich wie bei einem Wohnzimmerschrank vorstellen", erklärt Thomas Weber, Kardiologe am Klinikum Wels-Grieskirchen und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie: "Durch das ständige Auf- und Zumachen wird das Scharnier in Mitleidenschaft gezogen. Schließt und öffnet man es grob statt behutsam, trägt das Material noch mehr Schaden davon."

    Den eigenen Blutdruck kennen

    Es gibt eine einfache Maßnahme, um Bluthochdruck vorzubeugen: den eigenen Blutdruck kennen – und wenn nötig darauf reagieren. Viele Menschen wissen aber nicht über ihre Blutdruckwerte Bescheid, denn Hypertonie ist schmerzlos. Genau genommen auch keine Krankheit, sondern ein chronischer Zustand. Er tut nicht weh, die Blutgefäße werden aber trotzdem geschädigt.

    "Wir haben bei einem Screeningprojekt in Oberösterreich herausgefunden, dass ein Viertel der Menschen mit überhöhtem Blutdruck gar nichts davon wusste", erzählt Weber. Die Dunkelziffer sei sehr hoch. Aber: Nur wer seine Blutdruckwerte kenne, könne entsprechend handeln. "Es ist klug, rechtzeitig etwas zu tun, damit lässt sich das Risiko eines Herzinfarkts oder anderer Komplikationen stark reduzieren", sagt der Mediziner.

    Weißkittel-Effekt

    Der erste Schritt: informieren. Denn die Höhe des Blutdrucks hängt nicht nur vom Lebensstil ab, sondern ist mitunter genetisch bedingt. Deshalb sollten auch junge, gesunde Menschen über ihr erbliches Risiko Bescheid wissen. Es hilft, Verwandte wie Eltern oder Geschwister nach ihren Blutdruckwerten zu befragen. Das könne erste Hinweise liefern, ob man selbst möglicherweise gefährdet ist.

    Der zweite Schritt lautet: Blutdruck messen. Dabei kommt es auf die Genauigkeit an. Die Bulutdruckmessung beim Arzt gibt zwar Anhaltspunkte, sie ist aber nur eine Momentaufnahme. Zudem kann es zum sogenannten Weißkittel-Effekt kommen. Demnach sind die vom Arzt gemessenen Werte häufig höher als die vom Patienten selbst oder von anderen Menschen gemessene. Weber empfiehlt daher die 24-Stunden-Messung. Dabei wird über einen Tag und eine Nacht hinweg ein Blutdruckmittelwert errechnet.

    Selbstmessung: Vorsicht bei Geräten und Praktiken

    Eine weitere Möglichkeit: Den Blutdruck selbst regelmäßig zu Hause messen. Wichtigste Voraussetzung dafür ist ein Messgerät, das zuverlässige Werte liefert. Klingt einfach, ist es aber nicht unbedingt. Patienten sollten deshalb darauf achten, nur Geräte zu kaufen, die ein Prüfsiegel tragen. Vor der ersten Selbstmessung lässt man sich am besten vom Hausarzt erklären, wie das Messen funktioniert und was zu beachten ist, um genaue Werte zu erhalten.

    Als optimale Blutdruckwerte gelten in Österreich derzeit 120/80. Misst der Arzt, wird die etwaige Aufregung miteingerechnet. In solchen Fällen ist ein Wert von 140/90 normal. Im Falle der Selbstmessung sollte der Mittelwert nicht über 135/85 liegen, in der 24-Stunden-Messung sollte ein Mittel von 130/80 nicht überschritten werden. Neue europäische Richtwerte werden im Juni verlautbart, in Österreich wird es voraussichtlich im Herbst 2018 aktualisierte Empfehlungen geben.

    In den USA wurden die Richtwerte für eine Bluthochruck-Behandlung Ende 2017 von 140/90 auf 130/80 gesenkt. Das heißt: Was früher "Warnzone" war, ist jetzt bereits "Gefahrenzone". Betroffene sollen dadurch zum frühzeitigen Handeln bewogen werden. Kritiker bemängeln, dass die Pharmaindustrie von den herabgesetzten Richtwerten profitiere. Weber entgegnet: Die neuen Werte in den USA würden auf zuverlässigen Studien der Gesundheitsbehörde basieren, die mit der Pharmaindustrie nicht verbandelt sei.

    Lebensstiländerung hilft – theoretisch

    Auch die bevorstehende Anpassung in Österreich geht in eine ähnliche Richtung. Weber zufolge ist es nicht das Ziel, mehr Tabletten zu verkaufen, sondern der weltweit wichtigsten Ursache eines verfrühten Todes das nötige Maß an Ernsthaftigkeit zu verleihen. "Die Hälfte der Österreicher hat Probleme mit dem Blutdruck. Will man das ändern, muss man die Werte unter Kontrolle bekommen und vorsorglich handeln."

    Außerdem reiche – theoretisch – oft schon eine Lebensstiländerung, um den Blutdruck zu senken. Wer einen zu hohen Blutdruck hat, muss also nicht gleich automatisch Tabletten schlucken. Allerdings gibt es ein großes Aber: Es reicht nicht, ein paar Wochen lang joggen zu gehen und mehr Gemüse zu essen. Der Lebensstil muss sich langfristig und nachhaltig ändern.

    "Die Änderung der Lebensgewohnheiten sollte mehr als ein gut gemeinter Neujahrsvorsatz sein. Wichtig ist, dass sich Arzt und Patient gemeinsam eine Frist setzen", sagt Weber. Gelinge es bis dahin nicht, den Blutdruck durch Lebensstiländerungen zu senken, brauche es Medikamente.

    Was das Essen macht

    Zur Vorbeugung und Behandlung von bereits erhöhtem Blutdruck gelten dieselben Empfehlungen: so viel Bewegung wie möglich, idealerweise täglich beziehungsweise mindestens dreimal pro Woche eine halbe Stunde lang. Ausdauersportarten – vom Walken über das Radfahren bis hin zum Tanzen – eignen sich dafür am besten. Krafttraining oder Skifahren eher nicht, weil der Blutdruck dabei stark ansteigt und die Kreislaufkondition wenig zunimmt. Es ist ratsam, sich – besonders im fortgeschrittenem Alter – vorher vom Arzt durchchecken zu lassen.

    Bei der Ernährung gilt: Obst und Gemüse essen, am besten roh oder schonend gegart. "Beides enthält wichtige Kaliumsalze", erklärt Weber. Generell sollte der Fett- und Zuckerkonsum eingeschränkt werden. "Aber die Umstellung muss langsam erfolgen, sonst stellt sich der berühmte Jojo-Effekt ein", warnt Weber. Eine salzarme Ernährung ist ebenso essenziell, denn mit der Menge an Salz steigt auch der Blutdruck. "Das liegt daran, dass 50 Prozent der Menschen salzempfindlich sind", erklärt Weber. Fertiggerichte enthalten viel Salz, auf sie sollte – so oft es geht – verzichtet werden. Die Empfehlung des Experten: stattdessen frisch mit Kräutern und Gewürzen kochen.

    Auch Rauchen, zu viel Kaffee und übermäßiger Alkoholkonsum können zur Steigerung des Blutdrucks führen. Außerdem gilt Stress als negativer Faktor. Empfohlen werden deshalb Entspannungsübungen. "Das ist allerdings im Alltag oft gar nicht so leicht umzusetzen", weiß Weber aus Erfahrung. Aus seiner Sicht ist die Reduktion von Stress eine ergänzende Maßnahme, spielt aber keine übergeordnete Rolle.

    Nebenwirkungsarme Medikamente

    Bei der Medikamententherapie werden zumeist mehrere Tabletten mit unterschiedlichen Wirkstoffen kombiniert. Weber beruhigt, wenn es um die Angst vor möglichen Nebenwirkungen geht: "Heute haben wir die Möglichkeit, die Medikamente sehr niedrig zu dosieren, sodass sie fast keine Nebenwirkungen haben und über Jahrzehnte hinweg eingenommen werden können."

    Wer Medikamente verschrieben bekommt, sollte trotzdem einen möglichst blutdrucksenkenden Lebensstil pflegen. So kann man "zuarbeiten" und die Menge der einzunehmenden Tabletten möglicherweise reduzieren. Dass ein Patient irgendwann keine Medikamente mehr brauche, komme Weber zufolge zwar vor, sei aber selten. (Maria Kapeller, 30.4.2018)

    • Die Grenzwerte, ab wann Bluthochdruck vorliegt, verschieben sich immer weiter nach unten.
      foto: lukas friesenbichler

      Die Grenzwerte, ab wann Bluthochdruck vorliegt, verschieben sich immer weiter nach unten.

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