Mysteriöses Massaker löschte Dorf im fünften Jahrhundert aus

29. April 2018, 21:19
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Archäologen gruben Spuren eines brutalen Überfalls auf eine Wallburg auf der Insel Öland aus

foto: sebastian jakobsson
Vor 1.500 Jahren lebten hier mindestens 200 Menschen, ehe sie von Unbekannten umgebracht wurden.

Stockholm – Vor etwa 1.500 Jahren sahen sich die Menschen eines Dorfes auf der schwedischen Insel Öland einer vermutlich großen Zahl von Angreifern gegenüber, denen sie offensichtlich nichts entgegenzusetzen hatten. Rund um das Jahr 450 unserer Zeitrechnung stürmten die Gewalttäter die prosperierende Siedlung, meuchelten ihre Einwohner und ließen ihre Leichen liegen, wo sie zu Boden fielen.

Belege für diesen mörderischen Überfall hat nun die Archäologin Helena Victor von der University of Cambridge gemeinsam mit schwedischen Kollegen bei Ausgrabungen in Sandby borg entdeckt. Obwohl die Wissenschafter erst sieben Prozent der Siedlung freigelegt haben, fanden sie bereits die Überreste von mindesten 26 Opfern.

foto: alfsdotter et al./antiquity
Die bei dem Angriff Getöteten blieben an Ort und Stelle liegen.

Heute ist von dem Drama auf den ersten Blick nichts erkennbar: Ein flacher grasbewachsener Hügel, umgeben von einem 66 Mal 92 Meter großen Oval aus aufgeschütteten Felsen – eine Wallburg, die in der Nähe eines Naturhafens lag. Im Frühmittelalter jedoch befanden sich im Inneren der rund fünf Meter hohen Mauer 50 Gebäude, die von mindesten 200 Menschen bewohnt wurden.

Überfall während der Völkerwanderung

Die Attacke fand zu einer Zeit statt, als auf dem Gebiet des heutigen Europa im Zuge der Völkerwanderung einiges im Umbruch war. Wer jedoch Sandby borg überfiel, bleibt vorerst ein Mysterium. Immerhin zeigen die ersten drei freigelegten Unterkünfte, dass die Angreifer mit brutaler Gewalt vorgegangen sind: Die entdeckten menschlichen Überreste weisen schwere Verletzungen auf, die Opfer starben offensichtlich an Ort und Stelle.

illustr.: alfsdotter et al./antiquity
Das Dorf beherbergte etwas mehr als 50 Häuser.

Nicht nur Erwachsene kamen bei dem Angriff ums Leben: Die Archäologen entdeckten die Leichen eines vermutlich etwa fünf Jahre alten Kindes und eines Säuglings, der zum Zeitpunkt des Todes erst wenige Monate alt gewesen sein dürfte. Zwei ausgegrabene Skelette waren teilweise verkohlt – ein Hinweis darauf, dass ihre Unterkunft angezündet wurde oder anderweitig Feuer fing.

Keine Plünderungen

Was die Wissenschafter vor ein Rätsel stellte, war die Tatsache, dass sie in den freigelegten Gebäuden zahlreiche für die damalige Zeit wertvolle Gegenstände fanden: Goldmünzen, Glasperlen, vergoldete Broschen, Ringe und silberne Anhänger von hoher Qualität. Was sie allerdings nicht entdecken konnten, waren Waffen. Wer immer also das Dorf überfiel, hatte offenbar kein Interesse an Schätzen, sondern nahm womöglich ausschließlich Waffen mit – möglicherweise als Trophäe oder als Tribut für die Götter, wie die Forscher vermuten.

foto: alfsdotter et al./antiquity
Kurioserweise plünderten die Angreifer das Dorf nicht. Die Archäologen fanden zahlreiche wertvolle Gegenstände, darunter diese vergoldeten Broschen.

Ob sich die Einwohner des Dorfes verteidigten, ist unklar. Hinweise darauf existieren jedenfalls nicht, meint Victor. "Anzeichen für ausgedehnte Kampfhandlungen konnten zumindest bisher nicht beobachten werden", schreiben die Forscher in ihrer nun im Fachjournal "Antiquity" veröffentlichten Studie. "Das bisher festgestellte Muster führt uns eher zu der Schlussfolgerung, dass die Täter in großer Zahl angegriffen haben und viele der Opfer nicht in der Lage waren, sich zu verteidigen", meinen die Archäologen.

Bis heute gemiedene Stätte

Obwohl Öland damals mindestens 15 weitere befestigte Dörfer beherbergt hat, kam offensichtlich niemand, um den Schauplatz des Massakers später zu plündern oder die Leichen zu begraben. Die Toten blieben, wo sie waren und das Dorf verfiel allmählich. Der Ort wird bis heute nicht betreten, wie die Wissenschafter berichten: Die lokale Bevölkerung meide diese Stätte und warne davor, sich dort aufzuhalten, heißt es.

"Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Ereignis vor 1.500 Jahren bis heute in gewisser Form in Erinnerung geblieben ist und den Ort mit einem Tabu belegt hat – vermutlich durch über Generationen weiter gegebene mündliche Überlieferung", sagt Ludwig Papmehl-Dufay, der an den Ausgrabungen beteiligt ist. (tberg, 29.4.2018)

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