"So entsteht eine Debatte, wie wir in Zukunft leben wollen"

    Interview8. Mai 2018, 16:12

    Zeitgemäßer Qualitätsjournalismus sucht mit Empathie, er fragt, hört zu und analysiert, sagt der neue STANDARD-Chefredakteur Martin Kotynek. Als Erstes hat er Leserinnen und Leser gefragt, was sie erwarten.

    ADSTANDARD: Was haben Sie von den Leserinnen und Lesern gelernt?

    Kotynek: Wir waren mit unseren Leserinnen und Lesern in Wien, Linz, Salzburg, Innsbruck und Graz abendessen. So konnten wir die Bedürfnisse unserer Community im persönlichen Gespräch erfahren. Die Leserinnen und Leser suchen in unserer Berichterstattung Perspektiven und klare Positionen aus allen Richtungen. Gleichzeitig wollen sie Tempo und Tiefe, schnelle und verlässliche Informationen sowie lückenlos recherchierte Hintergründe.

    Was leiten Sie davon für den STANDARD der Zukunft ab?

    Kotynek: Experimenteller zu sein, neue Formate zu entwickeln und damit die Bedürfnisse unserer Leserinnen und Leser und unserer Community zu erfüllen. Mit unserem neuen Format "Für & Wider" befragen wir Expertinnen und Experten zu Vorhaben der Regierung, die ein Thema von allen Seiten beleuchten. So kann die STANDARD-Community auf Basis der Fakten zu einem eigenen Urteil kommen. Für Tempo und Tiefe denken und arbeiten wir noch stärker in drei Geschwindigkeiten: schnelle, mittelschnelle und langsame Geschichten und Formate – wir wollen die Ersten sein, die unsere Leserinnen und Leser informieren, den Hintergrund einer Meldung erläutern und herausfinden, was ein Ereignis auf einer höheren Ebene bedeutet.

    peter rigaud
    Die neue STANDARD-Chefredaktion (von links): Nana Siebert, Martin Kotynek, Petra Stuiber und Rainer Schüller.

    Was ist, wie ist der STANDARD für Sie?

    Kotynek: Der STANDARD ist für mich eine doppelte Heimkehr – in meine Heimatstadt Wien, nach zehn Jahren bei der Zeit in Berlin und der Süddeutschen Zeitung in München. Und ich kann nun jenes Medium gestalten, mit dessen liberalem und weltoffenem Geist ich aufgewachsen bin. Ich sehe den STANDARD als das Medium der Meinungsfreiheit und der Meinungsvielfalt, als jenes Medium, das mit unabhängigem, kompromisslos investigativem Qualitätsjournalismus den Menschen hilft, sich einen Reim auf die Welt zu machen.

    Was ist für Sie zeitgemäßer Journalismus im Jahr 2018?

    Kotynek: Qualitätsjournalismus ist dann zeitgemäß, wenn er sich nicht als starre, besserwisserische Institution begreift, die predigt und belehrt, sondern mit Empathie sucht, fragt, zuhört und analysiert. So kann eine Debatte darüber entstehen, wie wir in Zukunft leben wollen. Online eröffnet neue Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen und in Diskurs mit den Leserinnen und Lesern zu treten. Wir haben ein Team für interaktives Storytelling und Datenjournalismus gegründet, in dem Entwickler, Designer und Journalisten gemeinsam an neuen Erzählformaten arbeiten. In Print arbeiten wir an stärkeren Schwerpunkten – für Gewichtung und Orientierung.

    Jeder und jede kann eine Fülle von Inhalten finden und selbst publizieren – braucht es noch Journalismus?

    Kotynek: Genau deshalb sind der Wert des Journalismus und auch der Anspruch an ihn gestiegen, wirklich in der Tiefe zu informieren. Journalismus muss ungesicherten Behauptungen, die vielerorts kursieren, gesicherte Fakten aus echten Quellen entgegenstellen. Deshalb stärken wir besonders die investigative Recherche. Es wird Zeit, dass Österreich wieder ein starkes, investigatives Medium bekommt.

    • Martin Kotynek(Chefredakteur)
Der Neurobiologe ist seit November 2017 Chefredakteur von DER STANDARD und derStandard.at. Davor war er stellvertretender Chefredakteur von Zeit Online in Berlin.Martin Kotynek begann seine journalistische Arbeit bei der Süddeutschen Zeitung in München, wo er unter anderem als Politikredakteur tätig war. 2012 wechselte er ins Investigativ-Ressort der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Als Knight Journalism Fellow ’14 hat er an der Stanford-Universität zu Innovation im Medienbereich geforscht.
      foto: peter rigaud

      Martin Kotynek
      (Chefredakteur)

      Der Neurobiologe ist seit November 2017 Chefredakteur von DER STANDARD und derStandard.at. Davor war er stellvertretender Chefredakteur von Zeit Online in Berlin.
      Martin Kotynek begann seine journalistische Arbeit bei der Süddeutschen Zeitung in München, wo er unter anderem als Politikredakteur tätig war. 2012 wechselte er ins Investigativ-Ressort der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Als Knight Journalism Fellow ’14 hat er an der Stanford-Universität zu Innovation im Medienbereich geforscht.

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