"Das Publikum überraschen und verführen"

    Interview8. Mai 2018, 16:10

    Herausgeber Oscar Bronner und Vorstand Alexander Mitteräcker über so viele STANDARD-Leserinnen und -Leser wie nie, den Luxus Qualitätszeitung und die Lebenslagen der Userinnen und User.

    ADSTANDARD: DER STANDARD hat sich seit Dienstantritt des neuen Chefredakteurs Martin Kotynek markant verändert – erkennen Sie ihn noch wieder?

    Oscar Bronner: Selbstverständlich. DER STANDARD hat sich von Beginn an laufend gewandelt. Wir experimentieren immer, probieren Dinge aus. Was funktioniert, bleibt.

    Vor fünf Jahren haben Sie im Blatt Leichtigkeit und Humor vermisst. Damals sagten Sie: Es ist schon ein harter Knochen, den wir da jeden Tag ausliefern. Ist er schon ein bisschen weicher?

    Bronner: Ich würde gerne mehr schmunzeln. Ich bin mit Martin Kotynek einig, dass man auch daran arbeiten muss.

    Wie soll DER STANDARD in zwei Jahren aussehen?

    Alexander Mitteräcker: Das wird eine kontinuierliche Evolution. Die Experimentierfreude hat glücklicherweise zugenommen, und sie betont die Qualität von Print: das Publikum zu überraschen und zu verführen.

    Oscar Bronner hat 2013 gesagt: Wichtig ist mir, ein wirtschaftliches Modell zu haben, das Qualitätsjournalismus weiter finanzieren kann. Hat DER STANDARD das Modell?

    Mitteräcker: Wir sind heute operativ positiv. Und wir sind dabei, weitere Erlösströme im digitalen Bereich aufzutun. Wir sind da im letzten Jahr stark gewachsen, und so bin ich zuversichtlich, dass das künftig funktioniert. Wir müssen als Medium wachsen, um in der Zukunft zu bestehen.
    Bronner: Es gab nicht sehr viele Jahre, in denen wir operativ positiv waren. Wir haben eine lange Durststrecke gehabt, Krisen, Rezessionen. Allein das Faktum, dass wir operativ positiv sind, ist schon bemerkenswert.

    Wie würden Sie die Position des STANDARD im österreichischen Medienmarkt beschreiben?

    Mitteräcker: Wir stehen einzigartig gut da im österreichischen Medienmarkt. Die aktuellen Zahlen der Media-Analyse mit 6,5 % Reichweite – die höchste Reichweite seit unserer Gründung – und der ÖWA mit einer Reichweitensteigerung auf 36,7 Prozent geben uns Recht. Wir bieten nach dem öffentlich-rechtlichen ORF das größte digitale Angebot im Land. Wir sind extrem weit im digitalen Transformationsprozess, viel weiter als viele andere im Markt, auch international. Und wir haben das durch organisches Wachstum geschafft. Die meisten, international gesehen, haben das durch Zukäufe erreicht.

    foto: seywald

    Kann ein mittelgroßes Medienunternehmen ohne Konzernanbindung und ohne einen medieninteressierten Milliardär wie Jeff Bezos funktionieren?

    Bronner: Wir sind bis jetzt ohne Milliardär ausgekommen, und ich bin zuversichtlich, dass das auch so bleiben wird. Und auch innerhalb eines Konzerns müsste sich DER STANDARD wirtschaftlich rechnen. In einem Konzernverbund kann man vielleicht Krisensituationen leichter meistern. Wir haben viele Krisensituationen ohne Konzern bewältigt. Ich bin zuversichtlich, dass wir das auch weiter tun.

    DER STANDARD sucht neue Erlösquellen – welche denn, jenseits des schon gestarteten "Pur"-Abos, bei dem User für einen werbe- und trackingfreien STANDARD zahlen sollen?

    Mitteräcker: Man muss dazusagen: Der weit größere Teil der Userinnen und User akzeptiert Werbung auf unserer Seite. Wir überlegen, ob wir unserer einzigartigen Community Services anbieten, die kostenpflichtig sind. Und ich will nicht ausschließen, dass wir in Zukunft Paid Content haben. Aber wir orientieren uns da weniger an Modellen, die es im Markt schon gibt. Erklärtes Ziel ist, die Refinanzierung über den User in relevante Größenordnungen zu bringen, wie es bei der Zeitung mit ihren Abonnenten der Fall ist. Diese Abo-Erlöse tragen wesentlich zum Geschäftserfolg des STANDARD bei.
    Bronner: Die Leser des Print-STANDARD müssen sich darauf vorbereiten, dass die Zeitung teurer wird. Wir Verleger waren früher bei der Preisgestaltung viel zu feig und haben nicht ans eigene Produkt geglaubt. Die Zeitung ist noch immer um vieles billiger als ein kleiner Brauner. Und wie lange genießt man den Kaffee, wie lange die Zeitung?
    Mitteräcker: Das bedeutet auch: Wir erreichen damit einen Teil der Bevölkerung, der mit der Zeitung ein Produkt im Luxussegment konsumiert und bereit ist, für Qualität zu bezahlen. Das wird uns in Zukunft als Werbeträger noch interessanter machen.
    Bronner: Ich glaube an eine Renaissance von Print. Das Pendel wird nicht in frühere Dimensionen zurückschwingen, aber ein Stück sehr wohl.

    foto: seywald

    Im Sommer 2017 ist derStandard.de gestartet. Was hat er bisher gebracht, wie hat er sich entwickelt?

    Mitteräcker: Wir steigern kontinuierlich die Zugriffe, lernen dabei und sehen, dass wir auch außerhalb der Landesgrenzen ein Potenzial haben. Wenn wir weiter so wachsen, bin ich zuversichtlich, dass das relevanten Umsatz bringen wird.

    derStandard.de ist auch ein Prototyp für derStandard.at. Wann kommt er in den österreichischen Markt?

    Mitteräcker: Ich hoffe, dass wir noch im Jahr 2018 bei einer einheitlichen Version sind.

    Ein Algorithmus soll wesentlich mitbestimmen, wie und wo Artikel online platziert werden. Wie klingt das für Oscar Bronner?

    Bronner: Ein Algorithmus hilft der Redaktion festzustellen, was die User gerne sehen wollen. Das haben wir aus dem Bauch heraus bei der Zeitung auch jeden Tag gemacht. Ich wünschte, wir hätten eine Unterstützung gehabt, die uns gelegentlich geholfen hätte, wenn wir an den Knöpfen abgezählt haben, welche Geschichte wir auf die Seite eins geben.
    Mitteräcker: In unserem Haus produzieren Menschen Inhalte – welche und wie, entscheidet die Redaktion. Aus dieser Menge von Artikeln und anderen Beiträgen gilt es dann eine Gewichtung mit Relevanz für den User zu finden. Man darf nicht vergessen, dass wir Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen abholen. Schon bisher ist das Angebot auf dem Mobilgerät anders als auf dem Desktop. Mit künstlicher Intelligenz können wir auf das Bedürfnis einer Person in ihrer jeweiligen Situation eingehen.

    foto: seywald

    derStandard.at hat eine gewaltige Usercommunity, die über die Foren hinaus auch schon einen wesentlichen Teil der Inhalte liefert. Braucht DER STANDARD auch in Zukunft eine so große Redaktion, so große journalistische Man- und Woman-Power?

    Bronner: Selbstverständlich bleibt DER STANDARD ein journalistisches Medium, selbstverständlich bleibt es das Modell einer Qualitätszeitung. Und damit soll und wird sich DER STANDARD von vielen anderen unterscheiden. Er hat aber ein zusätzliches Asset: Die Foren bringen zusätzliche Informationen, die das Medium zusätzlich interessant machen.
    Mitteräcker: Ich sehe das nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung. Userinnen und User covern inhaltliche Bereiche, die wir bisher nicht abgedeckt haben. Im Sport ist das schon gang und gäbe. Das ist eine Bereicherung für alle Beteiligten.

    Medienhäuser in Österreich widmeten sich in den vergangenen Monaten teils sehr intensiv Fernsehprojekten.

    Mitteräcker: Man wird sehen, welche Projekte sich da auch ökonomisch im Markt betreiben lassen. Wir widmen uns natürlich dem Thema Bewegtbild online und vergrößern hier unser Angebot. Aber es wird keinen TV-Sender des STANDARD geben. Ich frage mich, wie Werbespots online tatsächlich in gelungener Form eingesetzt werden. Die Leute sehen gerne Videos, aber haben sie auch so gern die Prerolls davor?

    Sie haben die Gründung des STANDARD 1988 so erklärt: Österreich hatte keine unabhängige Zeitung, die mit Leserinnen und Lesern auf Augenhöhe kommuniziert. DER STANDARD hat diese Medienlandschaft nach Ihrem Befund verändert. Braucht es den STANDARD heute noch – und wofür?

    Bronner: Der Boulevard führt uns derzeit die Auswüchse seines Seins vor. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals so viel geschleimt wurde wie heute. Ich glaube, da ist eine Zeitung wie DER STANDARD mindestens so wichtig wie bei der Gründung – um den Menschen bei der Einordnung zu helfen. Wir sind heute mindestens so wichtig wie vor 30 Jahren.
    Mitteräcker: Unser aktueller Kampagnenclaim leitet sich daraus ab: "Der Haltung gewidmet."

    • Alexander Mitteräcker(Vorstand)
Seit 1998 für den STANDARD tätig, seit 2000 Geschäftsführer und dann Vorstandsmitglied von derStandard.at sowie seit 2017 alleiniger Vorstand der STANDARD Medien AG.
      foto: seywald

      Alexander Mitteräcker
      (Vorstand)

      Seit 1998 für den STANDARD tätig, seit 2000 Geschäftsführer und dann Vorstandsmitglied von derStandard.at sowie seit 2017 alleiniger Vorstand der STANDARD Medien AG.

    • Oscar Bronner(Herausgeber)
Gründer des Wirtschaftsmagazins Trend und des Nachrichtenmagazins Profil. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in New York kehrte er Mitte der 80er-Jahre nach Wien zurück und gründete 1988 die Tageszeitung DER STANDARD.
      foto: seywald

      Oscar Bronner
      (Herausgeber)

      Gründer des Wirtschaftsmagazins Trend und des Nachrichtenmagazins Profil. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in New York kehrte er Mitte der 80er-Jahre nach Wien zurück und gründete 1988 die Tageszeitung DER STANDARD.

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