Die Defizite der Digitalisierungsdiskussion

    Userkommentar27. April 2018, 16:49
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    Rein technisches Verständnis ist keine Basis für einen nachhaltigen Umgang mit Digitalisierung. Die Schlüsselkompetenz liegt anderswo

    In der Diskussion über die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft sucht man derzeit mit Nachdruck nach den Schlüsselqualifikationen des 21. Jahrhunderts, die Schulen und Universitäten vermitteln sollen. Und stochert dabei weitestgehend im Dunkeln, während man unentwegt die Wichtigkeit von Teamarbeit, Problemlösungskompetenz oder Selbstmanagement hervorhebt. Konkrete Vorstellungen oder erwähnenswerte Forschungsvorhaben, welche die für die Wirtschaft 4.0 wirklich relevanten Fähigkeiten beschreiben oder erforschen, bleiben aus.

    Dabei hat kein Phänomen aktuell wohl größeres Potenzial, die industrialisierten Gesellschaften aus den Fugen zu heben, als die tiefgreifende Entwicklung der Digitalisierung. Wir wollen deshalb konkret fragen, welche Fähigkeiten vonnöten sein werden, um den tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt adäquat begegnen zu können. Denn fest steht: Ob sich die Digitalisierung positiv oder negativ auf die Gesellschaft auswirkt, hängt letztlich davon ab, wie man sich an die tiefgreifenden Veränderungen anpassen und sich neue Potentiale zunutze machen kann.

    Eine Ökonomie, von Menschen gemacht

    Die Digitalisierung wird zumeist mit einer Wirtschaft unüberschaubarer Datenfülle, komplexer Berechnungen und hochentwickelter Maschinen verbunden. Und obwohl dies alles zutreffen mag, entfaltet sie sich schlussendlich erst im Umgang mit ihr. Auch eine digitale Wirtschaft bleibt insofern eine von Menschen gemachte Ökonomie.

    Vor diesem Hintergrund kann ein rein technisches Verständnis keine Basis für einen nachhaltigen Umgang mit der Digitalisierung bilden. Denn man fokussiert sich notgedrungen auf bestimmte (technische) Schlüsselkompetenzen, beispielsweise Software- oder IT-Kenntnisse, die aber – und das haben vergangene Vorhersagen eindrucksvoll gezeigt – meist schnell von der Entwicklung eingeholt werden. Denn es ist schlichtweg unmöglich vorherzusagen, welche expliziten Fähigkeiten ein Arbeitnehmer in zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahren brauchen wird, um in einer veränderten Arbeitswelt bestehen zu können.

    Markante Einbußen

    Viel wichtiger als Fragen rund um die Technik sind daher Fragen nach den kognitiven und sozialen Fähigkeiten, die der Umgang mit der digitalen Entwicklung erfordert: Was macht man bloß mit der gesammelten Datenflut? Wie setzt man die neue Informationsfülle in produktive Ziele um? Sind die bekannten Schlüsselfähigkeiten Rechnen, Lesen und Schreiben noch imstande, mit den neuen Herausforderungen des digitalen Zeitalters umzugehen?

    Erste Untersuchungen offenbaren bereits, dass es insbesondere zu markanten Einbußen im Umfang mit den notwendigen Arbeitsstunden und der Zahl der Beschäftigten kommen wird; einerseits aufgrund von erheblichen Produktivitätszuwächsen und andererseits aufgrund mangelnder komplementärer Fähigkeiten. Dabei treffen diese Entwicklungen nicht nur die klassische Produktion, sondern auch Sektoren wie die Medizin, die Finanzwirtschaft oder das Rechtswesen, die bisher als unangreifbar galten. Die Politik schiebt dieses Problem bislang ganz offensichtlich auf und lässt Bildung und Qualifizierung unangetastet, während sie auf Kosten der Lohngerechtigkeit einen Arbeitsplatzerhalt durch die Förderung von minderqualifizierter Teil- und Zeitarbeit unterstützt.

    Wissensfähigkeiten erwerben ...

    Wie kann man den zukünftigen Herausforderungen angemessener begegnen? Im Grunde bestehen die Schlüsselkompetenzen in der digitalisierten Welt darin, Information intelligent auszuwählen, diese zu bewerten und schlussendlich zu produktivem Handeln umzusetzen. Wir nennen diese Kompetenzen Wissensfähigkeiten. Wissensfähigkeiten sind generalisierende, sinnstiftende kognitive und soziale Kompetenzen, die Anpassungsfähigkeit ermöglichen, ohne vorher zu wissen, was genau die digitalisierte Zukunft bereithält.

    Allerdings befähigt Wissen selbst noch nicht zur Problemlösung. Vielmehr sind es erst Wissensfähigkeiten, die kognitive und soziale Kompetenzen bündeln und so helfen, die neuen digitalen Möglichkeiten produktiv zu nutzen. Denn sie umfassen Handlungskompetenzen wie die Befähigung, Ermessensspielräume auszunutzen; effektiv zu kommunizieren und zu partizipieren; mehrere, unter Umständen gegensätzliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen; neue, überzeugende Ideen zu generieren; selbstreflexiv zu denken und Fehlschläge zu verkraften. Wissensfähigkeiten sind also sinnstiftend, eröffnen einen umfassenden Handlungsspielraum für Wahlmöglichkeiten und erhöhen dadurch die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des modernen Arbeitnehmers.

    ... erforschen und fördern

    Vor diesem Hintergrund sind wir der Meinung, dass solche Wissensfähigkeiten (1) umfassend erforscht und (2) auf dieser Basis gezielt gefördert werden müssten. Wie kann man den Erwerb von Wissensfähigkeiten unabhängig von der sozialen Herkunft der Menschen fördern? Sind neuartige pädagogische Methoden vonnöten, und wie schult man Lehrkräfte darin, Wissensfähigkeiten zu erkennen und zu vermitteln. Die Digitalisierung als bloße Technik zu verstehen ist jedenfalls eine Bankrotterklärung. Ohne Wissensfähigkeiten als begleitende Kompetenzen wird es keine erfolgreiche Digitalisierung geben. Worauf es schlussendlich ankommt, sind nicht Informationen, sondern Verständnis und Einsichten. (Nico Stehr, Dustin Voss, 26.4.2018)

    Nico Stehr ist Karl-Mannheim-Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und derzeit Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

    Dustin Voss ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am European Institute der London School of Economics.

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