Moscheeverein Atib: Erdoğans Arm in die türkische Diaspora

    24. April 2018, 17:35
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    Kriegspielende Kinder in einer Moschee haben viele irritiert. Was tun die Behörden?

    Die Ermittlungen zu den vor einer Woche bekannt gewordenen Vorkommnissen in einer Wiener Moschee laufen. Kinder wurden angehalten, in Tarnanzügen Szenen aus der Schlacht von Gallipoli/Çanakkale aus dem Ersten Weltkrieg nachzustellen. Dabei wurden sie fotografiert und gefilmt. Die Konsequenzen sind noch unklar, das Kultusamt untersucht die Vorfälle, auch die Stadt Wien hat eine Prüfung angeordnet. Der Verein Atib, in dessen Moschee es zu den kriegerischen Szenen kam, hat den verantwortlichen Imam suspendiert. Wer ist Atib, und was macht der Verein? Ein Überblick.

    Frage: Die politische Aufregung war groß. Wie laufen die Ermittlungen?

    Antwort: Das Kultusamt im Bundeskanzleramt hat der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) einen Fragenkatalog übermittelt, den diese bis Ende der Woche beantworten soll. Außerdem wurden Personen ins Kanzleramt geladen, die Auskunft über die Hintergründe geben sollen. Die IGGÖ hat eine Sitzung des Obersten Rats angekündigt. In der Stadt Wien prüft das Jugendamt, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.

    Frage: Was steht in dem Fragenkatalog des Kultusamtes?

    Antwort: Unter anderem nach welchen Kriterien Moscheeräumlichkeiten für Veranstaltungen vergeben werden, was die IGGÖ bisher unternommen hat und ob es bereits ähnliche Veranstaltungen mit Kindern gab.

    Frage: Wie hängt Atib mit der IGGÖ zusammen?

    Antwort: Atib ist eine türkisch-islamische Moscheegemeinde, die rund 60 Moscheen in Österreich betreibt. Ihr Einfluss auf die IGGÖ ist in den letzten Jahren gestiegen. Der aktuelle Präsident der IGGÖ, Ibrahim Olgun, war Mitglied der Atib. Er legte seinen Atib-"Mantel" jedoch mit Beginn seiner Präsidentschaft ab, sagt er selbst.

    Frage: Wie definiert sich Atib? Wie viele Mitglieder hat sie?

    Antwort: Atib wurde Anfang der 1990er-Jahre gegründet. Atib steht für Avusturya Türkiye İslam Birliği (Österreichisch türkische islamische Vereinigung) und bezeichnet sich selbst als Kulturverein. Der größte türkisch-islamische Dachverband zählt über 100.000 Mitglieder. Der Allgemeinmediziner Nihat Koca ist seit Mai 2017 Vorstandsvorsitzender.

    Frage: Gibt es vergleichbare Moscheevereine in anderen Ländern mit beträchtlicher türkischer Diaspora?

    Antwort: Ja, in Deutschland etwa beaufsichtigt die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) rund 900 Moscheegemeinden. Ditib wie Atib sind Auslandsdependancen der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet, deren Bedeutung in den Regierungsjahren von Erdoğan massiv aufgewertet wurde.

    Frage: Wie kommt es eigentlich, dass die Schlachtszenen just in einer Moschee – einem Gotteshaus – nachgestellt wurden? Und warum in einer Atib-Moschee?

    Antwort: Laut dem Integrationsexperten Kenan Güngör hängt das erstens mit der "stark nationalistischen Gedenkkultur in der Türkei" zusammen. Dort irritiere das niemanden – in einer "entmilitarisierten Gesellschaft wie der österreichischen hingegen durchaus, und zwar zu Recht". Zweitens habe es mit dem "nationalistischen Schwenk" der türkischen Regierungspartei AKP in den vergangenen Jahren zu tun, mit der Atib eng zusammenarbeite. Auch führe die Türkei derzeit im syrischen Afrin Krieg. Die damit verbundene Kriegsbefürwortung finde in den Atib-Moscheen ihren Niederschlag.

    Frage: Warum mussten für die Kriegsszenen Kinder herhalten?

    Antwort: "Wegen des Pathos", sagt Güngör: Die uniformierten Kinder würden als Appell an nationalistische Gefühle fungieren. Das dahinterliegende Motiv laute: "Du kommst schon als Soldat zur Welt und kämpfst dann für dein Land."

    Frage: Hat Atib immer derart martialisch agiert – oder hat sich das seit der Machtübernahme Recep Tayyip Erdoğans zugespitzt?

    Antwort: Laut Güngör hat es sich zugespitzt. Unter dem Druck der politischen Veränderungen in der Türkei habe sich Atib von einem noch vor zehn Jahren "eher säkularen und improvisierten, verschlafenen und introvertierten Moscheeverein" hin zum "Träger einer aktiven Diasporapolitik" der AKP und deren Vorsitzenden und des türkischen Staatspräsidenten Erdoğans entwickelt. Die AKP finanziere und nutze alle ihnen nahen Strukturen im Ausland "im Sinne ihrer Interessenpolitik" – auch im Fall von Wahlen in der Türkei, indem etwa Bustransporte aus den Moscheen zur Stimmabgabe ins türkische Konsulat organisiert wurden. Der zunehmende Nationalismus von Atib führt laut Güngör zu größerer Nähe zu rechtsextremen Grauen Wölfen sowie zu der islamistischen Milli Görüs.

    Frage: Ist Atib der einzige Moscheeverein, der derzeit kritisiert wird?

    Antwort: Nein, auch die Türkische Föderation steht in der Kritik, die hierzulande mehrere Moscheen betreibt. Laut "Falter" gibt es aus einem Moscheegebäude in Salzburg Aufnahmen von Kindern, die vor einer Wolfsfahne um den Tisch sitzen. Auch in Wien, Tirol, Vorarlberg und Oberösterreich soll es in Räumen der Föderation zu Agitation für das Weltbild der Grauen Wölfe gekommen sein. Genannt wird ein Café im 15. Bezirk, wo der Betreiber mit 14 Burschen in Wolfsgruß-Manier posiert.

    Frage: Wie hat die Bundesregierung auf die Causa Atib reagiert?

    Antwort: Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sagte: "Das hat in Österreich keinen Platz. Hier wird es null Toleranz geben." Stadt und Bund schieben sich gegenseitig die politische Verantwortung zu.

    Frage: Was sagt Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) zu der Causa?

    Antwort: Auch Häupl plädiert dafür, mit "null Toleranz" vorzugehen. Es sei "egal", um welche Religionsgemeinschaft es sich handle. "Das ist genauso schwachsinnig wie Rechtsradikale in irgendwelchen Wäldern. Das hat keinen Platz bei uns." Die Koranschule in der Atib-Moschee gehöre geschlossen, ob die Moschee insgesamt geschlossen werden soll, sei der IGGÖ überlassen. Häupl begrüßt, dass der Imam suspendiert worden ist. (Markus Bernath, Irene Brickner, Oona Kroisleitner, Rosa Winkler-Hermaden, 24.4.2018)

    • Die Atib-Moschee in der Dammstraße steht unter Kritik.
      foto: apa/hochmuth

      Die Atib-Moschee in der Dammstraße steht unter Kritik.

    • Atib-Chef Nihat Koca.
      foto: standard/corn

      Atib-Chef Nihat Koca.

    • IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun.
      foto: apa

      IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun.

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