Dauerlärm der Stadt: Nachbarn, Hupen, Presslufthammer

    25. April 2018, 07:00
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    Eine dauerhafte Belastung von 65 Dezibel und mehr gilt als gesundheitsschädlich – viele stark befahrene Straßen sind lauter, sagt der Verkehrsclub Österreich

    Der fixe Soundtrack zum Stadtleben heißt: Lärm. In New York, formulierte es einmal das Magazin "New Yorker", gibt es zwei Arten davon: "Den Lärm der Stadt und den Lärm der New Yorker, die sich darüber beschweren." In konkreten Zahlen: Im vergangenen Jahr waren es mehr als 400.000 Beschwerden, die bei der städtischen Hotline 311 eingingen. Das bedeutet: Alle eineinhalb Minuten läutete dort das Telefon.

    Die Bewohner klagten über Presslufthämmer, Lastwagen, ratternde U-Bahnen, Autohupen und vor allem über zu laute Nachbarn. "Die Menschen in New York sind ziemlich dramatischen Lärmpegeln ausgesetzt, die Einfluss auf ihr tägliches Leben haben – etwa auf den Schlafrhythmus", sagt Juan Pablo Bello von der New York University. Neun von zehn New Yorkern sind Schätzungen zufolge regelmäßig Lärmpegeln ausgesetzt, die die US-Umweltschutzbehörde Epa als schädlich einstuft.

    Lauter Verkehr

    In Österreich ist der Kfz-Verkehr der größte Lärmverursacher. Insgesamt werden 1,4 Millionen Personen in Österreich durch Verkehrslärm gestört, davon über 1,1 Millionen durch Autos, Lkws, Motorrädern und Mopeds, wie eine Analyse des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigte.

    "Lärm ist nicht nur ein Ärgernis, dauerhafter Lärm macht krank", sagt Ulla Rasmussen vom VCÖ. Er erhöht das Risiko für Stress, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Forscher der Universität Toronto fanden zudem kürzlich heraus, dass der Lärmpegel, dem Pendler in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf dem Fahrrad ausgesetzt sind, Hörschäden verursacht.

    Ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel treten Stressreaktionen im Schlaf auf. Eine dauerhafte Belastung von 65 Dezibel und mehr gilt als gesundheitsschädlich – das entspricht etwa der Lautstärke eines Rasenmähers. Der VCÖ betont, dass viele stark befahrene Straßen "eine Belastung von über 75 Dezibel aufweisen". Geräuschpegel von etwa 105 Dezibel verträgt das Ohr nur für nur 18 Minuten pro Woche – ansonsten drohen bleibende Hörschäden. Die Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel, dann hält sich ein Mensch automatisch die Ohren zu.

    Lärmtelefon

    Nicht der einmalige laute Knall führe in den meisten Fällen zur Schwerhörigkeit, sondern die Dauerlärmbelastung, heißt es vonseiten der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA). Die Folge ist oft die sogenannte Lärmschwerhörigkeit. Im Jahr 2017 wurden 642 solcher Fälle von der AUVA anerkannt. Ein Großteil der berufsbedingten Lärmschwerhörigkeit könnte durch entsprechende Maßnahmen verhindert werden, jedoch fehle dafür oft das Problembewusstsein.

    Menschen, die sich auf Arbeit durch Lärm belästigt fühlen, können sich an das sogenannte "Lärmtelefon" wenden. Treten Schwerhörigkeit oder ein Ohrgeräusch auf, empfiehlt sich in jedem Fall ein Arztbesuch. Bei hohen Lautstärken über einen längeren Zeitraum ist oft von einer späteren Schwerhörigkeit auszugehen, auch wenn keine akuten Probleme auftreten. Da sich abgestorbene Hörzellen nicht erneuern, gilt die Krankheit als unheilbar.

    New Yorker Lärmpegel messen

    Wissenschafter Juan Pablo Bello, der das Musik- und Audiolabor der New York University leitet, will in seiner Metropole genauere Daten über den Lärm sammeln. Vor zwei Jahren bekamen er und seine Kollegen rund 4,6 Millionen Dollar (derzeit 3,7 Millionen Euro) Unterstützung der National Science Foundation für ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt: Sounds of New York City (SONYC), die Geräusche von New York City.

    Rund 100 kleine Aufnahmesensoren wollen die Forscher dafür in der Stadt verteilen, bisher sind es etwa 50. Die Geräte haben Mikrofone, können aber auch Daten verarbeiten. In regelmäßigen Abständen nehmen sie zehn Sekunden lange Geräuschschnipsel auf und übermitteln sie an Bellos Labor. Gespräche können nicht identifizierbar aufgenommen werden. "Wir wollen die Lärmsituation beobachten", sagt Bello, "wir sind nicht daran interessiert, ein Überwachungswerkzeug zu erfinden."

    Geräuschvolle Umweltverschmutzung

    Die Auswertung der Daten hat gerade erst begonnen, aber schon erste Erkenntnisse gebracht. So analysierten die Forscher eine Reihe von Beschwerden in der Gegend um den Washington Square Place. Grund war Baulärm nach den offiziell erlaubten Tageszeiten. Kontrolleure der Stadt, die Tage später die Beschwerden überprüften, konnten in 80 Prozent der Fälle kein Fehlverhalten feststellen. Die Überprüfung der Lärmdaten zu den Zeiten der Beschwerden aber ergab: In 94 Prozent der Fälle gab es wohl doch Fehlverhalten. Gemeinsam mit der Stadt überlegen Bello und sein Team nun, wie solche Daten künftig am besten genutzt werden können.

    In Zukunft könnte das Projekt auch in andere Städte und Länder gebracht werden, sagt Bello. "New York ist unser Labor, wo wir uns austoben können. Weil es so laut ist, ist die Stadt ein ideales Experimentierfeld für uns." Ein Ziel sei auch, den Menschen die Schädlichkeit von Lärm bewusster zu machen. "Lärm ist Verschmutzung. Wir wollen, dass die Menschen über das Verursachen von Lärm genauso denken, wie über das Wegschmeißen der Verpackung eines Schokoriegels."

    Vor allem in Städten und Ballungsräumen sind verstärkte Maßnahmen zur Reduktion des Kfz-Verkehrs nötig, betont auch der VCÖ. Neben dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs sei auch eine fußgängerfreundliche Verkehrsplanung sowie der vermehrte Einsatz von Elektrofahrzeugen – besonders bei Mopeds und Motorrädern – wichtig. Dann bräuchten die Städter nicht mehr mit dem Auto aufs Land fahren, um die Stille zu hören. (red, APA, 25.4.2018)

    • "Lärm ist Verschmutzung. Wir wollen, dass die Menschen über das Verursachen von Lärm genauso denken wie über das Wegschmeißen der Verpackung eines Schokoriegels", sagt Juan Pablo Bello von der New York University, der die Geräuschkulisse in Big Apple untersucht.
      foto: getty images/istockphoto

      "Lärm ist Verschmutzung. Wir wollen, dass die Menschen über das Verursachen von Lärm genauso denken wie über das Wegschmeißen der Verpackung eines Schokoriegels", sagt Juan Pablo Bello von der New York University, der die Geräuschkulisse in Big Apple untersucht.

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