Völkisch, deutschnational und elitär

Kommentar der anderen24. April 2018, 15:33
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Die Burschenschaften sind nicht so harmlos, wie sie sich jetzt darstellen wollen. Es ist Geschichtsklitterung, eine Linie von 1848 bis zum heutigen Tag zu ziehen – insbesondere in Österreich

Vor einigen Tagen hat auf dieser Seite der Pressesprecher der steirischen Burschenschaften einen treuherzigen Aufruf zu Toleranz gegenüber Burschenschaften veröffentlicht (Wolfgang Auf: "Auch Rechte haben Rechte", der STANDARD). Diese seien nicht so schlimm, wie Medien sie allgemein darstellen würden, oder die vorgeworfenen Zuschreibungen seien bei rechter Betrachtung sogar positiv.

Diese Strategie des Reinwaschens und der Geschichtsklitterung soll nicht unbeantwortet bleiben.

Zum Ersten geht es um das Fechten, das als netter Zeitvertreib und Sport dargestellt wird. Dabei hat das burschenschaftliche Fechten mit dem Sportfechten relativ wenig gemein. Bei Burschenschaften ist das Ziel, sich gegenseitig zu verletzen. Der Gedanke dahinter ist, dass es eine positive, wünschenswerte und männliche Eigenschaft sei, standhaft und ohne Zurückweichen die Verletzung zu ertragen und gleichzeitig bereit zu sein, andere zu verletzen.

Burschis und Jihadisten

Es ist Abhärtung und Verrohung zugleich. Erst mit dem sichtbaren Beweis dessen (dem Schmiss) ist der Prozess zum vollwertigen Mitglied des Männerbundes abgeschlossen. Dieses Ritual ist tief in einer militärischen, aggressiven und gewaltbereiten Form von Männlichkeit verankert, wie sie rechtsextremen Gruppen immer zugrunde liegt. Von Burschenschaften bis Jihadisten findet man genau dieses Männerbild (und das damit verbundene Frauenbild).

Zum Zweiten wird Deutschnationalismus als nette Marotte dargestellt, ohne sie historisch zu kontextualisieren. Deutschnationalismus ist eine völkische Ideologie, die immer den Ausschluss von allem bedeutet, das als fremd gilt. Historisch gesehen war das ein rabiater Antisemitismus, der tief in die Geschichte der Burschenschaften eingeschrieben ist.

Besonders die österreichischen Burschenschaften, die ja erst ab den 1860er-Jahren gegründet wurden (und dementsprechend mit 1848 wenig zu tun hatten), waren hier immer Wegbereiter. Diese vollzogen mit dem Waidhofener Prinzip von 1896, was zuvor schon gelebte Praxis war. Juden wurden als nicht satisfaktionsfähig erachtet und von Duellen ausgeschlossen.

Dieser Antisemitismus war zuvor schon in weiten Teilen der Burschenschaften inhärent. Die als Entlastungszeugen für die Bünde zitierten Heinrich Heine und Theodor Herzl sind genau deswegen aus ihren Burschenschaften ausgetreten oder wurden hinausgeworfen. Die Burschenschaften, insbesondere die österreichischen, hatten spätestens mit den 1890er-Jahren einen Arierparagraphen installiert, der unter anderen Bezeichnungen ("Abstammungsprinzip") bis heute fortlebt. Dementsprechend wurden politische und als undeutsch empfundene Gegner erbarmungslos bekämpft. Stefan Zweig beschreibt in der "Welt von gestern" (erschienen postum 1942 in London und Stockholm, Anm. der Red.) die brutalen Übergriffe in der Zwischenkriegszeit an der Universität Wien.

Und zum Dritten leben Burschenschaften keine Demokratie, sondern sind ein elitärer Bund, der auch nach innen nicht demokratisch strukturiert wird. Ein neues Mitglied muss erst beweisen, dass es mithalten kann, um ein echter "Bursch" zu werden. Dieser Anwärterstatus heißt "Fux".

Jeder Fux bekommt seinen persönlichen Leibburschen zugeteilt, der ihm, höflich formuliert, Aufgaben erteilt, die widerspruchslos erledigt werden müssen. Weniger höflich formuliert sind das derbe Erniedrigungen und Quälereien. Die Struktur sieht vor, dass der rechtlose Fux den Übergriffen des Burschs ausgeliefert ist. Auch das dient der "Charakterbildung". Es ist ein Ertragen und Gehorchen und ein Nichthinterfragen von Personen, die in der Hierarchie über einem stehen.

Auch hier zieht sich die militärische Logik ins vermeintlich zivile Leben. Auch hier wird eine Form von Männlichkeit zum Ideal erhoben, ohne die Rechtsextremismus nicht denkbar ist. Wird der Fux zum Burschen und bekommt selbst einen Fux zugeteilt, kann er die erlittenen Übergriffe wiederum nach unten weitergeben. Das ist das exakte Gegenteil von Demokratie.

Führende NS-Kader ...

Auch nach außen sind Burschenschaften keine Wächter der Demokratie. Sie unterstützten den Nationalsozialismus und sahen sich bei seinem Triumph am Ende ihrer Träume. Die feierliche Selbstauflösung und Eingliederung in die NS-Struktur werden rückwirkend als Verbot geklittert. Der NS-Staat war durchsetzt von Burschenschaftern, etwa Heinrich Himmler oder auch der Lagerleiter des Vernichtungslagers Treblinka (über eine Million ermordete Menschen, vor allem Juden und Jüdinnen), Irmfried Eberl.

... und Rechtsextreme

Auch nach 1945 war es von einem rechtsextremen Verbrechen meist nie weit, bis irgendwo eine Burschenschaft oder Burschenschafter involviert waren – von Taras Borodajkewycz bis zum NSU. Das ist keine zufällige Unpässlichkeit von ein paar Spinnern. Der Rechtsextremismus liegt im völkischen, deutschnationalen und elitären Charakter der Burschenschaften begründet. (Natascha Strobl, 24.4.2018)

Natascha Strobl ist Politikwissenschafterin aus Wien und hat zusammen mit Julian Bruns und Kathrin Glösel die Bücher "Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa" (Unrast, dritte Auflage, 2017) und "Rechte Kulturrevolution. Wer und was ist die Neue Rechte von heute?" (VSA, 2015) verfasst.

  • Mit blanken Schlägern: Burschenschafter bei einem "Totengedenken" am 8. Mai 2012 am Heldentor der Hofburg in Wien.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Mit blanken Schlägern: Burschenschafter bei einem "Totengedenken" am 8. Mai 2012 am Heldentor der Hofburg in Wien.

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