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Video11. Juli 2018, 17:52

Fußballweltmeisterschaft, Eurovision Song Contest, Wahlkampfveranstaltung der FPÖ: So unterschiedlich ein Besuch bei diesen drei Veranstaltungen auch sein mag, überall trifft man auf zahlreiche Nationalflaggen – manchmal als völkerverbindendes, andere Male als abgrenzend-patriotisches, mitunter sogar chauvinistisches Symbol.

Menschen messen ihren Nationalflaggen tatsächlich sehr unterschiedliche Bedeutungen zu. Manche lehnen sie als Symbol ebenso wie den Staat selber ab; manche verbrennen Flaggen in Konfliktgebieten als Zeichen dafür, wie sehr sie ein bestimmtes Land hassen; viele holen ihre Nationalflagge nur dann hervor, wenn die Nation einen sportlichen Erfolg feiert, um das patriotische Bad in der Menge zu genießen, andere würden für "ihre" Flagge umgehend in den Krieg ziehen, ja sogar sterben, nur um beim anschließenden Begräbnis in die Nationalflagge gehüllt zu werden – das Vaterland zollt dann ein letztes Mal seinen Respekt; anderen wiederum ist die Flagge am Regierungssitz wohl schlichtweg egal.

fpö tv
Die patriotische FPÖ setzt seit Jahren bei Wahlkundgebungen und Werbevideos auf die österreichische Nationalflagge.

Vexillologen zählen bestimmt nicht zu letzterer Gruppe. Die Flaggenkundler (von vexillum, lateinisch: Fahne) interessieren sich für Form, Größe, Proportionen, Farben, Muster und Eigenheiten bestimmter Flaggen. Dank einer Vielzahl neuer oder sich verändernder Flaggen bleibt die Wissenschaft auch tatsächlich sehr abwechslungsreich. Die Fernsehfigur Dr. Sheldon Cooper, bekannt aus der "Big Bang Theory", verhalf der überschaubaren Liebhabergruppe mit seinem serieninternen "Spaß mit Flaggen"-Videoblog in den vergangenen Jahren zu Bekanntheit. Nationalflaggen, vielen Menschen die bekannteste Flaggengattung, sind dabei zwar nur eine Sparte in der seit 1958 als Vexillologie bekannten Wissenschaft – politisch gesehen aber eine der spannendsten.

Bengalische Tiger

Um die Vorfahren der heutigen Nationalflaggen, ebenso wie um die erste Flagge überhaupt, ranken sich zahlreiche Theorien und Mythen. Manche Vexillologen datieren die Anfänge auf die Zeit des Begründers der Zhou-Dynastie im heutigen China – im 11. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – zurück, der stets einen weißen Stofflaken vor sich hertragen ließ. Etwa zur selben Zeit zierten auch im alten Indien schon Tiere wie Tiger oder Elefanten die Fahnen. Das sollte Stärke demonstrieren.

foto: apa/afp/pau barrena
Die spanische Flagge ist eine der wenigen, bei denen das Staatswappen nach wie vor auch in der bürgerlichen Flagge abgebildet ist. In den meisten Staaten wurde die Wappenfarbe als Nationalflaggenfarbe übernommen.

Bestimmte Historiker wiederum glauben die Wurzeln der heutigen Flaggen in den bei Assyrern und Ägyptern beliebten soliden Standarten zu finden, die auch im Römischen Reich oft benutzt wurden. Die daraus entstandene Heraldik, die Wappenkunst, war in Europa lange Zeit sehr beliebt. Auch wenn Staatswappen immer seltener, meist nur mehr in der offiziellen Dienstflagge eines Staates, vorkommen, so gingen zumindest die Wappenfarben oft in die allseits bekannten bürgerlichen Flaggen von Staaten über.

Wo auch immer der tatsächliche Ursprung liegen mag, fest steht, dass schon ihre frühesten Formen vor allem für militärische Zwecke verwendet wurden. Ein Flaggenmeer machte nicht nur Eindruck beim Gegenüber, es half auch bei der Orientierung im kriegerischen Wirrwarr und erlaubte, Freund von Feind besser zu unterscheiden. Später warnten beispielsweise große gelbe Flaggen auf Schiffen vor Kontamination etwa durch Cholera oder Gelbfieber.

Fast immer Rot, Weiß oder Blau

foto: apa/afp/scanpix/jens noergaard larsen
Dänemarks Dannebrog auf halbmast über dem Parlament in Kopenhagen. Offizielle Dienstflaggen eines Staates werden oft um das Staatswappen ergänzt oder, wie hier, als Schwalbenschwanz-Flagge dargestellt.

Mit der einsetzenden Verbreitung der Nationalstaaten ab den Revolutionen im späten 18. Jahrhundert kam den Nationalflaggen auch in Europa eine immer tragendere Rolle zu. Viele Nationen hatten sich schon einige Jahrhunderte vorher eine Flagge zur Identifikation zugelegt, wie zum Beispiel das dänische weiße Kreuz auf rotem Hintergrund, die Dannebrog.

Sie gilt als eine der ältesten Flaggen weltweit und als älteste heute noch gebräuchliche Nationalflagge und entstand angeblich im Jahr 1219. Interessanterweise dürfen Dänen eine in die Jahre gekommene, kaputte oder zerstörte Dannebrog zwar ehrenvoll verbrennen, das Entzünden fremder Nationalflaggen ist per Gesetz jedoch strengstens verboten.

Das rote Kreuz des Heiligen Georg auf weißem Grund, bekannt von der englischen (und der georgischen) Flagge und bei jedem Fußballgroßereignis exzessiv zu betrachten, ist ähnlich alt und findet sich in kombinierter Form auch im bekannten britischen Union Jack wieder. Seit 1801 das rote St.-Patrick's-Kreuz Irlands in die Unionsflagge aufgenommen wurde und das ebenfalls diagonale weiße schottische Andreaskreuz und das Georgskreuz ergänzte, ist der Union Jack in seiner heute bekannten Form etabliert.

Ein englisches Pub am Tag eines WM-Halbfinales. Business as usual.

Während die Farben Rot, Weiß und Blau im Union Jack daher eher das Zufallsprodukt einer Personalunion des schottischen, irischen und englischen Königs Jakob I. sind, gilt vor allem seit dem langen niederländischen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien die rot-weiß-blaue Trikolore in dieser Form für republikanische und freiheitliche Überzeugungen. Die Französische Revolution von 1789, genauso wie der anschließende Kolonialismus Frankreichs, Großbritanniens und der Niederlande, trug ebenso zur Weiterverbreitung von Rot, Weiß und Blau bei.

Und so überrascht es heute wenig, dass es sich bei diesen drei Farben um die am häufigsten in Nationalflaggen verwendeten handelt – auch wenn andere Faktoren wie Geschmäcker und individuelle geschichtliche Gründe natürlich auch eine Rolle spielen können. Dennoch ist es interessant zu sehen, dass von allen in der Uno anerkannten Staaten Jamaikas grün-gelb-schwarze Fahne die einzige ist, die weder rote noch weiße oder blaue Elemente besitzt.

foto: apa/afp/royal australian navy/paul g. alle
Das britische Union Jack findet sich in zahlreichen Commonwealth-Staaten wieder. Im Bild zu sehen ist, wie die Flaggen Australiens (oben), Neuseelands (Mitte) und die des Vereinigten Königreichs (unten) zu einem 1914 verunglückten U-Boot abgesenkt werden, in dem 35 Besatzungsmitglieder aus den drei Staaten starben.

Flaggenfamilien

Der britische Union Jack findet sich auch heute in zahlreichen Staaten wieder, die dem Empire zumindest noch im Commonwealth-Staatenbund die Treue schwören. Es gibt aber auch andere, meist regionale Flaggenfamilien.

Da wären zum einen die nordeuropäischen Staaten Island, Norwegen, Finnland, Schweden und Dänemark, deren Flaggen allesamt das christliche Kreuz schmückt. Griechenland und die Schweiz ähneln diesen ebenfalls, wie auch die erwähnten britischen Nationalflaggen.

Religiöse Symbole sind auch in vielen muslimisch geprägten Ländern ein beliebtes Symbol. Mond und Sterne sind etwa auf den Flaggen nordafrikanischer Staaten wie Tunesien, Libyen und Algerien, jenen zentralasiatischer Staaten wie Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan, aber auch in südostasiatischen Staaten wie Malaysia oder Singapur zu erkennen.

foto: apa/afp/ryad kramdi
Die Demokratische Arabische Republik Westsahara wird weder von einem europäischen Staat noch von der Uno anerkannt. Ihre Nationalflagge aber verkörpert alle typischen Symbole nordafrikanischer und arabischer Staaten.

In den arabischen Staaten wird der Islam mit Grün, der Farbe des Propheten Mohammed, in der Flagge verkörpert – fast immer ergänzt durch die weiteren panarabischen Farben Rot, Weiß und Schwarz. Schwarz steht dabei einer der gängigsten Interpretationen zufolge für die Jahre der Unterdrückung, während Weiß die strahlende Zukunft symbolisiert und Rot für das im Kampf vergossene Blut steht. Andere Erklärungen sehen den Ursprung der Farben in den drei arabischen Dynastien der Fatimiden (Grün), Umayyaden (Weiß) und Abbassiden (Schwarz), während Rot als die Farbe der Scherifen von Mekka und der Haschemiten hinzugefügt wurde.

Nach der Entkolonialisierungswelle nahmen jene Subsahara-Staaten, die vorher unter französischer Herrschaft standen (Mali, Guinea, Senegal), mehrheitlich eine vertikale Trikolore aus Rot, Gelb und Grün als ihre neue Nationalflagge an. Bei den Farben entlehnte man die Symbolik beim ältesten unabhängigen Staat Afrikas – Äthiopien. Ehemals britisch kontrollierte Gebiete (Botswana, Sierra Leone, Lesotho) entschieden sich hingegen eher für eine horizontale Trikolore, wahlweise aus Grün, Blau, Schwarz oder Weiß als Zeichen ihrer Unabhängigkeit.

Die Flaggen der asiatischen Staaten wirken auf den ersten Blick äußerst verschieden, in ihrer Symbolik ähneln sie sich jedoch oft. Sterne (Vietnam, Myanmar, Mikronesien), die Sonne (Japan, Nepal, Taiwan) und Yin und Yang (Südkorea, Mongolei) sind einige populäre Beispiele.

"Flagception" bei der norwegischen Flagge.

Die kulturelle Nähe Venezuelas, Ecuadors und Kolumbiens spiegelt sich auch in deren beinahe identischen blau-rot-gelben Flaggen wider. Die ehemals politische Union zentralamerikanischer Staaten lässt sich heute noch anhand ihrer blau-weißen Flaggen zurückverfolgen. Lediglich Belize, Panama und Costa Rica erweiterten mittlerweile den Farbensatz um das weltweit beliebte Rot.

Das kommunistische Rot hingegen wie auch die prominenten Symbole Hammer und Sichel sind heute weitgehend verschwunden. Angolas Emblem mit Zahnrad und Buschmesser sowie Chinas Flagge erinnern dabei noch am ehesten an die Flagge der Sowjetunion, die übrigens auf der Rückseite gänzlich rot war. Ja, manche Nationalflaggen unterscheiden tatsächlich zwischen einer Vorder- und Hinterseite, jene Paraguays etwa.

AK-47 und Goldener Schnitt

Wer jedoch glaubt, dass die korrekte Interpretation von Farben und Symbolik die einzige Beschäftigung der rund 50 nationalen, regionalen und multinationalen Vexillologieverbände, zusammengeschlossen in der 1969 gegründeten Internationalen Föderation Vexillologischer Gesellschaften (FIAV), ist, der irrt. So lässt es sich beispielsweise vortrefflich über das beste Längen- und Breitenverhältnis, die korrekte Vernichtung einer ausgedienten Flagge oder das skurrilste Flaggensymbol streiten.

foto: reuters/sean m. haffey
Togos Flaggenträger hatte natürlich auch bei den Olympischen Winterspielen 2018 eine im Goldener-Schnitt-Verhältnis von 1:1,618 konzipierte Flagge dabei.

Die bekannten Ausnahmen in Sachen Form sind die quadratischen Flaggen der Schweiz und des Vatikans sowie die aus zwei Wimpeln zusammengesetzte Flagge Nepals – die einzige nicht rechteckige Nationalflagge der Welt. Zwar sind alle restlichen Nationalflaggen länger, als sie breit sind, jedoch gibt es dabei mehr als 20 verschiedene Größenverhältnisse – vom beliebten 1:2 oder 2:3 über die äußerst lange Flagge Katars im Verhältnis 11:28 bis hin zu der im Goldenen Schnitt von 1:1,618 konzipierten Flagge Togos.

Die Flagge Mosambiks ist hingegen die einzige Nationalflagge, deren Stoff mit einer AK-47 eine moderne Schusswaffe ziert. Die Flagge von Belize zeigt als einzige Menschen. Und die Flaggen Rumäniens und des Tschad unterscheiden sich nur minimal in ihrem Blauton.

"Flaggenkriege"

dr. sheldon cooper
Für alle Hobbyvexillologen und solche, die es noch werden wollen, ist der "Fun with Flags"-Supercut definitiv ein guter Einstieg.

Die Bedeutung, die Staaten ihren Flaggen zumessen, ließ sich auch vortrefflich am Beispiel des Korea-Konflikts ablesen. Als es in der gemeinsamen Sicherheitszone Panmunjeom Anfang der 1950er-Jahren zu Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Nord und Süd kam, brachten Vertreter der Delegationen abwechselnd so lange immer größere Flaggen mit in das Verhandlungszelt an der entmilitarisierten Zone, bis eines Tages die Flaggen nicht mehr Platz hatten und ein eigenes Treffen anberaumt werden musste, um die Größe der Flaggen festzulegen. Ob Nationalflaggen auch ein Thema beim Gipfeltreffen der koreanischen Machthaber Ende April waren, ist nicht bekannt.

Das Hissen einer Flagge bedeutete jedoch schon immer auch den Anspruch einer Nation auf ein bestimmtes Territorium. So war es, symbolisch, beim Hissen der US-Flagge auf dem Mond; so geschieht es bei den zigtausenden israelischen Flaggen in den besetzten Gebieten Palästinas; und so geschah es auch seit 1970 beim "Flaggenkrieg" zwischen Dänemark und Kanada um die Hans-Insel. Beide Staaten schicken in unregelmäßigen Abständen ihr Militär auf die unbewohnte Insel im Nordatlantik.

Ziel der Mission ist es stets, die eigene Flagge zu hissen und die andere wieder zu entfernen. Weil diplomatische Versuche, den Streit per Fußball- (Vorschlag Dänemarks) oder Eishockeyspiel (Vorschlag Kanadas) zu lösen, scheiterten, hinterlassen die Dänen bis zur Beendigung des Konflikts zumindest jedes Mal eine Flasche dänischen Schnaps für die Kanadier und die Kanadier einen kanadischen Whisky für die Dänen unter der im Wind wehenden Nationalflagge. (Fabian Sommavilla, 11.7.2018)

Aufmacherfoto: Reuters / Leonhard Foeger