Warum immer authentisch meistens falsch ist

    Gastkommentar23. April 2018, 08:55
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    Als Führungskraft das vermeintlich "wahre Ich" als Zeichen authentischen Verhaltens permanent zu zeigen ist keine gute Idee.

    In den vergangenen Jahren ist der Begriff "Authentizität" als positive Beschreibung, die von Werbung für Marmelade bis zu Auftritten von Politikern reicht, hoch im Kurs. Aus den zahlreichen Angeboten zu diesem Thema – Vorträge, Kurse und Seminare – kann man schließen, dass unzählige Menschen mehr Authentizität für erstrebenswert halten. Auch Hilfe von Ratgebern, die uns lehren sollen, "sich selbst treu" und "ident" zu bleiben – oder es zu werden -, erreichen oft Spitzenplätze in den Bestsellerlisten.

    Aber was genau ist Authentizität? Und ist sie tatsächlich für Menschen, die eine Autoritätsfunktion erfüllen sollen, erstrebenswert?

    Das Wort authentisch wurde ursprünglich verwendet, um ein Kunstwerk zu bezeichnen, das keine Kopie, sondern das originale Werk war. Heutzutage ist dieser Begriff der Ausdruck einer Gesellschaft, in der Individualismus die höchste Stelle einnimmt. Parallel zu dieser Entwicklung hat sich die Ideologie entwickelt, dass das Individuum "frei" und "sich selbst treu" sein soll. Es soll sich nicht selbst verleugnen müssen – und seine Selbstentwicklung ohne die Belastung durch soziale Anpassung entfalten können. Okay.

    Ich, nur ich selbst?

    Aber stellen Sie sich eine Führungsperson vor, die ihr "wahres Selbst" permanent zeigt: Ich glaube nicht, dass diese Selbstpräsentation für Mitarbeiter oder Kollegen immer von Vorteil ist. Authentizität kann nämlich auch eine Lizenz dafür sein, autoritär, unnachgiebig oder unemphatisch aufzutreten. Auch absolute Transparenz kann leicht zu einer Falle werden, in der Ehrlichkeit als Schwäche angesehen wird.

    Außerdem verändern sich Menschen aufgrund ihrer Lebenserfahrungen – was bedeutet, dass sich immer wieder die Frage stellt, welchem "Selbst" wir treu bleiben wollen. Denn letztendlich geht es nicht um Authentizität, sondern um Glaubwürdigkeit.

    In seinem 1956 veröffentlichten bahnbrechenden Buch Wir alle spielen Theater (engl.: "Selfpresentation in everyday life"), behauptete Erving Goffman erstmals, dass jede Kommunikation "eine Performance" sei. Er definierte sie als "die Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers in einer bestimmten Situation, die dazu dient, die anderen TeilnehmerInnen in irgendeiner Weise zu beeinflussen".

    Mit "beeinflussen" ist aber nicht "manipulieren" gemeint, sondern die Tatsache, dass unser Verhalten darauf abzielt, auf unsere Kommunikationspartner einzuwirken.

    Goffman vergleicht unsere tägliche Kommunikation mit einer Serie von Theaterauftritten, jeder mit seiner eigenen Kulisse, Fassade und Darstellung. Er analysiert, warum manche Performances "aufrichtig" wirken und andere "falsch". "Aufrichtige" Performances sind für Goffman diejenigen, in denen die Akteure von ihrer Performance selbst überzeugt sind. "Rollenspiel" und "Authentizität" sind also keine Gegensätze. Denn Authentizität heißt, unsere Rolle überzeugend zu spielen.

    Verstellen ist etwas anderes

    "Rollenspiel" in diesem Sinn heißt außerdem, nicht aufgesetzt-theatralisch zu sein, sondern aus dem Rollenrepertoire, das zu unserer Persönlichkeit gehört, zu schöpfen – um je nach Situation die passendste Darstellung zu präsentieren. Bewusst oder unbewusst tun wir das in unseren Alltagsrollen, ohne viel darüber nachzudenken. Wir gehen einkaufen und lächeln die Verkäufer an (freundliche Rolle). Wir ertappen unsere Katze auf dem Tisch und rufen mit scharfer Stimme: "Runter!" (" böse" Rolle).

    Auch die Art und Weise, wie wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegnen, unterscheidet sich grundsätzlich von unserem Umgang mit der besten Freundin. Wir nehmen jeweils andere Rollenmuster ein, wenn wir ein Seminar leiten oder daran teilnehmen. Wir schlüpfen fast unmerkbar in eine andere Rolle, weil jedes Szenario nach einer differenzierten Performance verlangt. Und wir präsentieren uns, wie wir das über die Jahre hinweg erlernt haben – nach Goffman unsere "gelernten Verhaltensmuster". Was sich für uns "authentisch" anfühlt, ist in Wirklichkeit ein geprägtes Verhalten. Probieren wir etwas anderes aus, fühlt sich das oft eher komisch an.

    Über den Impact nachdenken

    Die meisten Leute – wenn sie nicht gerade Schauspieler sind oder sich auf andere Weise professionell mit Rollenspiel beschäftigen – denken nicht viel darüber nach, welche Gestalt sie in ihren verschiedenen Funktionen ausüben. Das trifft leider auch auf Menschen zu, die in ihrer Funktion eine Autorität sind und deren Verhalten einen großen psychischen Einfluss hat: Lehrer, Eltern, Führungskräfte ...

    Wenn wir eine bestimmte Rolle spielen, das heißt, uns die Sprache, Körpersprache und Stimme, die zu dieser Rolle gehören, aneignen, bekommen wir meistens dadurch die dazugehörige Vorstellung und die entsprechenden Gefühle. Ein Beispiel: In meinen Seminaren lade ich manchmal Frauen ein, sich für wenige Minuten mit gespreizten Beinen zurückzulehnen, und zwar in einer Haltung, die für Männer typisch ist, aber für Frauen meistens ungewohnt. Viele sind erstaunt darüber, wie bequem und entspannend die "neue" Sitzhaltung wirkt.

    Auch in einem oft wiederholten Experiment der Columbia University in New York wurden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, zwei Minuten lang anders zu sitzen als gewohnt. Dabei ging es hauptsächlich um Sitzhaltungen, die entweder Hochstatus (Macht) oder Tiefstatus (Unterwürfigkeit) darstellen. Die Teilnehmenden berichteten, nach dieser kurzen Zeit ein erhöhtes oder ein vermindertes Machtgefühl zu spüren. Interessant war auch, dass sogar der Testosteronspiegel davon beeinflusst wurde! Bei denjenigen, die eine Machtposition eingenommen hatten, war er leicht gestiegen, bei den "Machtlosen" hingegen gesunken (eine Studie der Harvard Business School 2012).

    Mit dem Wechselspiel zwischen Rolle und Vorstellung arbeiten Schauspielerinnen und Schauspieler täglich. Je mehr wir in einer bestimmten Rolle agieren, desto mehr identifizieren wir uns mit ihr. Oft sehen wir, dass eine Berufsrolle zur Lebensrolle wird. Ein Arzt geht mit Menschen, denen er in seiner Freizeit begegnet, vielleicht genauso um, als wären es seine Patienten, und Lehrer als auch Lehrerinnen laufen bekanntlich Gefahr, immer und überall alles besser zu wissen.

    Statusspiele

    Früher wurden Frauen zur "Tiefstatusrolle" erzogen, die sie von der gesellschaftlichen Vorstellung, wie eine Frau zu agieren hatte, übernommen hatten. Tendenziell übernehmen viele Frauen noch immer diese Rolle, obwohl sie in Wandlung begriffen ist. Wir könnten also fragen, ob eine Frau, die noch immer diese untergeordnete Rolle spielt, "authentisch" ist.

    Überzeugende Rollenspieler wirken glaubwürdig, weil sie von echten Emotionen bewegt werden. Solche Persönlichkeiten sind zum Beispiel ausgezeichnete Geschichtenerzähler, denen das Publikum gebannt zuhört. Diese Fähigkeit kann man trainieren, um sein Auftreten leichter, spannender und interessanter zu gestalten. Wir variieren vielleicht ein wenig unsere Sprache, Körpersprache oder Stimmvolumen. Wir können lernen, brachliegende Teile unseres Selbst in der täglichen Kommunikation zu nutzen, ohne unsere Bedürfnisse oder unsere "Identität" aufzugeben.

    Bewusste Variationen in unseren "Darstellungen" machen paradoxerweise unsere Kommunikation reicher, unterhaltsamer, farbiger und authentischer, weil sie uns ermöglichen, näher an unseren Gefühlen zu bleiben und sie zu gestalten.

    Wie viel Kreativität würde freigesetzt werden, wenn wir es wagten, uns manchmal von unseren antrainierten Verhaltensmustern zu befreien! (23.4.2018)

    Jenny Simanowitz ist Kommunikationstrainerin und Autorin von "Performance Coaching – kreative Rollen- und Statusspiele im Job" (Beltz 2016).

    • Faschingsrollen? Eh nicht. Aber die jeweils angemessene im Kontext des Jobs.
      foto: reuters

      Faschingsrollen? Eh nicht. Aber die jeweils angemessene im Kontext des Jobs.

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