Steger, Kritik und Diakritik: Was er im ORF durchsetzen will, ist Orbán pur

Glosse21. April 2018, 09:00
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Die FPÖ bestimmt, was korrekte Berichterstattung ist: Und die Zeit dafür ist reif, wie der freiheitlichen "Zur Zeit" zu entnehmen ist

Das Bekenntnis zur deutschen Nation hindert die FPÖ nicht daran, gleichzeitig als verlängerter Arm des Pusztafaschismus in Österreich aufzutreten. Es liegt in den Genen. Aber was bewegt einen Norbert Steger, der schon einmal in der eigenen Partei über seinen Ruf als besonnener Liberaler gestolpert ist, sich nun freiwillig als Anhänger Orbán'scher Medienpolitik und der Übertragung ihrer Regeln in den ORF zu outen? Bei Objektivitätsverstößen in der Ungarn-Berichterstattung, die er anprangert, ohne sie exakt benennen zu können, vermisst er die Ordnung, die er auf seine Art, im Majestätsplural, herzustellen gedenkt. "Von den Auslandskorrespondenten werden wir ein Drittel streichen, wenn diese sich nicht korrekt verhalten", verriet er etwa "Österreich".

Und im "Standard" reicherte er diesen profunden Gedanken um einen Appell an den Neid des Publikums an. "Es geht ja nicht, dass da privilegierte Menschen mit hohen Bezügen sitzen und glauben, für sie gilt die Unterscheidung zwischen Bericht und Kommentar nicht."

Dabei versteht man schon, was ihn stört, nämlich der Umstand, dass unabhängig von den Privilegien der Menschen mit hohen Bezügen sachliche Berichte über die Verhältnisse in Ungarn in den Augen und Ohren von ORF-Konsumenten, die andere Verhältnisse bevorzugen, nämlich demokratische, wie negative Kommentare ankommen. Das liegt aber weder an den Privilegien noch an den hohen Bezügen, sondern daran, dass sie die schwärmerische Begeisterung von freiheitlichen Funktionären für Führernaturen mit antisemitischer Schlagseite nicht teilen. Mit der Berichterstattung hat das nichts zu tun. Was Steger im ORF durchsetzen will, ist Orbán pur: Die FPÖ bestimmt, was korrekte Berichterstattung ist.

"Gutmenschen-Presse"

Und die Zeit dafür ist reif, wie der freiheitlichen "Zur Zeit" zu entnehmen ist. Da schreibt einer, der sich mit ungarischem Wappen auf dem Hemd in die journalistisch-korrekte Schlacht stürzt: Für die Gutmenschen-Presse ist Ungarn ein "refugium peccatorum", ein Hort der politisch nicht Korrekten. Dem Land und dessen Sprache könne man mit kolonialem Hochmut begegnen, indem man sich keinen Deut um diakritische Zeichen kümmert. So wird oft "Orban" geschrieben, obschon der Mann Orbán heißt.

Da bleibt sogar ein Kommentar der "Neuen Zürcher Zeitung" an der Oberfläche, weil sie einmal titelte Viktor Orban (sic!) schädigt die Demokratie. Was ist schon eine kritisch beschädigte Demokratie gegen ein fehlendes diakritisches Zeichen! Oberflächlichkeit aber auch, weil der Kommentar vom Verständnis einer bundesdeutschen Weichei-Politik à la Heiko Maas ausgeht. Bei unserem östlichen Nachbarn wird hingegen mit gesunder magyarischer Härte gefochten.

"Arroganter und schludriger Journalismus"

Der Oberflächlichkeit musste sich nicht nur die "Neue Zürcher" zeihen lassen, sondern sogar die alte "Kronen Zeitung". Conny Bischofberger schreibt von einem bettelarmen ungarischen Dorf. Wegen Orbán, der Förderungsmittel im großen Stil veruntreut. Der Flecken heiße, (und jetzt gut aufgepasst!) das verrät uns Frau Conny: Padàr (sic!) Das Dorf bettelarm, Förderungsmittel veruntreut – alles egal. Denn jenes Paradies dürfte Frau Conny doch nicht so gut kennen, sonst wäre ihr aufgefallen, dass der Name des Dorfes Padár, und nicht "Padàr" heißt – in der magyarischen Sprache gibt es nämlich keinen accent grave. Höchste Zeit für Norbert Steger, in der "Kronen Zeitung" endlich Ordnung zu machen, ehe eine solch unkorrekte Berichterstattung, die traditionell keine Unterscheidung zwischen Bericht und Kommentar trifft, aber weit schlimmer auch keine Unterscheidung zwischen a, á und à. Der Autor von "Zur Zeit" hat dafür nur ein Urteil parat: Arroganter und schludriger Journalismus. Die Veruntreuung von Fördermittel im großen Stil ist ihm in gesunder magyarischer Härte Gulasch. Oder Gulyás?

Da geht ein anderer Recke aus der "Zur Zeit"-Redaktion der Sache tiefer auf den Grund. Natürlich grub der ORF nach der Ungarn-Wahl den Polit-Methusalem Paul Lendvai aus. Es seien "keine fairen Wahlen" gewesen, jammerte der Greis, über den der Journalist Johann F. Balvany unter Verweis auf "Magyar Nemzet" schon 2011 geschrieben hatte, dass laut Geheimakten des Kádár-Systems am 6. Oktober 1962 "für Lendvai unter dem Codenamen Cole Michael ein Mitarbeiterdossier eröffnet" worden sei.

Einen alten Hut aus dem Salon Balvany aufzubürsten, zeugt von einer Korrektheit, die Norbert Steger auf den Plan rufen sollte. (Günter Traxler, 21.4.2018)

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    foto: standard / corn

    FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger.

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