Wolfgang Bauers "Der Rüssel": Eine Elefantenweglegung

    21. April 2018, 11:06
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    Ohne die Mobilisierung besonderer Phantasiereserven wurde Wolfgang Bauers "Der Rüssel" am Wiener Akademietheater posthum uraufgeführt

    Wien – Es ist keinem Geringeren als Wolfgang Bauer zu verdanken, dass die Ausläufer des Absurden Theaters hinein bis in die entlegensten Alpentäler reichen. Mochten andere Dramatiker sich anno 1962 noch so sehr um Weltläufigkeit bemühen. Bauer, nachmals "Magic Wolfi", drehte den Spieß als junger Mann lieber um.

    Er ging nicht einfach in die weite Welt hinaus, sondern brachte Afrika mitsamt seinen Palmen, Mambas und Riesenschnecken nach Hause ins Tal. Der Protagonist der posthum entdeckten Tragödie "Der Rüssel" ist ein Elefant, mit dem ein tosender Wildbach – im unruhigen Licht heftiger Blitze – niederkommt.

    Das alpenländische Theater müsste von Herzen froh sein über den Bauer'schen Phantasieimport. Diese Art von Zaubertheater könnten sich Eugène Ionesco und Ferdinand Raimund gemeinsam ausgedacht haben, vielleicht nach dem abwechselnden Genuss von Zirbenschnaps und Absinth.

    Der Elefant rückt nur partiell ins Bild

    Im Wiener Akademietheater, dem Schauplatz der "Rüssel"-Uraufführung, herrscht ein weniger verwegener Geist vor. Hier leistet ein tadellos voralpenländischer Regisseur, der Bayer Christian Stückl, Hebammendienste nach Vorschrift. Nur traut er der Explosivkraft von Bauers Einbildung nicht über den Weg. Auch beherzigt er gerade nicht den Originaltext. Da räumt er lieber hier ein paar Szenen um und klebt dort ein paar besonders gemütvolle Wörter ("Schaas") dröhnend wieder an.

    Man kann nicht sagen, die Geburt des teils titelgebende Elefanten würde durch solche Operationen beherzter Ignoranz besonders beschleunigt oder schmerzfreier gestaltet. Das Tier selbst rückt nur partiell ins Bild. Über schwarzem Kalkabbruch steht ein perspektivisch aufgerissenes Bauernhäuschen. Hoch oben im Herrgottswinkel (Ausstattung: Stefan Hageneier) prangt gleich einem Medaillon das bärtige Porträt des bäuerlichen Urvaters, eines gewissen Claudius Tilo.

    Usancen des Volksstücks

    Doch die Sippe der Tilos ist – wie auch sonst jeder Generationenvertrag – schnöde zerrissen. Urenkel Florian (Sebastian Wendelin) klettert durchs Fenster herein. Seine wildernden Brüder ruhen mit schweren Köpfen am Bauerntisch. Der Opa der Tilos, der altersgeile Ulpian (Branko Samarovski), trägt tüchtig "Schlagrahm" im Gesicht (aus "Berchtoldsdorf"), mit dessen Bereitstellung als süßer Lockspeise er der Viehhüterin des Ortes, einer gewissen Anna Kellerbirn (Stefanie Dvorak), erotisch schlimm zusetzt.

    Hier herrschen noch immer die Usancen des Volksstücks. Doch zugleich liegt das Klima einer gewaltigen Umwälzung reichlich unheilschwanger in der Luft. Das Tal erhitzt sich – mit ihm die Berge –, Donner zerschlägt die Dialoge, und mit der Erwärmung der Stimmung fahren auch die Älpler sukzessive aus der Haut. Der Bürgermeister (Falk Rockstroh) spricht sogar im Kärntner Janker wie ein thüringischer AfD-Funktionär. Der Herr Kaplan (Markus Meyer) gibt einen eifernden Tartuffe der Alpen. Sie alle gewahren mehr oder minder hysterisch die Anzeichen einer Zeitenwende, die man dennoch nicht mit Händen greifen kann.

    Breit und pointenlos

    Bauer sei Dank soll das Gebirge Tropenland werden. Florian gibt dazu den Medizinmann, der sich für seinen frisch geschlüpften Elefanten stark macht und zugleich vor den Dörflern den hemmungslosen Populisten im Papageno-Kostüm mimt.

    Das alles wird dem fanatisch Bauer-hörigen Publikum von der Regie erstaunlich breit und pointenlos angetragen. Famose Binnenerzählungen des Absurden wie das Kartenspiel "17.000" – echt nur bei gleichzeitiger Aufnahme von 900 Karten! – werden völlig folgenlos vergeigt. Dafür darf die sechsköpfige "Gesangskapelle Hermann" eitel Wohllaut verströmen: "Irgendwo gibt es ein kleines Glück ..." summen diese Barden der Beschwichtigung. Und man sehnt sich insgeheim sofort ein recht großes Unglück herbei.

    Mit Florian Tilo und dessen Elefanten nimmt es natürlich ein schlechtes Ende. Der Prophet landet am Galgen, der diesfalls ein Kreuz ist, und überlebt dennoch den eigenen Tod. Immerhin der Kolonialwarenhändler im Ort (Peter Matic) hat durch den hereinbrechenden Tourismus ein paar schöne Geschäfte gemacht. Und Wolfgang Bauer? Der ist 2005 gestorben. Sein gigantisches, kaum noch entfaltetes Dramenwerk sollte endlich szenisch zur Disposition gestellt werden. Durch eine eher mickrige Uraufführung wie die des "Rüssels" darf das Genie Bauer nicht am Nachruhm gehindert werden. (Ronald Pohl, 21.4.2018)

    • Wolfgang Bauers "Der Rüssel" am Akademietheater.
      foto: apa/herbert neubauer

      Wolfgang Bauers "Der Rüssel" am Akademietheater.

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