Netflix und die Liebe zur Postapokalypse

    21. April 2018, 11:00
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    Der Streaminganbieter pulvert eine Milliarde Dollar in europäische Serienware und hofft auf weltweites Interesse

    Was fragen sich Jugendliche nach einem Ortswechsel zuallererst? Richtig: ob das Handy funktioniert. Grundvernünftig, wie am Beispiel von Simone und Rasmus Andersen in The Rain zu sehen ist. Die Geschwister (Alba August und Lucas Lynggard) haben nach virenverseuchten Regenfällen in einem Bunker überlebt und wollen nicht mit dem Handy spielen, sondern mit der Außenwelt in Kontakt treten. Kommunikation ist alles.

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    Postapokalypse, Mystery und Probleme beim Erwachsenwerden: Diese Themen, die in der achtteiligen Serie verhandelt werden, bleiben zentrale Aspekte im Angebot von Netflix – mit dem Unterschied, dass in nächster Zeit mehr davon aus Europa kommt. In Rom kündigt der US-Streamingriese einen Schippel Produktionen fern von Übersee an. Mehr als hundert Film- und Serienprojekte aus 16 Ländern des EMEA-Raums (Europa, Mittlerer Osten und Afrika) verspricht Content-Chef Ted Sarrandos.

    Interesse an Europa

    Das habe damit zu tun, dass immer mehr Serien aus Europa auch in den USA auf Interesse stießen, sagt Produktmanager Todd Yellin. Das ist neu: Während Euro-Ware bisher hauptsächlich in Form von Adaptionen angenommen wurde – bei US-Versionen von The Killing und The Bridge schauen Amerikaner Originalserien aus anderen Ursprungsländern, sagt Yellin. Die deutsche Serie Dark habe ihr Publikum zu 90 Prozent außerhalb der USA gefunden. Die Folgen lassen sich ablesen: Sechs Milliarden Dollar pulvert Netflix in Originalserien, eine Milliarde davon geht in europäischen Eigenbau.

    Das befeuert die Serienaktvitäten von Netflix in Europa:

    Dogs of Berlin begibt sich Ende des Jahres in zehn Folgen auf die Spuren von 4 Blocks ins Gangstermilieu Berlins. Die Hauptrollen der beiden gegensätzlichen Polizisten spielen Felix Kramer und Fahri Yardim. Eine Neuverfilmung des Ideologieexperiments Die Welle ist im Werden. Von Dark kommt die zweite Staffel Ende des Jahres.

    foto: netflix
    "Dark" erhält eine Fortsetzung.

    Die erste türkische Originalserie liefert Netflix mit The Protector: Ein junger Shopkeeper muss einen Auftrag aus alter Zeit erfüllen: Istanbul vor mysteriösen Untoten (Immortals) beschützen.

    Angieszka Holland und ihre Tochter Katarzyna Adamik inszenieren 1983 – eine Verschwörung im Kalten Krieg in acht Folgen, abrufbar Ende 2018.

    Romantik unter Jugendlichen in Paris bringt Generation Q nach dem Buch der Britin Chris Lang. Frankreich liefert weiters Mortel.

    Milieus prallen im spanischen Elite aufeinander und stärken darüber hinaus das Profil von Netflix als dem Produzenten von Stoff für "junge Erwachsene", ebenso wie Baby, das in Italien schreit: Freud und Leid im Alltag römischer Schüler, aufgezeichnet von einem Kollektiv junger Autorinnen und Autoren.

    foto: netflix
    Spanien produziert die Dramaserie "Elite".

    Das Beängstigende am Erwachsenwerden durchleben Harry und June in The Innocents aus Großbritannien. Es mag kein Zufall sein, dass besonders diese Zielgruppe sich in diesen Stoffen finden soll. Serien wie 13 Reasons Why und Stranger Things schlugen in sozialen Medien hohe Wellen, definitiv eine Währung für den Streamingriesen. Ganz der alten Schule verpflichtet sieht sich Julian Fellowes. Der Downton Abbey-Erfinder widmet sich in The English Game der Geschichte des Fußballs.

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    Die Angst mit dem Erwachsenwerden: "The Innocents".

    Den arabischen Raum soll Jinn öffnen. Man habe mehrere Jahre nach dem Stoff gesucht, sagt Content-Managerin Kelly Luegenbiehl.

    Und schließlich das bereits erwähnte The Rain, das in die dänische Postapokalypse führt, in der eine kleine Guerilla-Einheit sich gegen eine feindliche Umwelt behaupten muss. Vergleiche mit The Walking Dead liegen nahe, wenngleich Zombies fehlen und die schnörkellose dänische Erzähltradition das Ganze eindeutig als skandinavisches Produkt erkennbar machen.

    foto: netflix
    Alba August kämpft in "The Rain" mit dem Regen und gegen fast alle.

    Dazu die Dokumentationen, etwa 13 Novembre: Fluctuat nec Mergitur von Jules und Gédéon Naudet über Hintergründe der Anschläge am 13. November 2015 in Paris in drei Teilen.

    Mit der EU-Richtlinie, die noch im Juni in Kraft treten soll und Streamingplattformen ein Kontigent an EU-Content vorschreibt, habe der Schub nicht unmittelbar etwas zu tun, sagt Yellin: "Wir wollen einfach gut darin sein, globale Geschichten zu erzählen."
    "Menschen schauen Serien aus drei Gründen", sagt der Produktmanager: "Erstens um eskapistische Bedürfnisse zu befrieden, zweitens um dazu zu lernen, drittens, um sich in relevanten Themen auf den aktuellen Stand zu bringen."

    "Die einzigen Daten, die wir sammeln, basieren auf Sehergewohnheiten"

    Damit Serien ihr Publikum finden, werden Kundenvorlieben über Algorithmen gescannt. Netflix schlägt jedem Abonnenten maßgeschneiderte Filme und Serien vor: Mehrere hundert Mitarbeiter finden heraus, worin Zuschauerpräferenzen bestehen. Datenmissbrauch schließt Netflix-Boss Reed Hastings im Interview mit Journalisten aus: "Die einzigen Daten, die wir sammeln, basieren auf Sehergewohnheiten."

    foto: apa/afp/john macdougall
    Netflix-Boss Reed Hastings (re.) und Content-Manager Ted Sarrandos.

    Jüngste Verbote von Netflix-Filmen beim Filmfestival Cannes nehmen die Manager nach außen selbstsicher hin: "Sie werden noch kommen", prophezeit Sarrandos eine Umkehr vom gegenwärtigen Denkens. Dass Steven Spielberg unlängst die Teilnahme von Netflix bei der Oscar-Verleihung kritisiert hat, lässt Hastings kalt: "Er ist eine Stimme, nicht mehr." Mit Ikarus hat Netflix bereits eine Trophäe in der Tasche. Interesse, sich eigene Kinos zu kaufen und sich über diesen Weg die Teilnahme zu ermöglichen, gebe es aber nicht, sagt Sarrandos: "Wir haben null Interesse daran."

    "Keine Pläne" für Österreich

    Und wo bleibt Österreich? Kelly Luegenbiehl, Content-Chefin für internationale Originalserien erteilt Hoffnungen für die erste Netflix-Serie aus heimischer Produktion eine Abfuhr: Derzeit gebe es keine Pläne.

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    Trailer zu "House of Cards 6".

    Die unbekannte Größe beim Europa-Treffen von Netflix bleibt House of Cards. Nach Missbrauchsvorwürfen gegen Kevin Spacey bleibt der einzige Stolz des Streamingdienstes auffallend selten erwähnt. Nur soviel: Die letzte Folge werde derzeit gedreht, sagt Hastings. Einen genauen Ausstrahlungstermin blieb der Streamingboss auch in Rom schuldig. (Doris Priesching, 21.4.2018)

    Info:
    Die Interviews in Rom wurden von Netflix unterstützt.

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