Bad Gastein: Ein Ort muss sich neu erfinden

    21. April 2018, 08:00
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    Trotz guter Geschäfte verfällt der Ortskern von Bad Gastein. Die Gasteiner sehen sich gezwungen, ihren Ort neu zu positionieren. Landeshauptmann Haslauer hilft – zeitnah zu den Wahlen

    Monte Carlo der Alpen – diesen Titel trugen die Bad Gasteiner einst stolz vor sich her. Heute wird das Ortszentrum von baufälligen Hotelruinen geprägt. Vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten sind große Teile des Ortszentrums an einen Wiener Immobilienentwickler verkauft worden. Statt der versprochenen Revitalisierung der denkmalgeschützten Bauten geschah nichts. Die Zeugen einst mondäner Tourismuskultur verfallen zusehends.

    foto: mike vogl
    Erinnerungen an die Belle Époque.

    Doch das, was viele als Schandfleck betrachten, wird zunehmend zur Attraktion: Da entdecken ein paar führende Leute der Berliner und Hamburger Hipsterszene Bad Gastein als Partylocation und nehmen gleich die ganze Clique mit. In der Folge widmet der Entertainer Friedrich Lichtenstein dem Ort ein ganzes Album sowie einen vielbeachteten Musikclip. Dazu noch das Londoner Lifestyle-Magazin "Monocle", das schreibt: "Gastein ist das neue Berlin."

    Was genau die Kulturszene nach Bad Gastein ziehe, sei schwer zu fassen, rätselt der Bad Gasteiner Peter Angerer. Er ist selbst Schlagzeuger (bei Willi Resetarits) und Fotograf und kennt die Szene gut. Es sei wohl die Mischung aus alpinem Ambiente und eng gedrängt stehenden "Hochhäusern" aus der Belle Époque, meint er. Und mittendrin tost ein Wasserfall.

    "Es ist schon ein besonderer Platz", kommt der 60-jährige Angerer ins Schwärmen. Künstler hätten Bad Gastein schon früh als Destination entdeckt: Grillparzer, Schubert, Toscanini ..., die Namen sprudeln nur so. Heute komme sicher auch noch der Reiz des Verfalls dazu, mutmaßt Angerer. Die baufälligen Gebäude im Ortszentrum strahlten eben einen eigenen "morbiden Charme" aus.

    Land greift ein

    Vor einigen Monaten hat sich das Land schließlich zum Handeln entschlossen: Zeitnah zu den Landtagswahlen am kommenden Sonntag verkündete Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP), das Land habe drei Objekte erworben. Kaufpreis: rund sechs Millionen Euro. Darunter auch das legendäre Straubinger – einst das erste Hotel am Platz. Nach der Sanierung sollen die Gebäude in Abstimmung mit den Gasteinern verwertet werden. Haslauer: "Bad Gastein ist mehr als nur ein lokales oder regionales Problem – es geht wohl um eine der letzten Chancen zur Rettung eines Kultur- und Wirtschaftsgutes von internationalem Rang."

    foto: mike vogl
    Bild aus dem verfallenen Hotel Straubinger im Zentrum von Bad Gastein, aufgenommen im Dezember 2017.

    Die Rettungsaktion des Landes und das Marketingglück wirken wie ein Aphrodisiakum. Die Krisenstimmung der vergangenen Jahre ist wie weggeblasen, man beginnt, den Ort neu zu erfinden. Die Basis sei jedenfalls da, sagt Ike Ikrath. Er ist seit kurzem Chef des Tourismusverbandes und gilt als einer der Antreiber der Neubelebung Bad Gasteins. Der Architekt und Designer betreibt mit seiner Gattin Evelyn hier unter anderem das Designhotel Miramonte.

    Mit Basis meint Ikrath eine ganze Palette, die Gastein von anderen Reisezielen abhebe: Dazu gehöre die einzigartige "Bühne" der Hochhäuser mitten im Wald mit den Dreitausendern dahinter ebenso wie die Thermalquellen oder die Eisenbahnanbindung. Wien- Gastein geht mit dem Zug in knapp viereinhalb Stunden.

    Und obwohl Ikrath 62 ist, darf man den Mann mit der wallenden weißen Mähne zu den Jungen zählen. Er redet einem neuen Tourismus das Wort und beginnt, ganz untypisch für die meisten Gastronomen, zuerst beim Personal. Dort müssten die Bedingungen stimmen, Arbeitszeiten und Quartiere den Anforderungen der Mitarbeiter angepasst werden. Nur so bekomme man gute Leute. Ikrath: "Nur mit coolem Personal bekommst du coole Gäste."

    Was Bad Gastein wirklich ausmache, müsse man verkaufen: "Urbanes, leicht verrücktes Leben im alpinen Raum." Er will, dass in Bad Gastein unterschiedlichste Gästegruppen angesprochen werden. Man dürfe nicht den Fehler machen, dass wie andernorts alle mit demselben kopierten Rezept arbeiten. "Diversifizierung" lautet sein tourismuspolitisches Credo.

    foto: mike vogl
    Ein tosender Wasserfall mitten durch das Zentrum prägt das Ortsbild von Bad Gastein.

    Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Das weiß auch Ikrath. Realistisch sei, dass man den Bestand von rund zehn gefährdeten Objekten in den kommenden zehn Jahren "ins Leben zurückführt". Dazu sei natürlich das Land wichtig, weil man auch mitentscheiden könne, wer im Tal investiere.

    Medienmeldungen, fernöstliche Investoren wollten sich in Gastein einkaufen, entsprächen nicht der Realität: Dass sich jemand einkaufe und dann nichts entwickle, "das hatten wir schon". Man werde das verhindern.

    Kritische Stimmen zum neuen Kurs sind selten. Am Stammtisch im Gasthof Klapotetz überwiegt freundliche Skepsis: In den vergangenen Jahren hätten die aus Salzburg – gemeint ist die Landesregierung – schon viel angekündigt. "Gehalten wurde wenig."

    Liftausbau

    Geplant wurde jedenfalls schon so einiges. So gab es Pläne, das Gletscherskigebiet Wurtenkees auf der Kärntner Seite des über 3100 Meter hohen Scharecks mit einer Tunnelbahn auch von der Gasteiner Seite zu erschließen.

    Weiter draußen im Tal werden allerdings noch Liftanlagen aus dem Boden gestampft. Das im Norden des Talkessels gelegene Dorfgastein plant den Ausbau der Skischaukel nach Großarl. Immerhin will man hier neue ökologische Maßstäbe setzen: "Wir kämpfen um jeden Grashalm", behaupten die Projektbetreiber.

    foto: mike vogl
    Umstrittenes Entree: Neubau der Schlossalmbahn in Hofgastein.

    In Bad Hofgastein wiederum wird derzeit eine neue Talstation für die Schlossalmbahn samt massiv betonierter Überführung über die Bundesstraße gebaut. Auch wenn es die Bad Gasteiner des Nachbarschaftsfriedens wegen nicht laut sagen: Freude hat mit dem Beton- und Glasmonster hier niemand. Eine geeignete Visitenkarte für die neuen Bad Gasteiner Träume sei das nicht.

    Tourismus-Monokultur

    Während Ikrath auch an ökologischen Tourismuskonzepten – Stichwort: E-Mobilität – arbeitet und sich die deutschen Szeneleute über ihr wiederentdecktes "Berlin-Mitte" freuen, gilt es freilich festzuhalten: Ganz am Boden ist Gastein nicht. Im Gegenteil, der Laden brummt. Im Jahr kommt Bad Gastein auf über 1,1 Millionen Nächtigungen. Und das bei nicht ganz 10.000 Betten und nur rund 4000 Einwohnern. Auf den einst dominanten Kurtourismus entfallen heute nur noch rund 100.000 Nächtigungen im Jahr. Das gesamte Tal – also mit Hofgastein und Dorfgastein – kommt im Jahr auf 2,4 Millionen Nächtigungen. Zum Vergleich: Salzburg Stadt verzeichnet drei Millionen Übernachtungen jährlich.

    Das gesamte Tal lebt ausschließlich vom Tourismus. Die Monokultur macht krisenanfällig. Die Gasteiner kennen mehrere solcher Krisen. Nach den noblen Kurgästen im 19. Jahrhundert kamen kriegsbedingte Einbrüche. Rettung brachte die Ski-WM 1958. In den 1970er-Jahren kam dann der Zusammenbruch. Der Ort hatte sich finanziell übernommen. Die Folgen wirkten bis heute im Gemeindebudget nach, sagt Tourismusobmann Ikrath.

    30 Millionen Gäste

    Daher ist Bad Gastein auch ein mahnendes Beispiel für das gesamte Bundesland. Derzeit eilt der Tourismus von Rekord zu Rekord. Vergangenes Jahr nächtigten 28 Millionen Gäste in Salzburg. Das führt zu verstärkter Abhängigkeit von einem einzigen Wirtschaftszweig, in dem noch dazu das Lohnniveau niedrig ist.

    Wohl auch mit Blick auf die schwindende Akzeptanz in der Salzburger Bevölkerung hat Landeshauptmann Haslauer im laufenden Landtagswahlkampf eine 30-Millionen-Nächtigungs-Obergrenze verkündet. Ideen, wie das umzusetzen wäre, gibt es keine. (Thomas Neuhold, 21.4.2018)

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