Lehrer: "Das Zeug im Buch, das verstehen sie nicht"

    20. April 2018, 12:35
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    In seinem Unterricht an einer Wiener Handelsschule muss Herr X. oft improvisieren. Er schreibt simple Arbeitsblätter, erklärt die Grundlagen von Demokratie und versucht eine Diskussionskultur zu etablieren und Schlägereien zu verhindern

    Das, was der junge Pädagoge aus seinem Berufsalltag an einem Wiener Schulstandort für Handelsschule und Handelsakademie berichtet, ist so heftig, dass weder sein Name noch jener der Bildungseinrichtung hier genannt werden sollen.

    Es gibt Klassen, in denen hat jedes Kind Migrationshintergrund. Als der Lehrer, der die Kinder in Sport und politischer Bildung unterrichtet, unlängst die Frage stellte, wer sich denn als Österreicher bezeichnen würde, da haben drei Schüler aufgezeigt. Bloß: "Fünfzehn von ihnen sind in Österreich geboren."

    An seiner Schule werde Ghetto-Deutsch gesprochen, vollständige Sätze bilden die Ausnahme, berichtet der Lehrer. Die sprachlichen Defizite seiner Schüler sind natürlich auch ein großes Hindernis beim Wissenserwerb – aber bei weitem nicht das einzige. "Das Zeug, das im Buch steht, verstehen sie nicht", erklärt Herr X. Also gestaltet er die Arbeitsblätter selbst und versucht, die Inhalte so vereinfacht wie möglich darzustellen.

    Kein Wissen, kein Interesse

    Mindestens ebenso beeinträchtigend wie die sprachlichen Hürden sei allerdings das Desinteresse der Jugendlichen. In der Handelsschule wollte Herr X. anlässlich der Nationalratswahl im vergangenen Herbst über das politische System reden. Doch: "Fast die Hälfte hat keine Vorstellung von Demokratie." Gewaltenteilung sei eine große Unbekannte, ebenso die Parteien und deren Personal. Also hat es der Pädagoge ganz grundsätzlich angelegt, hat versucht, eine Art Basiswissen zu erarbeiten. Woraufhin eine Schülerin zu ihm meinte: "Aber Herr Prof, immer wenn das mit den Parteien kommt, dann wird mir so langweilig!" Okay, genau dieselben Worte könnten an jedem anderen Schulstandort in Österreich auch fallen. Nur ist das Phlegma hier an der Wiener HAK/HAS nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

    Ausreden lernen

    Interesse der Schüler gibt es dort, wo es um "ihre" Themen geht: den Kosovo etwa oder Homosexualität. Da habe dann jeder eine Meinung dazu (" Aber Herr Prof, wenn Ihr Sohn schwul wäre, würden Sie das erlauben?"), also arbeitet Herr X. anhand dieser Inhalte an den Grundregeln der Debattenkultur. "Dass man jemanden anderen ausreden lässt, ist meinen Schülern unbekannt."

    Nicht selten mündet der Unterricht in eine Schlägerei. Auslöser dafür seien meist Banalitäten. Etwa wenn sich einer beim Fußballspielen provoziert fühlt. Eine Schulsozialarbeiterin und zwei Coaches habe er zwar zur Verfügung, aber die würden wenig in Anspruch genommen, weil ja Freiwilligkeit hier Voraussetzung ist. Wenn er die Eltern zu sich ruft, sind zwar viele kooperativ, oft wird ein psychologisches Unterstützungsangebot aber auch abgelehnt. Brauchen könnten es die meisten.

    Fragt man Herrn X., was die Jugendlichen nach der Schule machen werden, sagt er: "Klapsmühle oder Gefängnis." Er meint das nicht ganz ernst, aber auszuschließen sei es nicht. (Karin Riss, 20.4.2018)

    • Ein bisschen wie am heißen Stuhl: Ein Lehrer und seine desinteressierten Schüler.
      foto: apa/dpa/caroline seidel

      Ein bisschen wie am heißen Stuhl: Ein Lehrer und seine desinteressierten Schüler.

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