Experten: MS-Patienten in Österreich relativ gut versorgt

    18. April 2018, 15:21
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    Patienten mit Multipler Sklerose werden in Österreich in insgesamt 130 Zentren behandelt. Experten bemängeln Probleme mit Spezialambulanzen und Refundierung

    In Österreich leiden rund 12.000 Menschen an Multipler Sklerose (MS), sie werden über ein System von fast 130 Zentren versorgt. Moderne Therapien können den Krankheitsverlauf oft sehr günstig beeinflussen, heißt es von Experten.

    "Der Ausgangspunkt war Ende der 1980er-Jahre, bis dahin stand für die Behandlung der MS kaum etwas zur Verfügung – möglich war nur die Behandlung akuter Schübe mit Cortison. Heute haben wir immer mehr Wirksubstanzen. Für 80 bis 85 Prozent der Patienten ist jetzt tatsächlich eine wirksame Behandlung möglich, dieKrankheitsschübe verringert oder sogar verhindern kann", sagt Eduard Auff, Obmann der Fachgruppe Neurologie der Wiener Ärztekammer, ehemals Chef der neurologischen Universitätsklinik in Wien (MedUni/AKH).

    Arzneimittel wie Beta-Interferon, Glatirameracetat, der monoklonale Antikörper Natalizumab, das zunächst als Transplantationsmedikament entwickelte Fingolimod oder das immunsuppressive Zytostatikum Cladribine erzielen zum Teil sehr gute Behandlungserfolge. Seit kurzem zugelassen oder in Entwicklung sind auch Arzneimittel, mit denen bei sich von Beginn an ständig verschlechternder Multipler Sklerose (primär progredient) ein Effekt zu erzielen ist. "Früher sind die Patienten innerhalb von wenigen Jahren im Rollstuhl gesessen. Das sehen wir heute selten", so Auff.

    Vorteile durch Zentren

    Am Beginn dieser Entwicklung standen aber auch Befürchtungen, dass die Kosten für die Arzneimittel alle Grenzen sprengen könnten. Deshalb wurde ein Netzwerk von fast 130 Behandlungszentren – etwa je zur Hälfte spezialisierte Spitalsambulanzen und niedergelassene Spezialisten – geschaffen, in denen Diagnose, Ersteinstellung auf die Therapie und Betreuung bei Problemen erfolgt.

    "Die Zentrumsbildung bringt für die Patienten Vorteile", sagt Barbara Bajer-Kornek von der Universitätsklinik für Neurologie in Wien. Dadurch sind in den meisten Bundesländern die Spitalserhalter zur Bezahlung der Kosten angehalten. Etwa in der Steiermark gibt es allerdings ein System, bei dem besonders kostenintensive Therapien (Medikamente), die prinzipiell auch außerhalb von Krankenhäusern verabreicht werden könnten, den Spitälern von den Krankenkassen refundiert werden.

    Im Durchschnitt berechnet der Hauptverband der Sozialversicherungsträger die Kosten für einen MS-Patienten pro Jahr für die Krankenkassen mit rund 15.700 Euro. Nimmt man die indirekten Kosten hinzu, dürften die Aufwendungen bei geringgradiger Behinderung pro Jahr bei um die 25.000 Euro liegen, bei moderat aufgetretender Behinderung bei 44.000 und bei fortgeschrittener MS mit deutlicher Invalidität bei 70.000 Euro.

    Früh behandeln

    Gerade deshalb dürfte es laut Bajer-Kornek volkswirtschaftlich richtig sein, Patienten möglichst früh im Verlauf einer MS und dann möglichst wirksam zu behandeln: "Je höher der Behinderungsgrad, desto weniger Anteil machen die Medikamentenkosten aus. Da explodieren die indirekten Kosten, z.B. durch Invaliditätspension und hohen Pflegeaufwand. Wenn wir früh und teuer investieren, haben wir langfristig einen Benefit."

    Doch Sparbemühungen im österreichischen Gesundheitswesen könnten sehr bald die für MS-Patienten erzielten Erfolge gefährden. Auff nannte dazu ein Beispiel: "Da sperren woanders Spezialambulanzen zu – und die Patienten bekommen einen Zettel mit dem Hinweis 'Gehen Sie ins AKH'." Bund, Bundesland und Med-Uni Wien hätten aber in ihrem Kooperationsvertrag beschlossen, dass das AKH nicht mehr als 28 Prozent der Ambulanzfrequenzen in Wien abdecken sollte. "Wir haben aber 35 Prozent", sagte Auff. Die Patienten würden jedenfalls nicht einfach verschwinden. (APA, 18.4.2018)

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