Warum TV-Sendungen über Bauen und Einrichten boomen

    6. Mai 2018, 09:00
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    Immer mehr TV-Formate zeigen, wie andere Menschen renovieren, bauen und wohnen. Das wirkt sich auf die Wohnbedürfnisse der Zuschauer aus

    "Seid Ihr bereit für euer neues Haus?" – diese Frage ist fixer Bestandteil jeder Episode der amerikanischen Fernsehsendung Fixer Upper. Anschließend ziehen die Moderatoren eine große Schiebewand auseinander, hinter der ein frisch renoviertes Haus zum Vorschein kommt. Staunende Augen, hysterische Schreie und Umarmungen folgen. Die Kandidaten sehen zum ersten Mal ihr neues Zuhause, das zuvor von Chip und Joanna Gaines renoviert und eingerichtet wurde. Das Ehepaar aus Waco, Texas, ist Teil der wohl erfolgreichsten Hausrenovierungsshow aller Zeiten. Im Jahr 2013 vom Sender HGTV gestartet, wurde das Format sofort ein Hit. 14,5 Millionen Zuschauer sahen es wöchentlich. Vor wenigen Tagen wurde die letzte Folge in den USA ausgestrahlt, Chip und Joanna wollen sich nun auf andere Dinge konzentrieren.

    hgtv
    Chip und Joanna Gaines renovieren alte Einfamilienhäuser im amerikanischen Fernsehen.

    Zu diesen Dingen gehört etwa das Immobilien- und Einzelhandelsimperium Magnolia, das aus ihrer TV-Sendung entstanden ist. Diese hat nebenbei die texanische Stadt zum Touristenmagnet gemacht. Den Magnolia Market in Waco besuchen 40.000 Menschen pro Woche. Es gibt Ferienappartements, einen Bauernmarkt, eine Bäckerei, ein Gartencenter und ein Restaurant. Sowohl Chip als auch Joanna haben Bücher herausgebracht, verlegen ein Magazin, haben Teppich- und Farblinien entworfen und verkaufen ihre Produkte etwa im Kaufhaus Target.

    Um die Wette

    Das amerikanische Beispiel zeigt, was auch im deutschsprachigen Raum offensichtlich ist: Sendungen über Einrichten, Wohnen, Bauen und Renovieren boomen wie nie zuvor. Eine der aktuell beliebtesten Netflix-Serien heißt Die außergewöhnlichsten Häuser der Welt. Der zu ProSiebenSat1 gehörende Sender Sixx, auf dem auch Fixer Upper zu sehen ist, zeigt aktuell vier weitere Shows, die sich um diese Themen drehen – etwa die deutsche Produktion Boom My Room. Auf Kabel 1 läuft Schrauben, sägen, siegen, bei der die Kandidaten um die Wette renovieren.

    Auch in Österreich war und ist Wohnen und Bauen im TV ein Thema. Auf ATV läuft seit kurzem Kein Pfusch am Bau, in der der EU-Bausachverständige Günther Nussbaum Tipps gibt, wie Baumängel erst gar nicht auftreten. Ebenfalls mit ihm auf ATV zu sehen ist mittlerweile die 14. Staffel von Pfusch am Bau. "Weil die Quoten stimmen", wie Nussbaum im Gespräch mit dem STANDARD sagt.

    foto: sat1 / morris mac matzen
    Janin Ullmann renoviert in "Boom My Room" ab 9. 5. immer mittwochs um 20.15 Uhr auf Sixx.

    Aber woher kommt das Interesse an den Themen Bauen, Wohnen und Renovieren? Warum boomen TV-Formate wie diese? Es hat sozialpsychologische und gesellschaftliche Gründe, weiß der Soziologe Rainer Rosegger. Er hat vor einigen Jahren untersucht, warum Menschen sich dafür entscheiden, ein Einfamilienhaus zu bauen. "In diesen TV-Formaten und in der Werbung werden genau die damals erhobenen Motive angesprochen", sagt Rosegger. Dazu gehöre erstens die Statusrepräsentation. "Ich kann mein Heim im TV präsentieren, dieses Bedürfnis wird so angesprochen und auch weitergegeben", so der Soziologe.

    Rückzug ins Private

    Dazu kommt eine Art neues Biedermeiertum, also ein zunehmender Rückzug ins Private, der in der Trendforschung "Homing" genannt wird. Dabei wird das Zuhause zu einem halböffentlichen Ort. Die Menschen laden Freunde zu sich ein, wollen zeigen, wie schön sie es haben. Rossegger sieht darin auch eine Parallele zu Kochsendungen, die schon seit längerem boomen. Drittens, so Rosegger, sei es vielen Menschen heute ein Anliegen, sich selbst zu verwirklichen. "Sie spricht der Do-it-yourself-Trend stark an. Selbst Hand anlegen – dazu motiviert auch die Werbung, etwa mit Slogans wie 'Respekt, wer's selber macht'."

    foto: atv/kainerstorfer
    Günther Nussbaum hilft Häuslbauern auf ATV immer donnerstags ab 20.15 Uhr.

    Günther Nussbaum glaubt, dass viele Zuschauer sich mit den Protagonisten der Sendungen identifizieren können. "Jeder wohnt ja irgendwie und hat daher auch auf die eine oder andere Art Interesse an den Inhalten. Man fiebert mit, trauert, freut sich." Außerdem werde viel Information vermittelt. "Man kann also etwas lernen. Die Mischung aus Unterhaltung und Information mag das Geheimnis sein", so Nussbaum.

    Themen des Alltagslebens

    Wohnsendungen seien oft eine Mischung aus Reality-TV und Ratgebersendung, dadurch entstehe ein thematisches Interesse des Publikums, sagt der Medienforscher Jürgen Grimm von der Universität Wien. "Es ist ein Megatrend, den wir schon seit mehreren Jahren beobachten: Klassische Informationsvermittlung wird heute zunehmend dominiert durch Themen des Alltagslebens, etwa Wohnen, Gesundheit, Beziehungen." Und: Wohnen habe auch generell an Bedeutung gewonnen. "Es geht nicht mehr darum, nur funktional zu wohnen, die Menschen wollen sich geborgen und wohl fühlen."

    foto: ap / brian ach / invision
    Auf Sixx sind auch Chip und Joanna Gaines zu sehen, in den USA wurde die letzte Folge ihrer Sendung kürzlich ausgestrahlt.

    Und die Folge? Grimm: "Wir wissen aus Untersuchungen, dass die Zuseher die eigenen Geschmäcker und Ansichten mit dem vergleichen, was sie auf dem Bildschirm sehen." Daraus resultiere ein Lernen, ein Schlussfolgern für die Gestaltung des eigenen Bereichs. "Die Menschen denken sich etwa: 'Diese Farbkombination könnte ich auch mal ausprobieren.'"

    Diesen Einfluss hält Soziologe Rosegger teilweise auch für problematisch. Er sieht den zunehmenden Flächenverbrauch durch den Bau von Einfamilienhäusern kritisch und befürchtet, TV-Sendungen könnten die Nachfrage weiter steigern. Dennoch gebe es Chancen: "Das Fernsehen könnte auch verdichtete Wohnformen positiv kommunizieren – auch in dem Bereich ist Selbstverwirklichung möglich." Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits getan: In der Sixx-Sendung Tiny House – Wohntraum XXS werden, wie es heißt, Wohnträume auf wenig Platz wahr gemacht. (Bernadette Redl, 6.5.2018)

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