Designerin India Mahdavi: "Niemals nur zwei Farben verwenden"

    3. Juni 2018, 12:00
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    India Mahdavi gehört zu den aufregendsten Einrichterinnen unserer Zeit. Auch weil sie keine Angst vor Farben hat. Besuch im Pariser Atelier

    Mourad Mazouz wurde langsam ungeduldig. Der Inhaber des Restaurants Sketch in London, der sein Lokal alle Jubeljahre von einem neuen Künstler umgestalten lässt, hatte 2014 David Shrigley verpflichtet, dem Restaurant ein neues Antlitz zu verpassen. Shrigley brachte 239 Zeichnungen mit, einige Keramiken und eine Bitte: Für den Rest solle Mazouz bitte einen Profi zurate ziehen.

    Mazouz rief die Architektin und Designerin India Mahdavi an, beide trafen sich in London, und Mahdavi schlug vor, den Raum ganz in Rosa zu tünchen. Mazouz gefiel die Idee. Womit er nicht gerechnet hatte: Dass India Mahdavi allein einen Monat brauchen würde, um den richtigen Farbton zu finden.

    Es ist doch nur Rosa, dachte Mazouz. Bis er das Ergebnis sah. Die Farbe, die India Mahdavi auserkoren hatte – Pantone-Farbcode 13-520, Rosenquarz –, schlug ein wie eine Bombe. Die Zuschreibungen variierten von "Puderrosa" bis "Kaugummifarben", von "Altrosa" bis zu "sich in einer Vagina betrinken".

    foto: paolo roversi
    Das Restaurant Sketch in London wurde sogar auf Instagram zum Superstar.

    Das Sketch wurde zum Instagram-Phänomen in süchtig machender Überschwänglichkeit, bourgeois, ständig ausgebucht, mit Kopien in Seoul, Doha, Schanghai. "Ich breche den maskulinen Kubus auf etwas Feminines herunter", sagt Mahdavi, "mit Samt und Leder, mit Gold und Kupfer. Das gibt dem Raum den Reichtum, ohne den er nicht funktionieren würde." Außerdem zaubere die Farbe ein ganz hervorragendes Licht ins Gesicht. "Wie nach drei Tagen in der Sonne. Da sieht jeder hübsch und sexy aus."

    Das einzige Problem mit Farbe, sagt Mahdavi, ist, dass Menschen Angst vor ihr haben. "Deshalb ziehen sich auch alle schwarz an – das ist am einfachsten." Am liebsten, sagt Mahdavi, sei es ihr, wenn Farben miteinander reden. "Wenn sie sich streiten." Sie kreiert Räume mit Farben, von denen man meint, sie noch nie im Leben gesehen zu haben. Die Namen schickt sie gleich hinterher, "Mandarin au lait" zum Beispiel.

    Sie mag alle Farben, hat keine Präferenzen, allerdings gilt es, eine Grundregel zu beachten: "Niemals nur zwei Farben verwenden. Entweder eine oder drei oder vier zusammenmischen. Das gibt dem Raum ein ganz neues Gesicht." Alle Farben brächten Freude, wenn man sie denn richtig einsetze. "Polychrom und polyglott" sei ihr Stil. Wer India Mahdavi engagiert, muss bereit sein, seine Komfortzone zu verlassen.

    foto: annik wetter
    Ladurée in Genf.

    Bauhäuslerisch

    Wie ein Foto komponiert die neue Hohepriesterin des Pariser Chic ihre Räume mit subtiler Extravaganza zwischen Barock und Nomadentum. Im Pariser Restaurant Le Germain lässt sie die Grundfarben kollidieren, in Genf hat sie den Teesalon der Macaron-Manufaktur Ladurée von der beige-weißen Langeweile erlöst und einen pistaziengrünen "Garten der Gelüste" geschaffen. "Wer mich engagiert", sagt die 56-Jährige, "sucht nicht das Gewöhnliche. Wer mich engagiert, schaut in die Zukunft."

    Viele von Mahdavis Räumen sind mit eigenem Mobiliar ausgestaltet, sie entwirft es seit 2003, oft mit Samt, ein Dauerbrenner ist der Sessel "Charlotte", dessen Rücken wie Biskotten aussieht. Ihr Geschäft ist gleich unter ihrem Atelier in der Pariser Rue las Cases untergebracht, einer Straße, in der sie ihre Studios und Geschäfte über drei Häuser verteilt.

    Neben ihrer eigenen Produktion entwirft sie unter anderem Zementfliesen für Bisazza, unter dem Namen "Jardin Interieur" hat sie Kelims für die Manufaktur Cogolin entworfen, für Pierre Frey eine Kollektion von Samtstoffen herausgebracht. "Samt ist eines der wenigen Materialien, das sinnlich ist und zugleich viel Farbe transportieren kann", sagt India Mahdavi. Samt ist, neben den Farben, eines ihrer Markenzeichen.

    foto: courtesy of india mahdavi
    Jardin intérieur, entworfen für Cogolin.

    Woher diese prächtige Ausgestaltung der Welt rührt, lässt sich bei einem Blick auf die Vita der Designerin erahnen. India Mahdavi wird 1962 in Teheran geboren, doch schon nach anderthalb Jahren geht der Vater nach Harvard, und die Familie geht mit. Eine Kindheit in Technicolor, "wir haben Bugs Bunny und die Looney Tunes geschaut, mit diesen flachen, tiefen Farben. Autos waren bunt, alles war bunt. Das waren meine glücklichen Jahre." Es folgen Stationen einer rastlosen Kindheit in Deutschland und Frankreich. Sie saugt die Farben auf. Vier Länder in sieben Jahren.

    Mahdavi liebt die Filmemacher der Üppigkeit, Fellini, Visconti, Kubrick, und studierte Architektur an École des Beaux-Arts, um zum Film zu kommen, das hatte bei Fritz Lang auch funktioniert. Noch heute sieht sich die Gestalterin als Teil einer Unterhaltungsindustrie.

    Erweckungsmoment

    Sie lernte auch an der Designschule Parsons und an der Cooper Union, landete schließlich bei Christian Liaigre in Paris – dem minimalistischen Einrichter von Calvin Klein und Karl Lagerfeld, dem Schöpfer des Mercer-Hotels in New York und des Hotel Montalembert in Paris. Es ist die Zeit der Experimente, und Philippe Starck steht in voller Blüte. Statt von außen nach innen, wie in der Architektur, geht es nun von innen nach außen. Ausgangspunkt sind ein Objekt oder zwei Materialien oder Farben – der Ort wird ringsherum komponiert. Das war ihr Erweckungsmoment.

    1999, nach sieben Jahren, löst sie sich: India Mahdavi macht jetzt Interieurs an der Grenze zum Kitsch, messerscharf ausbalanciert. Und sie ist plötzlich jemand. Die Franzosen nennen ihren Stil "faux coordonné" – sieht aus wie ein stimmiges Gesamtbild, ist aber aus verschiedenen Elementen ganz unterschiedlicher Kulturkreise zusammengesetzt. Mahdavi nennt es: Pop-Orientalismus.

    Ein guter Raum brauche Fehler, Brüche, sagt sie, sonst sei er nur Showroom. "Die Qualität kommt vom Material und dem Inhalt, den du einem Raum gibst. Das kannst du nicht vernachlässigen, sonst sieht es billig aus."

    foto: courtesy of india mahdavi
    Samt ist ein Dauerthema in Madavis Entwürfen.

    Dass sie aus Frankreich den Luxus hat, den Barock, die Sophistication, ist unverkennbar. Aus Amerika hat sie den Esprit, aber dass Persien ihr Nährboden ist, merkt sie erst später. "Jeder trägt nicht nur persönliche Erinnerungen in sich, sondern auch familiäre, kulturelle", sagt sie. In das Land, an das sie kaum Erinnerungen hatte, kehrt sie erst als Erwachsene zurück.

    Im Iran entdeckt sie eine Welt, die ihr näher ist, als sie vermutet. "Als ich das erste Mal in den Iran kam, entdeckte ich, dass alles dort ein Echo dessen war, was ich mochte, was ich tat." Sie mischte damals viele Dekors zusammen, "und dann bemerkte ich, dass zum Beispiel in Isfahan das Gleiche geschieht. Ich machte die gleiche Arbeit, aber mit abendländischen Mustern und Farben." Iranische Folklore in amerikanischem Pop, ein Bild vom Orient, das es im Orient in dieser Unverkitschtheit nicht gibt.

    "Ich war immer das Mädchen von woanders", sagt India Mahdavi heute. "Nach diesem Anderen suche ich heute, wenn ich reise, es ist mein Quell der Inspiration."

    foto: courtesy of india mahdavi
    India Mahdavi

    Neben Los Angeles und New York zählt sie Istanbul, Beirut, Kairo und Teheran zu den Orten, die sie inspirieren. Besonders Teheran, weil man dort Dinge sieht, die aufgrund des wenigen Tourismus noch nicht totgesehen sind.

    Sie liebt den Iran, der vielschichtig ist wie sie. "Bewegung ist wichtig", sagt India Mahdavi. "Aus Bewegung entsteht viel. Deine Ideen sollten in Bewegung bleiben. Nichts sollte stehenbleiben." Dreimal im Jahr ist sie zwischen Persien und Paris unterwegs, sie besitzt ein Stück Land im Norden des Landes.

    Als sie vor fünf Jahren das Buch Home Chic schreibt, einen Ratgeber zum Einrichten mit einfachen Tipps, wird sie auf einer Reise in den Iran überrascht. "Als ich in einem Haus auf dem Land war, mitten im Nirgendwo, da sah ich: All meine Tipps waren berücksichtigt worden, auf einem anderen Niveau zwar, aber alles war so, wie ich es schrieb. Und plötzlich dachte ich: Ich habe nichts erfunden. Es war einfach in mir drin." (Florian Siebeck, RONDO Open Haus, 3.6.2018)

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