"Manhunt: Unabomber": Das jähe Karriereende der Tabby Milgrim

    Blog22. April 2018, 08:00
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    Beim FBI geht es offenbar kompetitiv und unfair zu. Wie unfair, sehen wir an Tabby Milgrim, ohne die der "Unabomber"-Fall wohl anders verlaufen wäre. Achtung, Spoiler

    Das FBI ist ein ziemlich arroganter Männerverein. So wird das Federal Bureau of Investigation zumindest in der Miniserie "Manhunt: Unabomber" (2017, auf Netflix abrufbar) dargestellt, die die FBI-Ermittlungen im Falle des "Unabombers" Ted Kaczynskis nachzeichnet. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Ermittlers Jim Fitzgerald, der Mitte der 1990er an dem Fall mitarbeitete, mit neuen, damals noch ungewöhnlichen Methoden. Und das stinkt den alteingesessenen FBI-Agents ziemlich. Da kommt ein unerfahrener Typ daher, noch dazu einer, der sich für den Aufstieg vom Streifenpolizisten zum Agenten in der Abendschule abmühen musste, und erzählt ihnen was von "forensischer Linguistik". Mit einem Sprachprofil sollen wir diesen Serienbombenleger fassen? Durch die Identifikation seines persönlichen Sprachstils? Seines "Idiolekts"? Lächerlich!

    In diesem Team voller Männer mit erstaunlichem Selbstbewusstsein – angesichts dessen, dass sie in dem Fall seit vielen Jahren keinen Schritt vorankamen – hat es Fitzgerald mit seinen neuen Ermittlungsansätzen nicht leicht. Als die forensische Linguistik in dem Fall allerdings über die alten Methoden triumphiert, scheuen die Chefs und Kollegen Fitzgeralds nicht davor zurück, sich mit fremden Federn zu schmücken. Da könnte einem Fitzgerald fast leidtun, der später – im wirklichen Leben – ein Buch über seine Erlebnisse veröffentlichte ("A Journey to the Center of the Mind, Book III: The 'First Ten' FBI Years, 1987–1997"), auf dem die Serie "Manhunt: Unabomber" basiert.

    Maschine schlägt Sprachstil

    Aber eben nur fast. Denn einer aus dem FBI-Team wird auch die späte Anerkennung verwehrt: Tabby Milgrim. Dabei wäre ohne sie alles schiefgegangen, und das ging so: Vor etwa 23 Jahren, im Juni 1995, veröffentlichten "The New York Times" und die "Washington Post" das sogenannte Unabomber-Manifest "Industrial Society and Its Future". Das war für Fitzgerald die Gelegenheit, sprachliche Eigenheiten von Kaczynski zu analysieren und darauf zu hoffen, dass jemand aus der Bevölkerung den Unabomber über seinen Sprachstil erkennt. Ebendas wäre fast schiefgegangen, wäre Tabby Milgrim nicht gewesen. Bei einem derart aufsehenerregenden Fall gab es freilich eine Unmenge an Hinweisen, alle unbrauchbar. Bis auf einen– und diesen Hinweis fischte Milgrim aus einem Berg von Papieren und ging ihm nach.

    variety

    Fitzgerald, zu diesem Zeitpunkt schon besessen von dem Fall, hätte wenn nötig jegliches nicht FBI-konforme Vorgehen durchgezogen. Denn die Forensiker erkannten einen Brief von Kaczynski, der von dessen Bruder zum Vergleich ans FBI geschickt worden war, nicht. Sie verließen sich auf "harte Fakten", es sei die falsche Schreibmaschine, und fertig! Aber Tabby suchte sich den Brief trotz des Vermerks "keine Übereinstimmung" nochmal heraus und erkannte, was schließlich zur Lösung des Falles führte: Dieser Brief, diese Wortwahl, dieser Schreibstil, das klingt nach Kaczynski! Aufgeregt bestätigte ihr das schließlich auch Fitzgerald: "Wir haben ihn!" Ab da waren ihm irgendwelche FBI-Regeln völlig egal. Doch Milgrim wollte noch den offiziellen Weg gehen und ihre Chefs davon überzeugen, dass dieser Brief zu Unrecht ad acta gelegt worden sei – aber nix da: Falsche Schreibmaschine, sagt doch alles, wehrten diese die junge Polizistin schnell und genervt ab.

    Dunkle Episode einer Karriere

    Und so bog auch Tabby Milgrim in den "inoffiziellen" Amtsweg ein, gemeinsam mit Fitzgerald. Als alles rauskam, gab es ungeachtet der Tatsache, dass die Vorgehensweise von Milgrim und Fitzgerald zum lang ersehnten Erfolg führte, mächtig Ärger. Gefeuert wurde allerdings nur eine: Tabby Milgrim. Wutentbrannt brüllt sie Fitzgerald in den Gängen des FBIs an, der sie bei seinem Chef verriet – den in Kündigungsszenen obligatorischen Karton mit Topfpflanze in ihren Händen. Immerhin erinnerte sich Jim Fitzgerald an diese unschöne Episode seiner Karriere. Im Dunkeln bleibt allerdings, wie es mit der Karriere von Tabby Milgrim weiterging, die wesentlich zu diesem ersten großen Erfolg der forensischen Linguistik beigetragen hatte. (Beate Hausbichler, 22.4.2018)

    Info

    Die Reihe "Idealbesetzung" stellt neue, alte oder zeitlose Figuren aus der Popkultur vor, die unkonventionell, emanzipatorische Role-Models oder aus anderen Gründen besonderer Beachtung wert sind.

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    • Keisha Castle-Hughes spielt die Rolle der Tabby Milgrim.
      foto: chris pizzello/invision/ap

      Keisha Castle-Hughes spielt die Rolle der Tabby Milgrim.

    • Jim Fitzgerald, sitzend, stößt mit seiner forensischen Linguistik auf wenig Gegenliebe, bis sich erste Erfolge einstellen.
      foto: discovery channel / tina rowden

      Jim Fitzgerald, sitzend, stößt mit seiner forensischen Linguistik auf wenig Gegenliebe, bis sich erste Erfolge einstellen.

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