"Die Rückkehr der Legion": Was von den Römern in Oberösterreich übrigblieb

Blog19. April 2018, 08:00
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Archäologische Forschungen im Rahmen der 32. oberösterreichischen Landesausstellung

Am 26. April wird die 32. oberösterreichische Landesausstellung "Die Rückkehr der Legion" eröffnet. Die musealen Projekte in Enns, Schlögen und Oberranna werden für alle sichtbar werden: die großzügige Neuaufstellung einer der wichtigsten römerzeitlichen Sammlungen Österreichs im Museum Lauriacum und die neue Präsentation in der Unterkirche der Basilika St. Laurenz in Enns sowie die Schutzbauten in Schlögen, Oberranna (ab Juli) und bei den Kalkbrennöfen von Lauriacum/Enns (2019). Hier werden nicht nur drei ganz besondere archäologische Stätten, die im Zuge von Forschungsgrabungen freigelegt werden konnten, langfristig der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, durch die Landesausstellung ist es möglich geworden, diese Orte quasi Unesco-tauglich zu machen. Im Jänner wurde der Einreichungsantrag zum Unesco-Welterbe "Donaulimes – Abschnitt West" in Paris abgegeben, im Sommer 2019 könnte die Ernennung zum Welterbe erfolgen. Im Gegensatz zu anderen Regionen war bis dato am oberösterreichischen Abschnitt dieses potenziellen Welterbes nicht sehr viel sichtbar.

foto: mules of marius
6.000 handbemalte Zinnfiguren: Nach 1.800 Jahren ist wieder eine Legion in Lauriacum/Enns stationiert, diesmal allerdings im Kleinformat.

Wissenschaft als Basis

Im Hintergrund ist noch viel mehr passiert. Die Auswertungen zu den Ausgrabungen haben begonnen, außerdem sind Fundmaterial und insbesondere menschliche Überreste aus früheren Grabungsprojekten genau unter die Lupe genommen worden. Durch geophysikalische Prospektionen konnte ein komplett neues Bild von Lauriacum gewonnen werden. Manch anderes muss noch ausgewertet oder vertieft werden, sodass gewährleistet ist, dass die archäologische Forschung in den kommenden Jahren nicht stillstehen wird.

Die Landesausstellung ist nicht nur aus musealer und touristischer Sicht das wahrscheinlich nachhaltigste derartige Projekt, das es bis dato gegeben hat – alle Präsentationen bleiben bestehen –, es ist auch aus wissenschaftlicher Sicht etwas Besonderes: Durch die "Rückkehr der Legion" ist der Motor der provinzialrömischen Archäologie in Oberösterreich auf Touren gekommen, das angestrebte Welterbe soll helfen, weiter Fahrt aufzunehmen.

Die Lager der Legio II Italica

Rechtzeitig zur Landesausstellung schloss Stefan Groh sein langjähriges Forschungsprojekt zu den Lagern der zweiten italischen Legion ab, das viele neue und durchaus überraschende Erkenntnisse brachte. Der neue Lagerplan von Lauriacum diente als Basis für ein 3D-Modell, das von 7 Reasons umgesetzt wurde. Das Modell ist gleichzeitig eine Mutimediastation, die die Lagerstruktur auf einfache, aber effektive Weise veranschaulicht.

foto: 7reasons
Modell = Multimediastation Legionslager: Bei diesem Beleuchtungsszenario ist das Lagerspital (valetudinarium) beleuchtet.

Große Puzzles

Gleich zwei Forschungsprojekte am ÖAW/ÖAI widmen sich den zivilen Siedlungsbereichen von Lauriacum. Im Zuge eines großangelegten Geophysikprojekts konnten die noch verbliebenen Freiflächen von Enns mittels Magnetometer (67,3 Hektar) beziehungsweise Georadar (3,2 Hektar) untersucht werden. Die Auswertungen erfolgten im Rahmen einer Diplomarbeit von Klaus Freitag, die im Lauf des Jahres ebenfalls in den Forschungen in Lauriacum erscheinen soll. Daraus ist ein neuer archäologischer Plan entstanden, der im Museum Lauriacum erstmals der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Außerdem wird zum ersten Mal in der mehr als 160-jährigen Archäologiegeschichte von Enns ein Großgrabungsprojekt (Pfanner-Gründe 2007–2011) in seiner Gesamtheit publiziert. Die über 15.000 von Helga Sedlmayer bearbeiteten Objekte gewähren tiefe Einblicke in das Alltagsleben einer Siedlung bei einem römischen Legionslager.

recher
Animierter 3D-Laserscan des Römerbads Schlögen. (c) OÖLM – AEC – EF-TECH

Kleine Puzzles

Der Zuzug von circa 6.000 Soldaten und den unweigerlich nachfolgenden Familien, Kaufleuten, Händlern, Gewerbetreibenden et cetera brachte einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, nicht nur für die Siedlung, sondern für die gesamte Region mit sich. Zur Blütezeit dürfte Lauriacum etwa 25.000 Einwohner beherbergt haben – also etwa doppelt so viele wie die heutige Stadt Enns. Jede größere Ausgrabung fördert auf der einen Seite kistenweise Massenware zutage, auf der anderen Seite stechen aber immer wieder einzelne Funde durch ihr Material und/oder ihre Qualität ins Auge. So bekommt etwa das berühmte Deckenfresko von Lauriacum, auf dem Amor und Psyche oder Zephyros und Chloris/Flora dargestellt sind, Gesellschaft von Medusa. Die österreichweit wohl bedeutendsten römischen Wand- und Deckenmalereien wurden in den vergangenen Jahren im Bundesdenkmalamt in mühevoller Kleinarbeit zusammengesetzt, restauriert und für die museale Präsentation vorbereitet. Bis zu vier übereinanderliegende Schichten – also Belege für römerzeitlichen "Tapetenwechsel" – zeigen prachtvolle figurale und dekorative Elemente. Das 2001/2002 erforschte Gebäude wird nach dem mehrfach belegten Bildmotiv der Gorgo Medusa als "Haus der Medusa" bezeichnet.

foto: bda
Restaurierung von Fresken aus dem "Haus der Medusa".

Römerbad und Römerburgus

Zwei besondere Attraktionen erwarten die Besucher im oberen Donautal. Der eigens errichtete Schutzbau über den Ruinen des Badegebäudes der Zivilsiedlung (vicus) von Schlögen bildet das Herzstück des Römerparks Schlögen. Das kleine, aber feine balneum wurde 2015 vollständig freigelegt und eignet sich hervorragend als Vermittlungsort zur römischen Badekultur.

foto: 7reasons
Idealrekonstruktion des römischen Badegebäudes.

Nur zehn Kilometer flussaufwärts, in Oberranna, findet sich das nächste römische Bauwerk, das im Rahmen der Landesausstellung 2018 mittels Schutzbau erschlossen wird.

foto: e. weinlich
Ausgrabung Römerburgus Oberranna (2017/18).

Die spätantike Kleinbefestigung ist mit bis zu 2,5 Meter aufgehendem Mauerwerk das mit Abstand am besten erhaltene römische Bauwerk in Oberösterreich. Der einzige Quadriburgus am österreichischen Donaulimes wird die Wissenschaft noch länger beschäftigen. (Stefan Traxler, 19.4.2018)

Stefan Traxler, geboren 1975 in Linz, studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Altertumskunde an der Universität Salzburg. Er ist als Archäologe am oberösterreichischen Landesmuseum tätig und derzeit als wissenschaftlicher Leiter für die inhaltliche Ausrichtung und die Forschungsprojekte im Rahmen der oberösterreichischen Landesausstellung 2018 verantwortlich.

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