Was hinter Faßmanns abgeschwächten Plänen zu Deutschklassen steckt

    17. April 2018, 18:02
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    Die separaten Deutschklassen sollen für deutlich weniger Schüler gelten als geplant, doch Wien protestiert immer noch. Was bringt der neue Regierungsentwurf?

    Die geballte Kritik zeigte Wirkung. Die Regierung will am Mittwoch im Ministerrat zwar den Gesetzesentwurf zu einem ihrer Leuchtturmprojekte beschließen, hat diesen aber in einem entscheidenden Punkt abgemildert. Die umstrittenen, weil abseits des Regelunterrichts vorgesehenen Deutschförderklassen sollen für deutlich weniger Schüler mit Sprachproblemen Pflicht sein als geplant.

    Die zentrale Änderung: Laut der bisherigen Pläne sollten sämtliche Pflichtschüler, die mangels Deutsch dem Unterricht nicht folgen konnten, in separaten Klassen fernab der anderen Altersgenossen gefördert werden. Jener Entwurf hingegen, den Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) nun vorgelegt hat, sieht den Sonderweg nur noch für Neueinsteiger vor – also für Schulanfänger und ältere Kinder, die eben erst nach Österreich gekommen sind. Ein Argument gegen die Pläne fällt damit weg, wie einer der Kritiker zugesteht: "Wichtig für alle Familien ist, dass derzeit bestehende Klassen offenbar doch nicht auseinandergerissen werden", sagt Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ).

    Unbesänftige Kritiker

    Faßmann hatte noch einen anderen beanstandeten Punkt im Auge. Schlicht unrealistisch sei das Vorhaben, hieß es, zumal das Modell bereits im September mit dem neuen Schuljahr starten soll: In so kurzer Zeit seien die nötigen Klassenräume und Lehrer niemals aufzustellen. Der Minister trägt dem Protest nun nicht nur mit der Einschränkung auf Neueinsteiger Rechnung, sondern hebt auch ein Limit an: Die Deutschklassen sollen erst ab acht statt sechs betroffenen Schülern an einer Schule eingerichtet werden. Statt rund 230 zusätzlichen Klassen im Vergleich zu den Sprachstartgruppen, wie es sie an Volksschulen bereits jetzt schon gibt, sollen nun nur mehr 80 dazukommen.

    Sind die Kritiker im rot-grünen Wien, wo von allen Bundesländern mit Abstand die meisten Schüler mit Deutschdefiziten leben, also besänftigt? Keineswegs, denn Czernohorszky hält Faßmanns Berechnung für unrealistisch: Wien allein kommt laut Prognose seines Büros auf 130 zusätzliche Klassen – was nach wie vor unbewältigbar sei. Außerdem, fügt der Stadtrat an, blieben grundlegenden Einwände ja unverändert.

    30 Prozent in Wien haben Deutschprobleme beim Start

    Um die Kritik einschätzen zu können, lohnt ein genauer Blick auf das türkis-blaue Modell. Ab Frühjahr 2019 sollen alle Kinder, die bei der Schuleinschreibung Deutschmängel zeigen, einen standardisierten Test absolvieren; im heurigen Startsemester übernimmt die Einstufung noch der Schulleiter. Wer schlecht abschneidet, wird wie schon bisher als außerordentlicher Schüler eingestuft. In Wien fallen in der ersten Klasse Volksschule übrigens rund 30 Prozent in diese Kategorie.

    Danach sind zwei Möglichkeiten vorgesehen: Spricht das Mädchen oder der Bub mangelhaft Deutsch, kann aber dem Unterricht einigermaßen folgen, winkt ein Deutschförderkurs über sechs Wochenstunden in der normalen Schulklasse. Fehlt das Basisverständnis, führt der Weg für 15 (Volksschule) oder 20 Stunden (Sekundarstufe 1) pro Woche in die separate Deutschklasse. Musik, Turnen, Zeichnen und andere "nicht sprachintensive" Fächer sollen in den gewöhnlichen Klassen stattfinden.

    Nach jedem Semester ist ein Test zur Überprüfung geplant: Reichen die Fortschritte aus, wechseln die Kinder in den Förderkurs in der normalen Klasse, wenn nicht, verbleiben sie in der separaten Klasse – insgesamt bis zu zwei Jahre lang.

    Festgenagelt in der Klasse

    Förderung abseits der regulären Klassen existiert jetzt an sich auch schon: Abgesehen von Deutschkursen innerhalb des Normalunterrichts gibt es für Volksschulanfänger eigene Sprachstartgruppen im Umfang von elf Wochenstunden. Was an Faßmanns Pläne dann so schlimm sei? In den Startgruppen seien die Kinder nicht per se für mindestens ein Semester festgenagelt, sondern könnten flexibel wechseln, argumentiert Czernohorszky, außerdem seien die Gruppen kleiner als die für bis zu 25 Kinder konzipierten separaten Klassen. Noch eine Kritik: Während für Förderkurse im Unterricht bisher elf Wochenstunden vorgesehen waren, sind es nun nur noch sechs.

    Dafür bieten die neuen Deutschklassen bis zu 20 Stunden, hält das Bildungsministerium entgegen, und der entscheidende Unterschied zu früher sei: "Nun ist die Förderung verpflichtend." Die elf Stunden hätten oft nur auf dem Papier existiert, das gelte gerade für Wien, wo Fördergeld offenbar für andere Zwecke ausgegeben wurde: Sonst schnitten die Schüler bei diversen Leistungstests nicht so schlecht ab.

    Eine böse Unterstellung nennt man das im Büro Czernohorszky: Wenn es an Förderung mangle, dann deshalb, weil das Ministerium nicht genügend Lehrer gewähre. (Gerald John, 18.4.2018)

    • Deutschlernen in der Schule: Das Bildungsministerium wirft Wien vor, nicht genügend zu fördern.
      foto: dpa / monika skolimovska

      Deutschlernen in der Schule: Das Bildungsministerium wirft Wien vor, nicht genügend zu fördern.

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