Wada: Biathlon-Präsident jahrelang von Russen geschmiert

17. April 2018, 17:40
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Mit einem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur werden Details über den mutmaßlichen Skandal im Biathlon-Weltverband öffentlich

Salzburg/Wien – Bezahlte Jagdausflüge, Besuche bei Prostituierten, Stimmenkauf. Die laut der ARD-Dopingredaktion in einem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) formulierten Vorwürfe gegen den zurückgetretenen Präsidenten des Biathlon-Weltverbands, Anders Besseberg, gehen jedenfalls weit über die Vertuschung russischer Dopingproben hinaus. Der Wada-Report legt nahe, dass Russland mithilfe von Bestechung seit mehr als einem Jahrzehnt im Weltverband IBU quasi Narrenfreiheit genoss.

Nicht nur der Biathlonskandal belegt zudem, dass der russische Staatsdopingskandal nicht ausgestanden ist. Die Wada bestätigte der ARD, dass die Auswertung der Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor 9000 auffällige Proben ans Tageslicht beförderte, die circa 4500 Athleten betreffen.

Die Wada hat demnach schon 60 Sportverbände informiert, die Verdachtsfälle untersuchen sollen. Im November 2017 war die oberste Antidopingbehörde durch einen Whistleblower an das sogenannte Laboratory Information Management System (LIMS) des Moskauer Kontrolllabors gelangt. Die gigantische Datensammlung beinhaltet alle Testergebnisse von Jänner 2012 bis August 2015.

Die Behörden, die gegen den zurückgetretenen norwegischen IBU-Präsidenten Besseberg und die deutsche Generalsekretärin Nicole Resch ermitteln, gehen nicht nur dem Verdacht nach, dass 65 Dopingfälle russischer Biathleten seit 2011 vertuscht wurden. Die Wada wirft Besseberg vor, er habe sich seit 2003 von den Russen nach allen Regeln der Kunst schmieren lassen.

Von bezahlten Jagdausflügen nach Russland ist die Rede, von der Vermittlung von Prostituierten. Besseberg soll dafür unter anderem die Vergabe der WM 2021 an die russische Stadt Tjumen forciert haben. Für den Stimmenkauf zugunsten Tjumens, so behauptet die Wada, sollen bis zu 100.000 Euro an Mitglieder des IBU-Boards geflossen sein. Im Februar 2017 zog die IBU die WM-Zusage für Tjumen auf öffentlichen Druck hin wieder zurück.

Nur fünf weiße Schafe

Besseberg habe sich gegenüber Russland "unglaublich loyal und unterstützend" gezeigt, schreibt die Wada. Resch habe im Verband praktisch die alleinige Hoheit über das Dopingverwaltungsprogramm gehabt und anderen IBU-Mitarbeitern den Zugang verwehrt. Das alles soll auch dazu beigetragen haben, dass vergangene Saison im Welt- und IBU-Cup 17 von 22 russischen Athleten gedopt an den Start gingen – und unbehelligt blieben.

Die seit Ende 2017 laufenden Ermittlungen der österreichischen Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in Wien gegen Besseberg und Resch sowie russische Sportler und Betreuer gehen weiter. Die WKStA bestätigte dem norwegischen Sender NRK am Montag, dass gegen zehn Personen wegen Dopingbetrugs und gegen zwei Personen – wohl Besseberg und Resch – wegen Korruption ermittelt werde. Eine WKStA-Sprecherin sagte, die Aufarbeitung des gesammelten Beweismaterials werde Monate dauern.

Mittlerweile führt der für Finanzen zuständige IBU-Vizepräsident Klaus Leistner, gleichzeitig Generalsekretär im österreichischen Skiverband (ÖSV), interimistisch die IBU. Besseberg hatte sich zuletzt demonstrativ gelassen zu den Vorwürfen geäußert. Die Wada, sagte er, sei "in einer deprimierenden Lage". (sid, fri, 17.4. 2018)

  • Besseberg, seit 1992 im Amt, trat als Präsident der IBU zurück.
    foto: apa/expa/jfk

    Besseberg, seit 1992 im Amt, trat als Präsident der IBU zurück.

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